Labelportrait: Prostir / I Shall Sing Until My Land Is Free

field notes #30

1. Januar 2023 | Redaktion

I shall sing until my land is free

Dmytro Fedorenko und Kateryna Zavoloka sind seit langem in der internationalen Szene für elektronische Musik aktiv. Solo veröffentlichen sie mit den Projekten Kotra und Variát sowie Zavoloka und obendrein gemeinsam als Duo unter dem Namen Cluster Lizard seit über zwei Dekaden Musik, die schwer zu kategorisieren und deshalb fast überall anschlussfähig ist. Gut anderthalb Jahrzehnte lang betrieben sie in Kyiv, dann später aus Wien und schlussendlich Berlin das Label Kvitnu, bevor sie sich auf da im Jahr 2018 mit einer LP von Cluster Lizard aus der Taufe gehobene Imprint Prostir und damit ihre eigenen Produktionen zu konzentrieren begannen. Als »frei und experimentell« beschreibt Fedorenko den Sound. »Wir machen, was wir wollen und lieben, das ist für uns das wichtigste.«

Während Fedorenko und die auch für die visuelle Gestaltung zuständige Zavoloka also Prostir nutzen, um die volle Kontrolle über ihren beachtlichen Output zu haben, verfolgen sie mit dem im Frühjahr 2022 gestarteten Sublabel I Shall Sing Until My Land Is Free ein anderes Ziel. »Seit dem 24. Februar waren wir ehrenamtlich sehr aktiv, um Geflüchtete kulturell und finanziell zu unterstützen«, erinnert sich Fedorenko. »Daraus wurde fast ein Vollzeitjob.« Als Geert-Jan Hobijn vom Berliner Plattenladen und Label Staalplaat vorschlug, ihnen eine Veröffentlichung aus dem Schaffen des britischen Künstlers Muslimgauze zu lizenzieren, um damit weitere Spenden zu sammeln, markierte das den Beginn des neuen Unterfangens.

Seitdem haben die beiden über das Label eine Fülle von Releases von unter anderem Merzbow oder Ujif_notfound veröffent- licht. Die Einnahmen gehen an Organisationen, die der ukrainischen Bevölkerung helfen. »Dazu brauchten wir natürlich mehr Musik und mussten die Tonträger schnell produzieren«, erklärt Fedorenko. Deshalb würden sie das Label heute als Kollaborationsprojekt zwischen ihnen und Labels wie Staalplaat sowie den polnischen Presswerken Monotype und X-disc betrachten. »Es ist nicht nur ein Label, sondern Teil des kulturellen Widerstands in diesem Krieg«, betont Fedorenko. Neben neuem Material Zavolokas auf Prostir sind dort weitere Veröffentlichungen von ukrainischen Künstler*innen wie Edward Sol zu erwarten.

Gegründet: 2018/2022
Sitz: Berlin
Betrieben von: Dmytro Fedorenko, Kateryna Zavoloka

Künstler*innen: Anla Courtis, Cluster Lizard, Edward Sol, Ilpo Väisänen, Kotra, Merzbow, Muslimgauze, Ujif_notfound, Variát, Zavoloka

Drei Anspieltipps: Cluster Lizard – Star Corsair (2021), Zavoloka – Ornament (2020), Kotra – Radness Methods (2022)
Website: prostir.art / ishallsinguntilmylandisfree.com

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