Portrait: QuerKlang

Experimentelles Komponieren in der Schule

27. Februar 2024 | Kristoffer Cornils

Schüler*innen des Heinrich Hertz Gymnasiums.
©Sven Ratzel

Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hat innerhalb der Freien Szene Berlins in den letzten Jahren einen immer größeren Stellenwert erlangt. Im Rahmen der Neueröffnung in der Zossener Straße vertiefte beispielsweise das exploratorium berlin diesen Schwerpunkt. Auch andere Projekte wie »Ach so! Neue Musik einfach verstehen« des georg katzer ensemble bei der Klangwerkstatt setzen auf Kontinuität und Nachhaltigkeit, wie altgediente Institutionen wie QuerKlang oder geräusch[mu’si:k] sie schon lange vorleben – und dabei wie Daniella Strasfogels LOUDsoft nicht allein zwischen den Generationen, sondern ebenso den Kunstformen vermitteln. Kristoffer Cornils stellt vier verschiedene Projekte vor, die ein partizipativer Ansatz eint, von dem alle profitieren.

In zwanzig Jahren kann sich die Musikwelt rundum erneuern. Kinder wachsen auf, werden flügge. Es kann, kurzum, in einer solchen Zeitspanne einiges in Bewegung kommen. Darum geht es dem Projekt QuerKlang seit ebenso vielen Jahren, erklärt Mitinitiatorin Kerstin Wiehe im Interview. Gemeinsam mit Komponist Daniel Ott und der damaligen Professorin für Musikpädagogik Ursula Brandstätter rief sie im Jahr 2003 QuerKlang – Experimentelles Komponieren in der Schule als Kooperation zwischen der MaerzMusik beziehungsweise den Berliner Festspielen und der Universität der Künste in Berlin ins Leben. »Motivation war und ist es einerseits, zeitgenössische Musik im schulischen Musikunterricht angemessen zu repräsentieren«, erklärt Wiehe. »Andererseits geht es uns darum, zeitgenössischer Musik in einem aktiven Gestaltungsprozess zu begegnen.« Unabhängig von der musikalischen Vorbildung der teilnehmenden Schüler*innen können diese ihre eigenen Ideen in einen kollektiven musikalischen Prozess einbringen. Im Mittelpunkt stehe nicht ein rein hörend-rezipierender und letztlich also passiver Ansatz, sondern der experimentelle und eigenverantwortliche Umgang mit diversen musikalischen Materialien und Ideen.

Selbst produzieren statt nur konsumieren, heißt das, wie Wiehe betont: »Die grundsätzliche Zielsetzung besteht darin, Schüler*innen zu ermutigen, sich eigentätig mit musikalischem Material und dessen Gestaltungsmöglichkeiten zu beschäftigen und gleichzeitig Neugier, Toleranz und Verständnis gegenüber der Vielfalt zeitgenössischen Musikschaffens zu entwickeln.« Die Zielgruppe schließt dabei dementsprechend nicht allein Schulklassen ein, sondern genauso Lehramtsstudierende und Komponist*innen sowie natürlich Lehrer*innen. Die Betreuung der einzelnen Projekte übernimmt jeweils ein Viererteam bestehend aus zwei Student*innen der UdK in Zusammenarbeit mit je eine*r Komponist*in und Musiklehrer*in. »Diese Besetzung ermöglicht noch andere methodische Aspekte und Ziele, als wenn ein*e Lehrer*in allein auf eine Klasse verwiesen ist. Vier verschiedene Persönlichkeiten bringen verschiedene Kompetenzen und Hintergründe mit ein«, erklärt Wiehe diesen auf den ersten Blick ungewöhnlichen Ansatz.

In Kombination mit einer Gruppe von Jugendlichen ergeben sich in einer solchen Konstellation zwangsläufig Reibungen – genau das aber ist bei QuerKlang dezidiert erwünscht. »Oft sind es gerade die in Differenzen freiwerdenden Energien und Spannungen, die zur Entwicklung von Neuem führen«, so Wiehe. Verstärkt wird diese einander zugewandte Auseinandersetzung durch das kollektive Komponieren, ein wesentlicher Baustein des Projekts: »Im Klassenverband laufen Entscheidungs- und Aushandlungsprozesse, was den Prozess sehr schwierig und anspruchsvoll macht«, berichtet Wiehe. Am Ende aber stünden bewusste, gemeinsam getroffene Entscheidungen. Dieser basisdemokratische Ansatz fußt auf dem, was Wiehe als »Rollenflexibilität« bezeichnet. Die Schüler*innen komponieren, interpretieren und rezipieren im Rahmen der QuerKlang-Projekte zu wechselnden Teilen, selbst die Grenzen zwischen Lehrenden und Lernenden zerfließen. »Lehrende sind nach unserem Ansatz Begleiter*innen von selbstgesteuerten Prozessen«, erklärt Wiehe.

Diese Prozesshaftigkeit prägt QuerKlang auch über die eigentlichen Projekte hinaus. Kontinuierlich werde die Initiative im Gesamten evaluiert und reflektiert, um didaktische und kreative Aspekte auszutauschen und neue Impulse für eine produktive Weiterarbeit zu generieren. Zum 20. Jubiläum wird sie nochmals erweitert: Das Pilotprojekt QuerKlang+ bezieht andere künstlerischen Bereiche wie Theater und Bildende Kunst mit ein. Das von Wiehe geleitete mehrköpfige Team dahinter arbeitet in diesem Jahr mit einem guten Dutzend Berliner Schulen sowie Komponist*innen, Musiker*innen und Künstler*innen aus anderen Bereichen zusammen. Vorgestellt werden die Ergebnisse im Rahmen der MaerzMusik zwischen dem 18. und 20. März im Probensaal der UdK – in genau denselben Kontexten also, wo vor zwei Jahrzehnten alles angefangen hat. Die Welt hat sich seitdem verändert, und auch QuerKlang ist dem stetigen Wandel treu geblieben.

Dieser Text ist Teil unseres Themenschwerpunkts. Einen Essay von Dramaturgin und Dozentin Dr. Christiane Plank-Baldauf zum Thema Partizipation und Klangforschung mit jungen Menschen findet ihr hier.

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