Releases des Monats

Februar 2024

19. Februar 2024 | Kristoffer Cornils

Picture of a record player taken from above, on it the album "Lemonade" by Beyoncé
©Kristoffer Cornils

Der sonst so kurze Monat Februar ist einen Tag länger in diesem Jahr, so lang wie zuletzt vor vier Jahren. Sehr viel ist seit dem letzten Schaltjahr passiert, das eine Pandemie und mehrere Kriege, darunter einer in Europa seit ziemlich genau zwei Jahren, zurückliegt. Der Februar ist voller Jubiläen, die an den Status quo erinnern, weil sie die Vergangenheit in die Gegenwart holen und dabei an die Zukunft denken lassen. Wie lange eigentlich noch finden wir gesamtgesellschaftlich durchschnittliche Temperaturen wie in diesem Monat für einen Februar »ungewöhnlich« warm?

Was kann oder sollte Musik als Zeitkunst, als die sie bezeichnet wird, leisten? Mit Blick auf die unten versammelten Releases des Monats im Februar, von denen viele mit Zeit arbeiten, sich an der Zeit und unserem Empfinden davon abarbeiten, scheint die Antwort auf der Hand zu liegen. Sie kann und sollte den Moment unter ein Mikroskop schieben, tief in ihn hineinzoomen und seine Vergangenheit ebenso wie seine Zukunft transparent machen. Selbst wenn der Ausnahmezustand sich irgendwann wie ein Alltag anfühlt: Musik kann daran erinnern, dass er es nicht ist.

Alessandro Bosetti with Neue Vocalsolisten – Portraits de Voix (Kohlhaas, CD/digital)

»Portraits de Voix« wurde im Jahr 2021 als Musiktheaterstück uraufgeführt, die Berlin-Premiere fand im Rahmen der Reihe Kontraklang und damit in bester Gesellschaft statt. Eine für das Radio adaptierte Aufnahme von Alessandro Bosettis Werk mit den Neuen Vocalsolisten wurde schließlich erstmals im Dezember im Deutschlandradio präsentiert und wird nun auch im CD-Format sowie digital über das italienische Label Kohlhaas angeboten. All dem ging ein komplexer Prozess voraus: Bosetti nahm vier verschiedene Stimmen auf und komponierte ausgehend davon 20 Stücke inklusive szenischer Inszenierung. Herausgekommen ist ein faszinierendes Werk, das eine selten thematisierte Frage in den Fokus rückt: Wem gehört unsere Stimme, die uns zugleich zu eigen und doch immer außer uns ist?

Dream House Ensemble – Themes and Variations & Sonorystyka No.1 (Noise à Noise, digital)

Das Dream House Ensemble gründete sich vor sechs Jahren in Teheran, um weniger bekannte Werke von Komponist*innen des 20. Jahrhunderts einem breiteren Publikum vorzustellen. »Themes and Variations«, eine Adaption von John Cages Stück an der Grenze von Lyrik und Musik, wurde bereits im Jahr 2021 aufgenommen und erscheint nun beim derzeit in Berlin ansässigen Label Noise à Noise im Verbund mit »Sonorystyka No​.​1«. Diese Compilation wiederum wirft ein Schlaglicht auf zeitgenössische iranische Komponisten: Nader Mashayekhi, Ali Radman und Idin Samimi Mofakham. Unter dem Dirigat von Soheil Shirangi gewinnt das Ensemble den vier Stücken – Mofakham ist mit zweien vertreten – eine reibungsvolle Spannung ab. Ihnen allen ist eine gewisse kompositorische Behutsamkeit zu eigen, die vom Dream House Ensemble in subtile Dynamiken übertragen wird.

Günter Schickert & Udo Erdenreich – Schickreich (Marmo, LP/digital)

20 Jahre liegen zwischen den Aufnahmen der A- und B-Seite von »Schickreich«, das sein Publikum mit ahnungsvollen Basstönen und den Worten »Eeeeeey, biste blöde oder watt!?« begrüßt. Klar: Wir befinden uns im Westberlin der späten Achtziger, genauer gesagt in Kreuzberg in einem Krater, der liebevoll Das Arschloch getauft wurde. Darin: Kraut-Gitarrist Günter Schickert, sein langjähriger Wegbegleiter Udo Erdenreich am Bass und der mit einem Megafon bewaffnete Mirko Olostiak. In den fast 27 Minuten von »Die Zukunft ist der Kindern und den Narren« entspinnt sich eine sonderbare öffentliche Performance, die mit der Stadt in der Stadt und ihren Einwohner*innen in einen konfrontativen Dialog tritt. Die zwei Aufnahmen aus dem Sputnik Kino im Jahr 2008, diesmal ohne Olostiak, setzen weniger auf lysergische Jam-Energie und gemäß dem Anlass, dem Auftakt der Filmreihe »Tibet Undiscovered« eher auf Entgrenzung: Mit Schneckenhorn und Gitarre (Schickert) sowie Hurdy-Gurdy, Glocken, Maultrommel und Percussion (Erdenreich) füllt das Duo den Raum mit langgezogenen, mal rhythmisch akzentuierten und doch immer meditativen Drones. 

Ira Hadžić & Cedrik Fermont – KENOPSIA (Syrphe, digital)

Diese Veröffentlichung auf Syrphe fühlt sich ein bisschen so an wie die Wartezeit auf die nächste Ringbahn bei unter 5° C: viel länger, als es eigentlich dauert. »KENOPSIA« hat nur eine Laufzeit von 14 Minuten und doch gelingt es Ira Hadžić und Cedrik Fermont damit, die Zeit zu dehnen. Die beiden Kompositionen für zwei Gongs nutzen sehr schmale Instrumente, um viel Tiefe zu schaffen. Dass sie als jeweils erstes und zweites »Movement« bezeichnet werden, scheint dabei kein Zufall zu sein. Denn der Bewegung und die von ihr getragenen Dynamiken und Intensitäten bilden offenkundig das Zentrum des Interesses dieses Duos. Langsam erkunden sie die Gongs als buchstäbliche Klangkörper, fahren ihre Oberfläche ab und erschaffen so eine Kinetik des Klangs, die geradezu hypnotische Effekte hat. Es fällt viel zu leicht, darüber die Zeit komplett zu vergessen.

Kali Malone – All Life Long (Ideologic Organ, 2LP/CD/digital)

Im Rahmen des CTM Festivals gastierte Kali Malone mit Stephen O’Malley an gleich zwei Abenden in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, um im scheinbaren Abendglühen auf der dortigen Orgel ältere ebenso wie neue Stücke zu präsentieren. Der Andrang war groß und die Stimmung bedächtig. Auf dem Merch-Tisch lagen bereits Exemplare von »All Life Long«, dem neuen Album der US-amerikanischen Komponistin, die ihr Publikum mit einem für sie eher ungewöhnlichen Stück begrüßt: Zu hören ist ein Chor. Tatsächlich offenbaren die zwölf Stücke die große Bandbreite der musikalischen Interessen Malones, die sich eben nicht nur auf die (elektro-)akustische Arbeit mit der Orgel fokussieren. Warme Drones von Radiguescher Rigidität treffen auf an polyphonen Kompositionstechniken geschulten Stücken und selbst Bläser kommen auf unterschiedliche Art zum Einsatz. Eine beeindruckend abwechslungsreiche Zusammenstellung.

Kenn Hartwig – Gameboys & Pedals (Anunaki Tapes, MC/digital)

Kenn Hartwig ist Mitglied diverser Bands mit sehr krautigem Einschlag wie etwa Das Ende der Liebe und C.A.R., als Solo-Künstler allerdings geht der Berliner auf Konfrontationskurs statt in die Breite. Was genau auf »Gameboys & Pedals« zum Einsatz kam, verrät der Titel bereits, doch verrennt sich Hartwig nicht in retrofuturistischer Chiptune-Nostalgie. Die acht tendenziell kurzen Stücken – nur eines kratzt dezent an der Vier-Minuten-Marke – sind vielmehr an Noise japanischer Provenienz geschult, erinnern zu unterschiedlichen Zeiten mal an Masonnas kreischig-kratzigen Eskapaden, Aubes grollende Abstraktionen oder Merzbows Arbeiten mit Synthesizer. Der, pardon, Spaß am Spiel ist ihnen anzuhören, vor allem aber befreit Hartwig mit hartnäckiger Konsequenz die Klangqualitäten seines ungewöhnlichen Instruments von seinen Klischees. So soll Noise ja auch funktionieren: als gründliche Ohrenreinigung. 

Latent Sonorities (L-KW, digital)

Ob in den Arbeiten von Dewa Alit oder als Echoeffekte im Schaffen des Ensemble Nist-Nah und der Komponistin Pak Yan Lau: Gamelan bleibt Ausgangs- und/oder Referenzpunkt verschiedenster Komponist*innen und Künstler*innen. An zwei Septemberabenden im Vorjahr befassten sich sehr unterschiedliche Musiker*innen mit javanesischen Gamelan-Instrumenten aus dem Repertoire des Hauses der Indonesischen Kulturen (Rumah Budaya Indonesia) in Berlin, nachdem sie im Rahmen einer Residency mit deren Klängen neue Ausdrucksmöglichkeiten erarbeitet hatten. »Latent Sonorities« dokumentiert die sehr unterschiedlichen Vorgehensweisen von Pinky Htut Aung, Cheryl Ong & Khyam Allami, Tusa Montes & Morgan Sully, Bilawa Ade Respati & J 'Mo'ong' Santoso Pribadi und Wanton Witch mit vorhandenen Potenzialen und ihrer freien (Re-)Kombination. Es ist ein Glück, dass das von Sully mitbetriebene Labelkollektiv L_KW die stimulierenden Ergebnisse dieser Auseinandersetzung in Form einer Compilation dokumentiert hat.

Mariana Sadovska, Max Andrzejewski, Trio Kurbasy & Ensemble – Songs of Wounding (Pantopia, digital)

Mariana Sadovska und Max Adrzejewski stellten »Songs of Wounding« im Dezember 2021 im Rahmen der Reihe Outernational im radialsystem vor, kaum zwei Monate später begann der der Invasionskrieg Russlands und verlieh damit der auf Feldforschung basierenden Auseinandersetzung der Sängerin und des Schlagzeugers und Komponisten mit ukrainischem Liedgut und mündlich überlieferten Gesangstechniken eine gänzlich neue Dimension. Das auf Basis dieser Stücke entstandene, gemeinsam mit dem Trio Kurbasy und einem mehrköpfigen Ensemble aufgenommene und zur Gänze über die Website des Labels Pantopia zu streamende Album erinnert zwei Jahre nach Kriegsbeginn nun daran, was weiterhin auf dem Spiel steht. »Songs of Wounding« ist in vielerlei Hinsicht ein dringliches Album geworden – zugleich eine wunderschöne Hommage an die Kraft der kollektiven Erinnerung und eine Warnung davor, dass sie jederzeit verbleichen könnte.

Miharu Ogura – Ogura Plays Ogura (thanatosis, CD/digital)

Zuletzt spielte Miharu Ogura Stücke von Stockhausen, nun kehrt sie mit einer Zusammenstellung von Interpretationen eigener Kompositionen zum schwedischen Label thanatosis zurück. »Ogura Plays Ogura« wird von spannungsgeladenen Kontrasten geprägt. Während auf dem ersten Stück »Pas« die Stille zwischen den Tönen das hauptsächliche musikalische Material darzustellen scheint, setzt das folgende »Labyrinthe« seinen Titel als wunderbar verworrene Irrfahrt durch ein eben solches um: Zu jeder Zeit scheinen mehrere Dinge gleichzeitig zu passieren, eine Atempause nicht möglich. Ogura ist – als Komponistin ebenso wie als Interpretin – mal leise und raumbetont, mal laut und auf Intensität bedacht, selten entscheidet sie sich nur für das eine oder das andere. Das macht »Ogure Plays Ogura« zum gleich doppelt selbstbewussten Statement einer Künstlerin, deren Arbeit für und am Klavier unbedingte Aufmerksamkeit verdient hat. 

p.o.p. (psychology of perception) – Alien Stewardess (Zappak, 2CD/digital)

Elena Kakaliagou (Horn), Hannes Strobl (E-Bass), Nora Krahl (Cello) und Reinhold Friedl (Klavier) sind p.o.p., kurz für Psychologie of Perception, und das Album mit dem angenehm rätselhaften Titel »Alien Stewardess« für das japanische Label Zappak ihr erst drittes in etwas mehr als einem Jahrzehnt. Die lange Wartezeit seit »Ikebana« aus dem Jahr 2017 und eher sporadischen gemeinsamen Auftritten des Improv-Trios wird allerdings durch seine Laufzeit wett gemacht: Das kürzeste der fünf Stücke ist zehn, das längste knapp 30 und die anderen je über 20 Minuten lang. Das erklärt sich dadurch, dass die Vier ihren selbstgewählten Namen ernst nehmen und ihre unterschiedliche Wahrnehmungsmechanismen ineinander greifen lassen. Ihr Spiel ist eines der ständigen Verarbeitung von und Reaktion auf das der anderen Mitglieder, weniger als Antwort denn als Fragen formuliert: Was macht das gerade mit mir, dir, uns? 

Phill Niblock – Looking for Daniel (Unsounds/Echonance Festival, CD/digital)

Viel wurde seit seinem Tod Anfang Januar darüber geschrieben, was Phill Niblock dieser Welt alles hinterlassen hat und was er neben viel visueller und musikalischer Kunst zurücklässt: einen umfassenden, fast physisch greifbaren Mangel. Die zwei Stücke auf »Looking for Daniel« scheinen diese Dialektik von An- und Abwesenheit mehr noch als andere Kompositionen aus dem Spätwerk des US-amerikanischen Komponisten zum Ausdruck zu bringen. Die im Vorjahr entstandene Komposition »Biliana« für, natürlich, die Violine und Stimme der Berliner Künstlerin Biliana Voutchkova unterstreicht die klanglich-atmosphärische Reichhaltigkeit seines einzigartigen Ansatzes, in dem es viele verschiedene Klangelemente miteinander in Ein- und doch nie in Gleichklang bringt. Das vom Ensemble Modelo62 gemeinsam mit dem Ensemble Scordatura eingespielte Stück »Exploratory, Rhine Version, Looking for Daniel« spielt ein ähnliches Spiel von Wiederholung und Differenz, steht atmosphärisch aber unter ganz anderen Vorzeichen. Es scheint tatsächlich etwas (oder eben doch: jemand?) zu fehlen.

Sylvain Chauveau – Le livre noir du capitalisme & ultra-minimal (Sonic Pieces, LP/digital)

Minimalistisch kann viel sein. Im Falle des Komponisten und Musikers Sylvain Chauveau bedeutet es, dass er mit den Händen am Klavier oder der Akustikgitarre, seltener einem Harmonium und einer Melodica, ständig auf der Suche befindlich scheint: Welcher Ton darf noch dazu, welcher wäre schon zu viel? »ultra-minimal«, Chauveaus erste (oder, je nach Betrachtungsweise, zweite) Veröffentlichung auf Monique Recknagels Label Sonic Pieces dokumentiert einen seltenen Live-Auftritt des Franzosen im Londoner Café Oto, sein erster mit rein akustischem Instrumentarium. Besonders an der Aufnahme ist nicht allein die stille Expressivität von Chauveaus Spiel, sondern auch wie wenig vom anwesenden Publikum und gar dem Musiker selbst zu hören ist. Ultra-minimalistisch in jeder Hinsicht. Kompositorisch wie klanglich raumgreifender ist da schon »Le livre noir du capitalisme« aus dem Jahr 2000, das zeitgleich von Sonic Pieces neu aufgelegt wird. Kompositionen für Klavier und Streicher, Gitarre und gelegentlichen Gesang verflechten sich mit elektronischen Klängen oder werden von Chauveau rigide manipuliert, bisweilen sogar in die Songstrukturen des Pop überführt. Pate dafür standen John Cage und das einzige Solo-Album des Talk-Talk-Sängers Mark Hollis – zwei mit den Potenzialen der Stille geradezu besessenen Künstlern. 

toechter – Epic Wonder (Morr Music, LP/CD/digital)

Katrine Grarup Elbo, Lisa Marie Vogel und Marie-Claire Schlameus schlossen sich im Jahr 2022 für das Album »Zephyr« für die Edition DUR des Kulturkaufhauses Dussmann zusammen, ihr Zweitwerk unter dem Namen toechter legen sie nun beim ebenfalls in Berlin ansässigen Morr Music vor. Das mag auf den ersten Blick überraschen, handelt es sich bei den drei doch um Streicherinnen und bei ihrem Label um eines, das vor allem mit elektronischer Popmusik in Verbindung gebracht wird. Doch nach den ersten Tönen von »Epic Wonder« sollte offensichtlich werden, wie hier eins zum anderen passt: Das Trio benutzt Viola, Violine und Violoncello sowie zusätzliche Percussion genauso wie die Stimmen seiner Mitglieder in erster Linie als klangliches akustisches Ausgangsmaterial, aus dem sie durch großzügigen Elektronikeinsatz ihre Songs konstruieren. Die sind dementsprechend schwer zu kategorisieren und überall anschlussfähig: Kammermusik und der Dancefloor, Pop und sphärischer Ambient stehen auf »Epic Wonder« nicht im Widerstreit, sondern erklingen im Einklang miteinander.


su dance110 – Stille Oper (Feral Note, digital)

Zuletzt hat Dan Su alias su dance110 mit Das Ende der Liebe (dessen Mitglied Kenn Hartwig weiter oben in dieser Kolumne auftaucht) zusammengearbeitet und konnte sich in diesem Rahmen gesanglich über freakigem Krautrock betätigen, »Stille Oper« für das Berliner Label Feral Note gibt sich allerdings formstrenger, zurückhaltender und atmosphärisch düsterer. Das ist zweifellos auf den Anlass zurückzuführen, für den die vier Instrumentalstücke komponiert wurden: die Installationsarbeit »Riss« im Rahmen des Orpheus Festivals an der Berliner Staatsoper im Jahr 2020 von und mit Tania Elstermeyer und Felix Kühn (Bildende Kunst), Yaming Wang (Bühnenbild) sowie eben Dan Su (Choreografie). Mit synthetischen Bläsern, Bässen, Kickdrums, Glocken, Akkorden und Pads erschuf su dance110 dazu einen Soundtrack, in dem sich klangliche Intensität und Stille im plötzlichen und scheinbar zufälligen Wechsel ereignen. Das ergibt eine klaustrophobische Grundstimmung. Wer sich noch ein bisschen an das Jahr 2020 erinnert, wird es in dieser Musik wohl wiedererkennen. 

Yan Jun & Eric Wong – Dichotomic Language (Vintage Vinyl Hong Kong, LP/digital)

Der Experimentalmusiker, Lyriker und Anarcho-Klangkünstler Yan Jun hat viele Verbindungen in die deutsche Hauptstadt und ist häufiger in der Stadt zu Besuch, mit »Dichotomic Language« verstetigt er die Beijing-Berlin-Connection. Für das Album tat er sich mit Eric Wong zusammen, einer umtriebigen Figur in der hiesigen Improv-Szene, der neben der Gitarre gerne auf Bluetooth-Lautsprecher zurückgreift. So auch für diese fünf Stücke, in denen Yan den menschlich-stimmlichen Input vorgibt und Wong mit elektronischen Sinuswellen, weißem Rauschen und/oder Pulsen antwortet. Die Performances der beiden, erklärt Wong in einem Beiwort zum Album, seien sehr auf die visuellen und körperlichen Aspekte der beiden ausgerichtet, in der Aufnahme gestalte sich das räumlich-zeitliche Miteinander dieser sehr unterschiedlichen Klangerzeuger aber natürlich anders. Die beiden Künstler wie auch Labelbetreiber Nick Langford raten separat dazu, auf Kopfhörer zu verzichten und die Musik im Raum zu erfahren – am besten in Bewegung, mit kreisendem Kopf oder gar tanzend. Sie haben natürlich Recht damit, denn der mal sehr hohe, mal kehlige Gesang Yans (bisweilen erinnert er doch glatt an Ghédalia Tazartés) und die von Wong in feinsinnige Fluktuation gebrachten Frequenzen seines Lautsprechers erzeugen selbst in Momenten vermeintlicher Statik vielerlei Reibungen und Schwingungen, die Bewegung freisetzen. Ein wundersames, wunderbares, durch und durch einzigartiges Album.

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