Releases des Monats

April 2023

12. April 2023 | Kristoffer Cornils

BYDL – Cassette Frames: Winter Edition
©Kristoffer Cornils

Releases des Monats April 2023

»What does tradition mean when the past is tainted by crimes?«, steht im Begleittext zu »Rwandan Records« zu lesen. Das über Cedrik Fermonts Label Syrphe veröffentlichte Album basiert auf einem begehbaren Musiktheaterstück von Jens Dietrich und Milena Kipfmüller, die damals auch in field notes über das Projekt sprachen. Dr Multi-Instrumentalist Klaus Janek und der Wort- und Stimmkünstler Eric »1key« Ngangare stellten es im Jahr 2019 im Haus der Kulturen der Welt vor – und also mitten im Herzen einer ehemaligen Kolonialmacht, was der Aufnahme der sechs Stücke umso mehr Dringlichkeit verleiht.

Die Musik für das von Sounding Situations als Klanginstallation, Hörspiel und Live-Konzert konzipierte Stück arbeitet zwar mit Field Recordings und Interview-Aufnahmen, orientiert sich musikalisch aber an der (Klang-)Sprache von Hip-Hop, insbesondere des sogenannten Golden Age Mitte der neunziger Jahre. Die vielgestaltige Performance von 1key erlaubt dem Projekt eine Art postmoderne Zusammensetzung von prä-kolonialen und gegenwärtigen Narrativen, einer Geschichtsschreibung des Jetzt, die auf überraschende Mittel zurückgreift, damit Erwartungen unterläuft und ihre ganz eigenen Narrative schafft.

Ist es nicht eigentlich das, was politisch motivierte Kunst leisten sollte – Perspektiven zu eröffnen? Und ist es nicht das, was Kunst im Allgemeinen, zumindest auf ästhetischer Ebene leisten sollte? Jedes einzelne der folgenden 15 Releases aus dem Monat April, die wie gewohnt von drei Hinweisen auf neu erschienene Bücher ergänzt werden, interpretieren ähnlich wie und doch gänzlich anders als »Rwandan Records« das Dagewesene. Und wie dieses Album geben sie diese Interpretation wiederum ihren Hörer*innen zur Interpretation frei.

René Margraff / Malte Cornelius Jantzen – Split 2 (Second Editions, MC/digital)

Albumcover SE

»Second Editions is coming full circle and is calling it a day«, schreibt das Berliner Label etwas trocken in der Ankündigung zu seinem neuesten und leider letzten Release. René Margraff und Malte Cornelius Jantzen hatten es vor gut sechs Jahren mit einer Split-Veröffentlichung eingeweiht, nun ist mit dieser zwölften, erneut gemeinsam bestrittenen Katalognummer also Schluss. Margraff arbeitet mit Interview-Versatzstücken der Sängerin Avril Lavigne, die darüber reflektiert, was genau nun eigentlich Punk sei, das heißt, wo die Subkultur aufhört und die mediale Konstruktion beginnt. Begleitet wird das im ersten Stück von Loops, die zugleich wohlige Wärme ausstrahlen und doch in den oberen Frequenzen immer leicht anstrengend klingen, im zweiten von schon eher bedrohlichen Drones. Eine feine Geste der Subversion, die auf vielen Ebenen funktioniert, weil sie die Worte einer oftmals belächelten Künstlerin ernst nimmt. Und wenn schon die Sängerin von »Sk8ter Boi« auf der A-Seite dieser Kassette die Hauptrolle spielt, sind auf der Flip dieser Kassette dann auch … Flips zu hören. Gut 17 Minuten erklingen Skateboard-Geräusche: Anrollen, springen, Brett einsammeln – und wieder von vorne. Das ist so wunderbar banal wie die anti-melodramatische Verabschiedung eines Labels, das in der Berliner Szene fehlen wird. See you l8ter, bois! 

Oksana Hritseva – Mundane Levitation (система | system, digital)

Albumcover

Das Label система | system zeichnet sich durch eine große Stiloffenheit aus und die Veröffentlichung von »Mundane Levitation« unterstreicht das erneut. Die Komponistin, Pianistin und Musikproduzentin Oksana Hritseva präsentiert darauf acht ihrer im Jahr 2001 entstandene Stücke. Sie ist seit den neunziger Jahren Teil der Szene für zeitgenössische Musik in der ukrainischen Hafenstadt Odessa, kollaborierte quer durch die Genres und Kunstformen mit anderen Künstler*innen und schrieb Musik für Kunstprojekte und Filme. Das Material auf »Mundane Levitation« ist geprägt von ihrer Leidenschaft für elektronische Klangerzeugung und Ambient-Musik, selbst Echoeffekte der sogenannten Berliner Schule sowie britischer Clubmusik von Techno bis Trip-Hop werden in Hritsevas Musik hörbar. Die Stimmung ist zugleich kontemplativ und gedämpft, hoffnungsvoll und lebensfreudig. Introspektion und Lebensfreude schließen sich darin aber nicht aus, sondern ergänzen und bedingen einander sogar. »Mundane Levitation« ist ein reichhaltiges Dokument aus den sicherlich prall gefüllten Archiven einer Künstlerin, der hiermit endlich eine größere Plattform gegeben wurde. Und zugleich ist es nur eine von vielen Veröffentlichungen ukrainischer Künstler*innen aus den frühen Nullerjahren, welche das Label auf Bandcamp auf Spendenbasis zum Kauf anbietet.

Ruth Anderson & Annea Lockwood – T​ê​te​-​à​-​t​ê​te (Ergot, LP/digital)

Albumcover

Schon vor drei Jahren widmete das Label Arc Light Editions der Künstlerin Ruth Anderson eine umfassende Werkschau in Form der Anthologie »Here«, mit »Tête-à-tête« lässt Ergot nun ein ganz besonderes Dokument ihres Schaffens folgen. Die im Jahr 2019 verstorbene Elektronikpionierin kollaborierte während ihrer 50-jährigen Beziehung mit Annea Lockwood mehrfach mit der Klangkünstlerin. Die bislang unveröffentlichten Aufnahmen im Kern dieser Veröffentlichung sind aber umso intimer und spezieller als ihre regulären Kollaborationen. Denn neben einer Aufnahme von Andersons minimalistischem Stück »Resolutions« für Elektronik spielen die Mitschnitte von Unterhaltungen zwischen den beiden eine zentrale Rolle. Einerseits verschränkt Lockwoods im Jahr 2020 entstandene Elegie auf die verstorbene Partnerin Field Recordings rund um ihren Wohnsitz mit Gesprächsaufnahmen, andererseits bildet Andersons »Conversations« die ersten Telefongespräche der beiden sich damals erst kennen lernenden Frauen miteinander ab. Der Titel ist wortwörtlich zu nehmen: Was die beiden miteinander besprechen, ist über weite Strecken nur selten zu hören. Stattdessen wird laut, unbekümmert und hemmungslos gelacht. Es ist der Sound zweier Menschen, die einander näher kommen.

Ale Hop & Laura Robles – Agua Dulce (Buh, LP/digital)

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Rhythmus stand schon immer im Zentrum von Alejandra Cárdenas Veröffentlichungen unter dem Namen Ale Hop. So auch auf »Agua Dulce«, ihrer gemeinsamen Kollaboration mit Laura Robles, die die beiden erstmals im Vorjahr beim Heroines of Sound auf die Bühne gebracht hatten. Benannt ist das Projekt nach einem Strand nahe Lima, in dessen Nähe beide Künstlerinnen aufgewachsen sind, und geprägt von den afro-peruanischen Tanzstilen, die entlang der Küste gespielt werden. Mit dem Sound von Robles elektrifiziertem Cajón und Cárdenas’ Einsatz von Gitarre und Elektronik versucht sich das Duo an einer Dekonstruktion beziehungsweise Dekolonialisierung dieser Musik.

Anaïs Tuerlinckx – Miroitements Étranges (Possible Motives, MC/digital)

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Erst kürzlich veröffentlichte Anaïs Tuerlinckx ein gemeinsames Live-Album mit Andrea Ermke, nun folgen mit »Miroitements Étranges« für das stets verlässliche schwedische Label Possible Motives zwei Solo-Aufnahmen der belgischen Wahlberlinerin. Für die erste lässt sie ihr hauptsächliches Instrument hinter sich und nutzt eine vom Klavierbaumeister Henri Seiferth angefertigte, mit Saiten bespannte Kiste sowie eine kaputte Zither. Für das zweite setzt sie sich erneut mit dem Piano auseinander. Egal aber, womit Tuerlinckx arbeitet: Ihre gleichermaßen bedächtige wie von rhythmischer Intuition geprägte Vorgehensweise geht den Qualitäten einzelner Klänge ebenso auf den Grund, wie sie sie dramaturgisch miteinander zu verbinden weiß.

Brian Thornton & Iranian Female Composers Association – Sirvent​è​s (New Focus Recordings, digital)

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Als im Januar vergangenen Jahres die von Ruth Wiesenfeld kuratierte Ausstellung »Rooted in Iran« sich dem Schaffen beziehungsweise den Arbeitsprozessen von Mitgliedern der Iranian Female Composers Association widmete, waren die ab September auf den Mord an Jina (Mahsa) Amini folgenden Proteste noch nicht abzusehen. Auch die Aufnahmen von Kompositionen von IFCA-Mitgliedern, die auf »Sirvent​è​s« vom Cellisten des Cleveland Orchestra, Brian Thornton, versammelt wurden, entstanden noch nicht unter den Eindrücken der andauernden Revolte. Und doch sind die Stücke von Mahdis Golzar Kashani, Nina Barzegar, Nasim Khorassani, Niloufar Iravani, Anahita Abbasi und Mina Arissian wohl auch nicht entkoppelt von ihren Beweggründen zu rezipieren. Allein das Artwork deutet es an: Diese Musik ist hochgradig politisch aufgeladen.

Brìghde Chaimbeul – Carry Them With Us (Glitterbeat/tak:til, LP/CD/digital)

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Brìghde Chaimbeul emanzipiert ein Instrument von all den ihm von außen eingeschriebenen Klischees, indem sie seine ureigensten Potenziale ausreizt. Auf dem zweiten Album findet die schottische Smallpipes-Virtuosin dafür sogar mit dem geistesverwandten Saxofonisten Colin Stetson zusammen. Die beiden eint ein Interesse an der berauschenden Kraft von Drones und zirkulären Strukturen. »Carry Them With Us« ist maßgeblich aber ein selbstbewusstes künstlerisches Statement der zwischendurch auch als Sängerin hörbaren Chaimbeul, die darauf Tradition und Zukunft ineinander fließen lässt.

Ensemble Schwerpunkt, Lorenzo Soulès, Peter Rundel, Edicson Ruiz, Dirk Rothbrust – Iannis Xenakis: Eonta (Bastille Musique, CD/digital)

Albumcover

Angenehm größenwahnsinnig: So ließe sich Iannis Xenakis bezeichnen und auch diese Veröffentlichung über das Berliner Label Bastille Musique beschreiben, für die das Ensemble Schwerpunkt mithilfe sehr unterschiedlicher Künstler*innen den schmalen, aber explosiven Fundus von Xenakis’ Kompositionen für Blechbläser neu interpretierten. Das von einem ausführlichen Booklet begleitete »Iannis Xenakis: Eonta« wirft ein prismenartiges Schlaglicht auf eine Seite des Schaffens des Komponisten, die nicht immer ausreichend gewürdigt wurde.

Franz Hautzinger – Gomberg III-V - Airplay (Trost, CD/digital)

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Es ist ein umfassendes Werk, mit dem sich der Trompeter Franz Hautzinger auf dem Wiener Label Trost präsentiert. »Gomberg III​-​V - Airplay« versammelt 22 Stücke, die zwischen den Jahren 2006 und 2018 zu den unterschiedlichsten Anlässen entstanden. Auftragswerke, Kollaborationsarbeiten oder improvisatorische Skizzen stehen hier nebeneinander. Dementsprechend vielseitig klingt diese Zusammenstellung, wird genauso aber von Hautzingers Lust an der (bisweilen elektroakustischen) Abstraktion ästhetisch miteinander verknüpft. Selbst wenn er auf andere Instrumente als seine Quartertone zurückgreift oder gar singt: Hier bricht sich auf die unterschiedlichsten Arten quer durch die Zeit immer wieder ein sehr besonderer künstlerischer Ansatz seine Bahn.

Grischa Lichtenberger – Works for Last Work (raster, digital)

Albumcover

Grischa Lichtenberger hat sich noch nie damit zufrieden gegeben, in nur einem Medium allein zu arbeiten. Auch »Works for Last Work« ist eine auf mehreren Ebenen multimediale Angelegenheit. Die darauf enthaltenen Stücke entstanden für ein gefeiertes Stück der israelischen Batsheva Dance Company unter Leitung von Ohad Naharin und werden von hochwertigen Drucken begleitet. Auch auf musikalischer Ebene bewegt sich Lichtenberger zwischen verschiedenen Ausdrucksformen und Klangsprachen, führt sie aber konzise in eins. Akustische Instrumente und elektrisches Knistern finden in immer neuen Kombinationen zueinander, legen abwechselnd einen Fokus auf subtile Rhythmen und atmosphärische Klanggestaltung.

Jan Jelinek – SEASCAPE – polyptych (Faitiche, LP/digital)

Albumcover

»SEASCAPE – polyptych« entstand aus einer Kollaboration zwischen Jan Jelinek und dem Medienkünstler Clive Holden, komponiert hat der Faitiche-Betreiber die Grundlagen dieser Stücke für eine audiovisuelle Software beziehungsweise Installationsarbeit. Das Ausgangsmaterial dafür wiederum lieferte die »Moby Dick«-Verfilmung von John Huston und darin insbesondere die Figur des Kapitän Ahab, gespielt von Gregory Peck. Wie so oft im Werk Jelineks betont dieser die Leerstellen und Zwischenräume des Klangmaterials, um daraus abstrakte, ständig in Bewegung befindliche Sound-Skulpturen zu extrapolieren. Aquatisch, neblig, stimmungsvoll.

Joseph Kurdika – Music Box Music (Blickwinkel, MC/digital)

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Der in Berlin lebende Komponist und Experimentalmusiker Joseph Kurdika hat sich die Lockdown-Zeiten mit Kinderkram vertrieben. Oder zumindest dem, was manche dafür halten. Das Album »Music Box Music« basierte auf von befreundeten Künstler:innen eingesandten Kompositionen, die er auf Spieldosen interpretierte. Es ist wunderbar befremdlich, die nostalgisch aufgeladenen Klänge dieses Instruments zu hören und doch mit sehr zeitgenössischen künstlerischen Ansätzen konfrontiert zu sein.

Lakiko – What To Do, How To Live?

Albumcover

Lakiko gehört zu einer jungen Generation osteuropäischer Künstler*innen, die sich mit vormodernen Traditionen, Gräueltaten der jüngeren Vergangenheit und zeitgenössischen Identitätsfragen auseinandersetzen. Der Titel ihres Debütalbums »What To Do, How To Live?« formuliert die Ausgangsfragen, auf die ausgebildete Cellistin und versierte Sängerin mit ihren zu überwiegenden Teilen in ihrer bosnischen Erstsprache geschriebenen Songs auf verschiedene Arten antwortet. So wie die Stücke zwischen Adaptionen von tradierten Sevdalinka-Formen, elektronischen Exkursen und zeitgenössischer Musik eine hybride Ästhetik formulieren, mischen sich bei Lakiko auf Geschichtlichkeit und verschiedene Kulturen.

SABIWA – No. 16 - Memories of Future Landscapes (Phantom Limb, MC/digital)

Artwork

Die mittlerweile in Berlin ansässige Musikproduzentin und Vokalistin SABIWA hat auf vorigen Alben einen Ansatz verfolgt, der deutlich von den ästhetischen Codes der Clubkultur geprägt war und sich nun anderen folkloristischen Formen widmet. Auf »No. 16 - Memories of Future Landscapes« behält sie ihren Hang zur elektronischen Abstraktionsmethoden bei, nimmt sich für die vier Stücke aber musikalisches Material aus ihrer taiwanesischen Heimat als Startpunkt her. In Verbindung mit ihren eigenen, durch den Einsatz erweiterter Techniken ausgesprochen vielseitig inszenierten Vocals schafft all das in Kombination einen sonderbar zeit- und losen Charakter. Es liegt, kurzum, viel Utopisches in dieser Musik.

Yorgos Dimitriadis – 14-20-22 (Trouble in the East, LP/digital)

Albumcover

Die Geschichte einer jeden Familie erzählt auch immer von welthistorischen Prozessen. So auch »14-20-22«, das mit den Worten von Yorgos Dimitriadis’ Großmutter beginnt, in diese die Geschichte ihrer zweifachen Emigration aus Ostthrakien nach dem Ersten Weltkrieg und schließlich dem Griechisch-Türkischen Krieg kurz zusammenfasst. Der versierte Schlagzeuger macht dieses politische Narrativ mit persönlichen Mitteln erfahrbar, bedient sich bei diversen Zeitdokumenten als Inspiration und sogar alten Aufnahmen seines Spiels. Er abstrahiert all das zu elektroakustischen Kompositionen, die bisweilen an die Arbeiten von Andrea Belfi oder Valentina Magaletti erinnern, das heißt aus Rhythmen Texturen herausarbeiten. Sie abstrahieren das Konkrete, um etwas Allgemeingültiges erzählen zu können.

Dieter A. Nanz (Hg.) – Aspekte der Freien Improvisation in der Musik (Wolke, Buch)

Buchcover

Was ist Improvisation? Lässt es sich überhaupt über Improvisation sprechen und wenn ja, wie? Der von Dieter A. Nanz herausgegebene Band »Aspekte der Freien Improvisation in der Musik« soll einen Mangel an theoretischer Reflexion in der Diskussion um improvisierte Musik beheben. Wer nun aber eine systematische Theoretisierung von diesen 33 Beiträgen erwartet, bekommt stattdessen einen bunten gedanklichen Flickenteppich vorgesetzt, indem vor allem Künstler*innen zu Wort kommen und sich dabei meistens vergleichsweise kurz halten. Es ist ein – wie zu erwarten – unerwartbares Miteinander von persönlichen, philosophischen und nur selten akademischen Texten, zumeist aus der direkten Praxis heraus geschrieben. Der Weg zur Abstraktion fängt bei improvisierter Musik wohl notgedrungen mit dem Konkreten an.

Gilles Aubry – Sawt, Bodies, Species. Sonic Pluralism in Morocco (adocs, Buch/Open-Access-PDF)

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»Sawt, Bodies, Species. Sonic Pluralism in Morocco« begann mit einer doppelten Mediation, schreibt der Künstler, Musiker und Forscher Gilles Aubry im Vorwort des auch als Open-Access-PDF erhältlichen Buchs. Die im Jahr 1959 von Paul Bowles angefertigten und dementsprechend subjektiv gefilterten Aufnahmen marokkanischer Musik markierten den Startpunkt für ein Projekt, in dessen Rahmen er sogar einen der Musiker aufspürte, dessen Klänge Bowles dereinst aufnahm. Aubrys Rundreise durch den »Klangpluralismus« Marokkos ist sowieso eine dezidiert multiperspektivische, die vergangene akademische Fehler nicht wiederholen möchte. Zu Themen wie Kolonialismus, Körperlichkeit oder Ökologie im Kontext marokkanischer Musik und Klänge werden immer wieder lokale, persönliche Perspektiven zugeschaltet. Aubry geht sogar darüber hinaus, indem er den Text durch Bilder und natürlich Musik künstlerisch erweitert.

Monia Acciari & Philipp Rhensius (Hrsg.) – Politics of Curatorship: Collective and Affective Interventions (Norient, Buch)

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Der Titel von »Politics of Curatorship: Collective and Affective Interventions« drückt schon aus, dass Monia Acciari und Philipp Rhensius mit der von ihnen herausgegebenen Anthologie nicht allein auf praktische Handreichungen oder theoretische Reflektionen abzielen. Auch geht es darum um persönliche Bezüge zur kuratorischen Praxis und den damit zwangsläufig einhergehenden Prozessen von Ein- und Ausschlüssen. So schreibt Gisela Swaragita über ihre eigene kuratorische Praxis als Kind: Sie stellte sich Mixtapes zusammen, indem sie sich die Songs im Radio wünschte und dann mitschnitt, um sich vom Radio unabhängig zu machen. Acciarci kommentiert von ihr angefertigte Bilder, Antye Greie-Ripatti steuert ein Gedicht bei – beide reflektieren so auf unterschiedliche Arten die übergreifende Thematik auf produktive Art. Daneben finden sich ebenso Berichte aus der Praxis und Ausführungen theoretischer Natur. Wie nicht anders von Norient zu erwarten bündelt das einfallsreich gestaltete Buch unterschiedliche Perspektiven aus verschiedenen Teilen Welt, ohne dabei Machtgefälle und regional-kulturelle Spezifika zu übergehen. Das macht es selbst zu einem – gelungenen – Statement über die Politik der Kuration.

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Two hands hold a red, semi-transluscent vinyl record

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Viele der zahlreichen Monats-Highlights entstanden in Kollaboration: Bauer + Katharina Schmidt, Hanno Leichtmann & Valerio Tricoli, das Duo HJirok, Marta Forsberg und ihr Bruder Tomasz sowie viele andere setzten auf Zusammenarbeit.

Picture of a record player taken from above, on it the album "Lemonade" by Beyoncé

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In einen längeren Februar passt viel Musik, die die Zeit dehnt. Von unter anderem Alessandro Bosetti, Kali Malone, Mariana Sadovska & Max Andrzejewski, Yan Jun & Eric Wong und vielen anderen.

Eine Schallplatte in Nahaufnahmen, man kann die Struktur ihrer Rillen erkennen.

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Neues Jahr, neue Musik: field notes-Redakteur Kristoffer Cornils empfiehlt neue Musik von Cedrik Fermont, Eiko Yamada, Mattin und dem vor Kurzem verstorbenen Phill Niblock sowie vielen anderen.

Ein Schrank mit Schallplatten, darin eine Schallplatte von Phill Niblock.

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Im Oktober gratulieren wir zuallererst Phill Niblock mit leichter Verspätung zum 90. Geburtstag. Dazu kommen neue Veröffentlichungen von Ah! Kosmos und Hainbach, JJJJJerome Ellis, Paweł Kulczyński, Polwechsel und anderen.

A section in a record stores that says "music to fuck your head"

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Kristoffer Cornils hört neue Releases von Marginal Consort, Ehsan Saboohi, Theo Nabicht und seinem Projekt Circle Line, Aleksandra Słyż und vielen anderen.