Releases des Sommers

Mai bis September 2023

15. September 2023 | Kristoffer Cornils

A section in a record stores that says "music to fuck your head"
©Kristoffer Cornils

Der Sommer neigt sich dem Ende zu und auch der Monat der zeitgenössischen Musik ist (fast) um. Die Musik aber strahlt weiter. Die Redaktion von field notes arbeitet mittlerweile an der kommenden Ausgabe für die Monate November und Dezember, soviel sei bereits verraten: Es stehen eine ganze Reihe von wunderbaren Veranstaltungen an.

Vorher aber werfen wir mit einer Sonderausgabe der Releases des Monats einen Blick zurück. Während die Kolumne nach der letzten Ausgabe über die Sommermonate hinweg eine Zwangspause einlegen musste, erschienen weiterhin reihenweise tolle Musikveröffentlichungen und Bücher, von denen wir zumindest einige kurz vorstellen wollen.

Marginal Consort マージナル・コンソート – 06 06 16 (St. Elisabeth Kirche, Berlin) (901 Editions, 3CD/digital)

Es war nicht weniger als eine Sensation, als Marginal Consort einen Auftritt in der Berliner St. Elisabeth-Kirche ankündigte. Nicht nur gibt die im Jahr 1997 gegründete japanische Improv-Gruppe bestehend aus Kazuo Imai, Kei Shii, Masami Tada und Tomonao Koshikawa im Allgemeinen wenige Konzerte, auch handelte es sich um ihre allererste Veranstaltung in Deutschland. Der von Manuela Benetton in Zusammenarbeit mit dem Label PAN und der Plattform 33-33 organisierte, von der initiative neue musik geförderte Auftritt war in jeder Hinsicht einmalig. Dass er nun über das italienische Label 901 Editions in Form eines CD-Boxsets mit Fotos und einem Essay von Lawrence English dokumentiert wird, ist eine wahre Freude. »06 06 16 (St. Elisabeth Kirche, Berlin)« ist allein deshalb bemerkenswert, weil die Aufnahme der dreistündigen Performance gleichermaßen ihr volles Klangbild wie auch ihre einzelnen Nuancen einfängt. Wer für den 6. Juni 2016 kein Ticket ergattern konnte, darf diese eigentlich einmalige Erfahrung nun also beliebig oft nachholen. 

Ehsan Saboohi – Music for Black Sine Wave (Noise à Noise, digital)

Der Komponist und Theoretiker Ehsan Saboohi ist der Vordenker einer Schule, die er selbst als »Post-Orientalismus« bezeichnet. Sein Schaffen wird regelmäßig durch das mittlerweile in Berlin ansässige Label Noise à Noise dokumentiert. »Music for Black Sine Wave« versammelt 24 verschiedene Basslines, die Saboohi komponiert hat. Das klingt zuerst unspektakulär, stellt aber nur den Ausgangspunkt für ein sehr umfassendes und potenziell unendlich fortführbares Projekt dar: Die Stücke können von Künstler*innen aus dem Bereich der elektronischen Musik als Rohmaterial verwendet und bearbeitet werden, um daraus völlig neue Musik zu erschaffen, die über Noise à Noise veröffentlicht wird. Bisher erschienen sind Bearbeitungen von Payman AbdaliRDKPL, dem Jazz-Duo Claude & OlaKian Hossein und Chem XP sowie eine Compilation mit Stücken von unter anderem Reza Ahmadian und Hanna Mesgari. Dem werden sicherlich noch mehr folgen: Noch bis Dezember dieses Jahres können weitere Beiträge eingereicht werden. 

Theo Nabicht – Circle Line Project 14 Berlin (Moloko+, LP/CD)

Wenn andere Künstler*innen sich im Kreis drehen, verheißt das meistens nichts Gutes. Theo Nabichts musikalische Kreativität wird aber erst so richtig entfacht, wenn er Runde um Runde dreht – am liebsten natürlich mit dem öffentlichen Nahverkehr. Zuletzt nahm er während des Monats der zeitgenössischen Musik gemeinsam mit Alexandre Babel, Andre Bartetzki, Johannes Girke und Joke Lanz im Teilager Fahrbereich sein Publikum auf eine Rundreise in der Tokioter Yamanote mit, zugleich aber erschienen mit »Circle Line Project 14 Berlin« Aufnahmen des Projekts, das am Anfang dieser kontinuierlichen Auseinandersetzung mit den Hauptverkehrsadern internationaler Metropolen stand. Angefangen mit der Prenzlauer Allee geht es mit der S42 in 27 Stücken Richtung Wedding, Westkreuz, Schöneberg, Ostkreuz und schließlich für das große und doch kurze Finale die Greifswalder Straße. Nabicht an der Bassklarinette und dem Sopransaxophon sowie Eric Schäfer am Schlagzeug, John Eckhardt am Bass, Mario Verandi am Computer und Seth Josel an der Gitarre ließen sich von Videoaufnahmen führen, die Nabicht während Rundreisen mit der Ringbahn angefertigt hatte. Obwohl das Album im Jahr 2014 aufgenommen wurde, zeichnet es zwischen hitzigen Free-Jazz-Freakouts und atmosphärischen Intermezzi, Rush Hour und ruhigen Momenten ein zeitloses musikalisches Bild einer sich ständig in Bewegung befindlichen Stadt und dessen heimlichem Motor. 

Aleksandra Słyż ft. Judith Hamann, Gerard Lebik – Softness, Flashes, Floating Rage (Live at CTM 2023) (Warm Winters Ltd., digital)

Im Rahmen der diesjährigen Ausgabe des CTM Festivals stellte Aleksandra Słyż im MONOM eine erweiterte Fassung des letzten Stücks ihres im Herbst letzten Jahres veröffentlichten Albums »A Vibrant Touch« vor, bei der sie am Modular-Synthesizer von Judith Hamann am Cello und Gerard Lebik am Saxofon begleitet wurde. Ihr Label Warm Winters Ltd. stellt mit »Softness, Flashes, Floating Rage (Live at CTM 2023)« nun eine Aufnahme dieser Performance zur Verfügung, die dem komplexen Sound des Veranstaltungsortes und der Dringlichkeit dieser fantastischen Komposition voll und ganz gerecht wird. Kopfhörer empfohlen! 

blackbody_radiation – Ultra-Materials (Faitiche, LP/digital)

Andrew Black ist von Haus aus Designer und seine Arbeit mit Field Recordings unter dem Namen blackbody_radiation klingt dann auch wie von visuellen und geometrischen Überlegungen geleitet. Das Album »Ultra-Materials« für Jan Jelineks Label Faitiche bildet einen ständigen Prozess der Formfindung ab, für den Black unter anderem Methoden wie sogenanntes Soundmasking angewendet hat. So eröffnet er ausgehend Umgebungsgeräuschen gänzlich neue Räume. 


Douglas R. Ewart & Ignaz Schick – Now Is Forever (Zarek, CD/digital)

Ignaz Schick bleibt busy. Vor Kurzem präsentierte er im Rahmen des Monats der zeitgenössischen Musik die Konzertinstallation »Mechanical Garden« und feierte im Laufe dieses Jahres das zehnte Jubiläum seines Workshop-Ensembles Circuit Training, dessen Arbeit in den kommenden Monaten mit einer großen Werkschau dokumentiert werden soll. Bereits erschienen sind drei neue Releases auf seinem Label Zarek: »Hawking Extended« dokumentiert das Zusammentreffen des Duos von Schick und Ernst Bier mit Gitarrist Gunnar Geisse und mit »ILOG3« führt er seine laufende Kollaboration mit Oliver Steidle fort. Das programmatisch betitelte »Now Is Forever« zeigt den Turntablisten und Live-Elektroniker im Echtzeitaustausch mit dem Multiinstrumentalisten Douglas R. Ewart im Jahr 2017.

Esecutori di Metallo su Carta – Black Classical Music (19'40", digital)

Mit ihrem Label 19’40’’ haben Enrico Gabrielli, Francesco Fusaro und Sebastiano De Gennaro eine »(anti-)klassische Aufnahmereihe« ins Leben gerufen, wie es in dessen Selbstbeschreibung lautet. Mit »Black Classical Music« präsentieren sie darauf nun 13 Stücke, die zwischen dem 18. und 21. Jahrhundert geschrieben wurden, die jüngsten stammen von Julius Eastman und George Walker. Das ist zugleich eine wichtige Korrektur herkömmlicher Musikgeschichtsgeschreibung und eine veritable musikalische Wundertüte. 

hear now berlin. – MUSIC in CIRCLES (Backlash Music, CD/digital)

hear now berlin. gehört einer neuen Generation von Berliner Ensembles an, die ästhetisch durchlässig ist und auch über die Musik hinaus verhärtete Konventionen überwinden möchte. Ihr Debütalbum »MUSIC in CIRCLES« ist deshalb Bestandsaufnahme und Mission Statement zugleich. Es versammelt ihre Interpretation von Stücken zeitgenössischer Komponist*innen wie Gabriella Smith, Caroline Shaw und Nathan Schram. An siebter und letzter Stelle auf der Tracklist findet sich sogar ein Stück der hear now berlin.-Flötistin Kelly Watson Woelffer, das in kompakter Form die musikalisch-stilistische Vielseitigkeit des Kammermusikensembles unter Beweis stellt.

KMRU – Dissolution Grip (OFNOT, LP/digital)

Der seit geraumer Zeit in Berlin lebende Klangkünstler und Ambient-Produzent Joseph Kamaru scheint nicht still zu stehen. Gerade erst hat das Berliner Label VAAGNER über sein Imprint A Sunken Mall die im Jahr 2020 veröffentlichte EP »Drawing Water« neu aufgelegt und durch eine Neubearbeitung des Ausgangsmaterials durch Abul Mogard ergänzt, jetzt bringt KMRU mit »Dissolution Grip« in einem Streich ein neues Album heraus und sein eigenes Label namens OFNOT an den Start. Die zwei (beziehungsweise in der digitalen Version drei) Stücke entstanden aus seinen Studien an der Universität der Künste heraus und nehmen sich Feldaufnahmen zum Ausgangsmaterial, um daraus dynamische Dronescapes zu schaffen.

Lucio Capece, Werner Dafeldecker – Concert Recordings (digital)

Auch Werner Dafeldecker bleibt in Bewegung. Im Juni erschien mit »Neural« ein Album mit drei neuen Aufnahmen auf Room40, auf das nun noch zwei neue »Concert Recordings« mit Lucio Capece folgen, die Dafeldecker über seine eigene Bandcamp-Seite veröffentlicht hat. Bei den beiden im Vorjahr im Berliner Liebig14 und der Wiener Alten Schmiede mitgeschnittenen Auftritten ließen sich die beiden Zeit und gaben einander Raum: Das Miteinander von Kontrabass und Bassklarinette ist geprägt vom tiefen Verständnis zweier Musiker für einander und der gemeinsamen Erkenntnis, dass weniger manchmal mehr wirkt.

Sawt Out – Black Current (Al Maslakh, LP/digital)

Das Berliner Trio Sawt Out gründete sich im Jahr 2015 und besteht aus Burkhard Beins und Michael Vorfeld an der Perkussion sowie Mazen Kerbaj an der Trompete. Wenn die drei Improv-Größen nicht gerade ihre gefeierten Konzerte spielen, dann gehen sie hin und wieder auch ins Studio. »Black Current« für das gemeinsam von Kerbaj mit Sharfi Sehnaoui zwischen Berlin und Beirut betriebene Label Al Maslakh ist nach dem selbstbetitelten Debüt aus dem Jahr 2018 ihr zweites Album. Behutsam setzen die drei individuelle Akzente, um gemeinschaftlich sich langsam entwickelnde Dynamiken zu erschaffen.

The Pitch & Julia Reidy – Neutral Star (Miasmah, LP/digital)

Erik K. Skodvin ist nicht nur als Musiker, sondern auch Labelbetreiber sehr aktiv. Sein neues, wunderbar reduziertes Solo-Album »Nothing left but silence« für Sonic Pieces fällt mit einer neuen Veröffentlichung auf dem von ihm betriebenen Institution Miasmah zusammen. Für »Neutral Star« tat sich Julia Reidy mit The Pitch zusammen, dem im Jahr 2009 gegründeten Berliner Ensemble von Boris Baltschun, Koen Nutters, Michael Thieke und Morten Joh. Die zwei Stücke wurden im Morphine Raum live vor Publikum aufgenommen und sind gleichermaßen dicht wie lebendig: Die Klänge schichten sich übereinander, lose arrangierte rhythmische Elemente verzahnen sich miteinander. Trance-Musik. 

Zeitkratzer – Reinhold Friedl: SCARLATTI (zeitkratzer/Karlrecords, LP/digital)

Domenico Scarlatti war ein Ikonoklast, weshalb es eigentlich nur folgerichtig ist, dass sich zeitkratzer unter der Führung von Reinhold Friedl einer seiner Komposition annehmen und die »Klaviersonate in F-Moll, K.466« auf »Reinhold Friedl: SCARLATTI« gehörig auseinandernimmt. Die von der Tanzcompagnie Rubato in Auftrag gegebene und dem im Jahr 2019 verstorbenen Komponisten Mario Bertoncini gewidmete Neuinterpretation arbeitet mit Flöte, Horn, Klavier, Percussion, Violine/Viola und zwei Kontrabässen die der Komposition eigenen Gesten heraus und denkt sie weiter. Mal dröhnt es, mal donnert es und zwischendurch ergeben sich nervenaufreibende Spannungen.

Sven Spieker & Mario Asef (Hrsg.) – Akusmatik als Labor. Kultur – Kunst – Medien (Königshausen & Neumann)

Sven Spieker & Mario Asef (Hrsg.) – Akusmatik als Labor. Kultur – Kunst – Medien (Königshausen & Neumann)

Der Begriff der Akusmatik hat eine fast mystische Qualität und doch ist das damit beschriebene Prinzip – der Klang von etwas, das der Sicht verborgen wird – in Zeit digitaler Sprachasisstenzen zum festen Teil unserer Alltagsrealität geworden. Mit »Akusmatik als Labor. Kultur – Kunst – Medien« legen Sven Spieker und Mario Asef einen Sammelband vor, der die Akusmatik in theoretischer, mediengeschichtlicher und ästhetischer Hinsicht erforscht und seinen Ursprung in einer Reihe von Veranstaltungen im Errant Sound hat, die den Titel Acousmatic Lectures trug. Neben Beiträgen der beiden Herausgeber finden sich darin auch Texte und Vorträge von Holger Schulze, Mladen Dolar und Sabine Sanio sowie vielen anderen Forscher*innen und Theoretiker*innen. Die umfangreiche, vielseitige Textsammlung wird darüber hinaus noch von wunderbar verspielten Illustrationen eingerahmt. 

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