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MERIT

Über das Finden der eigenen Stimme

17. Juli 2023 | Laura Baumgardt

Die Künstlerin MERIT
©Lia Kalka

In nur einem Jahr hat sich das Leben der jungen, aufstrebenden Musikerin MERIT um 180 Grad gewandt. Sie schreibt und produziert elektronische Popmusik mit melancholischen Klängen und träumerischen Nuancen. Besonders dank ihres intimen, zarten Gesangs und ihre ausdrucksstarken Texte stellt sie einen musikalischen Höhepunkt unter den Newcomer*innen in Berlin dar. Ein Portrait von Laura Baumgardt.

An einem lauen Frühlingsnachmittag in Berlin saß die damals 23-jährige Merit-Victoria Straub im Hinterhof ihrer Altbauwohnung und feierte mit Freund*innen die Veröffentlichung ihres ersten Songs und Musikvideos. Mit »Monotone Flow« – ein Lied über das Gefangensein im Kreislauf des eigenen Lebens, das allzu oft von äußeren Strukturen und Ansprüchen vorbestimmt scheint – machte sie zum ersten Mal einen Teil ihrer Innenwelt für die Öffentlichkeit zugänglich. Ein Thema, dass sie in ihrer Arbeit stets beschäftigt. 

Ein Jahr und vier weitere Singles später treffe ich Straub in einem urigen Café im Bergmannkiez. Wir setzen uns an einen kleinen Holztisch direkt neben das Fenster, das den Blick auf die vorbeilaufenden Passant*innen ermöglicht. Es ist ein gemütlicher, kleiner Ort, ebenso charmant wie alt. »Während der Schulzeit hatte ich nie den Gedanken, dass ich irgendwann etwas mit Musik machen möchte«, beginnt Merit über ihre Anfänge zu sprechen. Ihre Mutter, die selbst Ambitionen als Opernsängerin hegte, hatte bereits in der frühen Kindheit ihr musikalisches Interesse gefördert. Camcorder-Aufnahmen aus Kindertagen zeigen Merit und ihren Bruder, wie sie vor dem Notenständer stehend singen und ihre Mutter imitieren. 

Klassische Musik war ein ständiger Bestandteil des familiären Alltags, die beiden Geschwister bekamen frühzeitig Klavierunterricht und besuchten regelmäßig die Oper. »Mein großer Bruder hatte aber nicht so viel Interesse daran wie ich«, sagt Straub und schmunzelt in sich hinein. Später ging sie auf ein Gymnasium mit musikalischem Schwerpunkt. Mit voller Begeisterung spricht sie von ihren talentierten Klassenkamerad*innen, von denen manche mittlerweile in der Musikbranche tätig sind, und wirkt schon fast kleinlaut, wenn es um ihr eigenes Talent geht. »Ich habe mich neben den anderen nie als jemanden gesehen, die musikalisch ist. Ich war immer gut in Theorie und Notenlesen, aber der Rest lag mir nicht so.« Sie macht eine Pause, relativiert nach kurzem Überlegen ihr selbstauferlegtes Urteil. »Vielleicht war ich auch ein bisschen streng mit mir«, fügt sie hinzu und wirkt fast überrascht über diese Einsicht. 


Zum damaligen Zeitpunkt bestimmte ihr Leben noch eine andere Leidenschaft, der sie in ihrer Freizeit mit Hingabe nachging: Mode. Sie nähte ihre Kleidung selbst, machte Praktika bei Designer*innen und arbeitete auf den Fashion Weeks. »Das wusste auch jeder. Es war meine Identität.« Mit 16 Jahren bewarb sie sich an der Universität der Künste für ein Studium im Fach Modedesign – doch bereits in der ersten Bewerbungsrunde schied sie aus. »Ich wusste gar nicht, was mir geschah und was ich jetzt machen soll.« Aus der Not heraus entschloss sie, stattdessen BWL zu studieren. 

Währenddessen begann Straub, ihre ersten eigenen Songs als MERIT zu schreiben. Plötzlich wird sie ruhiger, wirkt nach innen gekehrt. Sie räuspert sich ein wenig und richtet ihren Blick auf den Tisch. »Ich habe das versteckt. Ich habe die Texte, die ich geschrieben habe, extra so hingekritzelt, teilweise sogar kryptisch geschrieben, dass niemand es verstehen und lesen kann. Auch die Noten habe ich verschlüsselt aufgeschrieben. Es war mir so heilig und privat, dass ich dachte, es darf niemals jemand hören.« Zu dem Zeitpunkt steckte sie in einer schwierigen Lebensphase und selbst in diesem Moment, einige Jahre später, spüre ich den großen Einfluss, den dieser Zeitraum auf sie als Person und ihr musikalisches Schaffen hatte. 

Zeitgleich wurde Straubs Drang zur Veräußerung immer größer und sie begann Gesangsunterricht zu nehmen. Dabei ging es zunächst darum, das Vertrauen in sich selbst zu stärken. »Die Stimme und die Psyche sind stark miteinander vernetzt. An Tagen, an denen es mir gut geht, treffe ich Töne, die ich in meinem Leben noch nicht getroffen habe. Die waren aber die ganze Zeit schon da. Die waren nur versteckt von einem Schleier an Gefühlen und Emotionen.« Der Prozess des Sichzeigens und Gehörtwerdens spiegelt sich auch in ihrer Musik wider. 

Zwischen Kapstadt und Berlin

Das Schreiben von Musik stellt für Straub einen kathartischen Prozess dar. »Es bedeutet, im wahrsten Sinne des Wortes eine Stimme zu finden und sich eine Stimme zu geben für Dinge, die man sonst nicht sagen kann. Und auf eine Art und Weise geht es auch darum, dass das Gehör findet und dass Leute sich damit identifizieren können.« Inspiration schöpft sie dabei aus der Auseinandersetzung mit der eigenen Gefühlswelt. »Meine Ideen entspringen zumeist aus Fetzen, die ich in meinen Notizen sammle oder mir per Sprachnachricht schicke. Es sind mittlerweile Tausende.« 

Das macht ihr Songs wiederum zu Dokumenten ihrer persönlichen Entwicklung. Während in »Fata Morgana« Fragen nach der eigenen Identität und das Anpassungsverhalten gegenüber anderen im Vordergrund stehen, geht es in »Sad Boy Savior« um die bewusste Entscheidung, seine Energie für sich zu behalten, anstatt sie in die Rettung anderer zu investieren. 

In den vergangenen Monaten lebte und arbeitete Straub in Kapstadt. Inmitten der überwältigenden Landschaft Südafrikas wurden Themen wie Natur und Spiritualität präsenter. Das hatte auch Einfluss auf ihre Musik und die Themen, die sie darin behandelt. »Es entwickelt sich mittlerweile mehr nach außen. Meine innere Gefühlswelt steht nicht mehr im Vordergrund. Ich habe mittlerweile meine Stimme gefunden, aus der ich schöpfen kann. Es geht mehr um den Austausch zwischen mir und meiner Umwelt.«


Das schließt auch die Zusammenarbeit mit anderen ein. In Kapstadt lernte sie den Produzenten Jono Greyling kennen, mit dem sie erstmals gemeinsam an Songs arbeitete. »Das war das erste Mal, dass ich nicht allein an meinem Klavier saß.« Die intensive Zusammenarbeit eröffnete Räume zum Ausprobieren von unkonventionellen Herangehensweisen, Musik zu produzieren. »Dort kam das Thema Radiotauglichkeit nie auf.« Sie strahlt, wenn sie von ihrem Aufenthalt in Kapstadt berichtet, wirkt losgelöst. Mit zunehmender Intensität spüre ich, wie leidenschaftlich sie für ihre Musik brennt. 

Nun ist Straub seit einigen Wochen wieder in Berlin und neue Aufgaben und Herausforderungen kommen auf sie zu. Das sei auch besser so, betont sie. »Wenn ich keinen Antrieb habe, dann wird auch nichts voranschreiten. Man weiß nie, wohin es einen führt und ob es funktioniert. Auf der anderen Seite habe ich ein extremes Vertrauen, weil sich meistens alles fügt.« In ihrer Stimme liegt Ruhe. »Egal, wo ich bin, merke ich, dass es funktioniert. Es findet Anklang und Leute haben Lust, an dem Projekt MERIT zu arbeiten.«

Immer wieder spüre ich in ihren Worten zwei Pole, die aneinander reiben, sich abstoßen und trotzdem miteinander vereint sind: Straubs Selbstzweifel und der kritische Blick auf ihre eigenen Fähigkeiten prallen auf dieses Feuer in ihren Augen und den ungebändigten Willen, sich zu veräußern und etwas zu bewegen. Die Musik von MERIT ist von dieser inneren Zerrissenheit und dem ständigen Auf-der-Suche-Sein geprägt. Und zugleich aber ist sie genau das, was sie auf dieser Suche immer wieder auf den richtigen Weg bringt.

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