»Risikobereitschaft wird wertgeschätzt«

Das Kollektiv Unruhe im Interview

26. September 2023 | Kristoffer Cornils

Die Mitglieder des Kollektiv Unruhes im Halbdunkel. Foto von Norbert Frank
©Norbert Frank

Das Kollektiv Unruhe ist eine junge Gruppe von Komponist*innen und Performer*innen. Sie haben die unterschiedlichsten Hintergründe und dasselbe Ziel: Die Dinge anders als zuvor machen. Mit »NOT FOUND« präsentieren sie bei der diesjährigen Klangwerkstatt Berlin am 16. November ein kollektiv komponiertes Langstück. field notes-Redakteur Kristoffer Cornils sprach mit den Mitgliedern Lara Alarcón und Olivia Palmer-Baker über das Gefühl von Sicherheit und die finanziellen Unsicherheiten (bis 7. November sammelt das Kollekiv noch Gelder für die Finanzierung von »NOT FOUND«), die mit einem ambitionierten Projekt wie dem ihren einhergehen.

Was ist das Kollektiv Unruhe?

Lara: Wir sind eine Gruppe von Komponist*innen, von denen die meisten auch als Instrumentalist*innen aktiv sind. Wir befinden uns gerade im Prozess der Professionalisierung und versuchen, uns der Szene zu präsentieren. Als wir das Kollektiv Unruhe im Jahr 2021 gründeten, studierten wir alle an der Universität der Künste Berlin und hatten das große Glück, sie als eine Plattform für unsere Konzerte nutzen zu können. Wir wollten in einem gemeinsamen Raum zueinander finden, in dem wir uns alle sicher fühlen, Gedanken austauschen und die Ideen der anderen bestärken konnten. Des Weiteren ist es unsere Absicht, die Grenze zwischen Komponist*in und Performer*in verschwimmen zu lassen.

Olivia: Wir sind ein sehr internationales Ensemble und Diversität und Gender-Gleichgewicht sind uns sehr wichtig. Wir glauben, dass alle etwas zu sagen haben, auch wenn sie nicht so sehr in den kompositorischen Prozess eingebunden sind wie andere. Deshalb arbeiten wir auf demokratische Art und Weise. Zwölf von uns formen einen Vorstand, in dem wir verschiedene Vorschläge unterschiedlicher Arbeitsgruppen innerhalb des Kollektivs diskutieren. Das macht die Arbeit sehr intensiv. Wir sind aber davon überzeugt, dass es das wert ist.

Lara: Nach unserem ersten Konzert im August 2021 haben wir an 48 Stunden Neukölln mit einem gemeinsam mit Videokünstler*innen erarbeiteten Kollaborationswerk teilgenommen, haben ein Konzert Konzepten der freien Improvisation und Sprache gewidmet und zuletzt in diesem Jahr am Festival Impuls in Graz teilgenommen. Für die diesjährige Ausgabe der Klangwerkstatt Berlin haben wir ein ambitioniertes Stück konzipiert, das auf einer kollektiven Komposition basiert, die mit den wunderbaren Räumlichkeiten des Studio 1 im Kunstquartier Bethanien arbeitet. Es ist eine Orchestrierung verschiedener Ideen, die als Langformstück präsentiert wird.

Bei Unruhe handelt es sich nicht allein um ein Kollektiv, sondern ebenso um ein Ensemble – oder besser gesagt mehrere.

Olivia: Manchmal entspringt dem Kollektiv ein Ensemble, während wir dabei sind, ein Repertoire auszuarbeiten und uns in verschiedenen Bereichen wie der freien Improvisation oder eher traditionellen Projekten auszuprobieren. Wir arbeiten mit einer chaotischen, eklektischen Mischung aus verschiedenen Persönlichkeiten, Instrumenten, Klängen und Ästhetiken.


Was ist dann der kleinste gemeinsame Nenner zwischen euch allen?

Olivia: Wir sind ein selbstorganisiertes Kollektiv und freuen uns alle sehr darüber, Neues zusammenzubringen und auszuprobieren. Ich bin dem Kollektiv für das Projekt bei 48 Stunden Neukölln beigetreten und vor allem im Bereich der freien Improvisation tätig. Als wir Anfang des Jahres Workshops zu bestimmten Ideen organisiert haben, war es wirklich aufregend, zu sehen, dass alle Mitglieder neue Sachen ausprobieren wollten. Ich bin vor allem als Fagottistin aktiv – also in der Nische. (lacht) Ich arbeite mit den unterschiedlichsten Gruppen zusammen, weil alle ein Fagott brauchen. Dabei fühle ich mich manchmal nicht wirklich wohl, wenn ich mit sehr fixen Regeln konfrontiert bin, was Performer*innen gestattet ist. Wenn ich beispielsweise eine Idee für eine andere Form von Inszenierung habe, kann ich das nicht immer ohne Weiteres äußern. Ich habe in der Vergangenheit zwar Konzerte kuratiert, selten aber wurde mir dabei der Freiraum gewährt, wirkliche Risiken einzugehen. Mit uns ist das anders. Wann immer neue Ideen aufkommen, gibt das Kollektiv ihnen Raum zur Entfaltung. Die Freiheit, das tun zu können, schafft ein Gefühl der Sicherheit. 

Lara: Sicherheit ist das Schlüsselwort. Ich bin vor zwei Jahren aus Buenos Aires nach Berlin gekommen. Es war großartig, einen Ort zu finden, an dem ich ich selbst sein und meine Ideen zum Ausdruck bringen kann. Ich habe einen Performance-Hintergrund, und meine Auffassung von Komposition ist wirklich nicht gerade konventionell. Deshalb war es für mich sehr wichtig, das Gefühl zu haben, das an einem sicheren Ort ausleben zu können – vor allem als Frau. 

Heißt das, dass einer der Hauptantriebe eurer Arbeit die Unzufriedenheit mit dem Status quo ist?

Lara: Natürlich sind wir mit vielem unzufrieden, vor allem wenn es um Gender oder Alter geht. Die Szene für zeitgenössische Musik wird noch immer von einem gewissen Altherrendenken dominiert. (lacht)

Olivia: Viele verbringen ihre Zeit lieber mit Motzen und Lästern, als das Gespräch und die Zusammenarbeit zu suchen. Das überrascht mich – schreibt sich die Szene für zeitgenössische Musik doch auf die Fahne, besonders fortschrittlich und zukunftsweisend zu sein. Doch strikte Hierarchien existieren weiterhin. Ich finde es sehr gut, dass wir uns im Kollektiv der Veränderung öffnen.

Lara: Unsere persönlichen Philosophien mögen manchmal miteinander kollidieren, aber wir sprechen sehr offen darüber und finden immer Kompromisse. Dabei schließen wir eine ganze Reihe von Lücken, seien es nur solche zwischen verschiedenen ästhetischen Ansätzen und Genres. Ich glaube, dass auch viele Institutionen gerne so arbeiten würden. Aber das braucht alles Zeit.

Olivia: Es kommen immer noch Geschichten über Machtmissbrauch und Fehlverhalten in großen Institutionen ans Tageslicht. Es wird eine Weile dauern, bis damit richtig umgegangen wird und es sich ändert. Komponist*innen werden weiterhin als monolithische Figuren angesehen, obwohl sie nur Menschen wie du und ich sind! (lacht) Genau diese Denkweisen wollen wir nicht aufrechterhalten.

Wie wurden eure Arbeit und euer Ansatz im Allgemeinen bisher innerhalb der Szene aufgenommen? 

Lara: Wir sind noch dabei, uns ein Publikum aufzubauen. Das ist nicht so einfach, weil wir ein noch recht junges Kollektiv sind. Unsere Mitglieder haben sehr unterschiedliche Hintergründe. Das bedeutet, dass die Leute sich vielleicht für einige Aspekte unserer Arbeit interessieren, nicht aber unbedingt für alle.

Olivia: Im Rahmen unseres Auftritts beim Impuls fiel mir auf, dass ein Hunger nach alternativen Ansätzen und der Auflösung von Grenzen besteht, vor allem hinsichtlich der Trennung zwischen Publikum und Performance. Risikobereitschaft wird wertgeschätzt. Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts konnten wir in der gesamten Kultur – und nicht allein in der zeitgenössischen Musik – Veränderungen beobachten. Postmoderner Zynismus wurde von einer halb ironischen und doch aufrichtigen Haltung abgelöst. Mich inspiriert zum Beispiel Matthew Shlomowitz, der während eines Vortrags in Darmstadt fragte, warum wir uns in unserem Schaffen eigentlich auf eine Stimme beschränken sollten. Warum nicht atonale, pointillistische Texturen mit einem Samba-Rhythmus kombinieren? (lacht) Beim Impuls haben wir einige Stücke aufgeführt, die uns nach einem Call for Collaborations zugeschickt wurden, aber auch solche aus unserem eigenen Repertoire. Darunter war eines von Nik Bohnenberger, das sehr performativ und witzig ist. Das ergab insgesamt eine spannende Mischung und den Leuten hat es sehr gefallen. Ich glaube, viele sind sehr froh darüber, dass die supermodernistische Phase endlich vorüber ist. (lacht)

Was war die Idee hinter diesem Aufruf zur Zusammenarbeit?

Olivia: Wir möchten ein Portfolio aufbauen und verschiedene Dinge ausprobieren, allem voran Kollaborationen mit anderen Komponist*innen. Manche haben sehr vage Entwürfe eingeschickt, andere voll ausgearbeitete Partituren. Manches funktionierte, anderes nicht. Das war sehr spannend.

Lara: Wir sind gerade noch dabei, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln und experimentieren viel. Der Aufruf zur Zusammenarbeit gab uns die Möglichkeit, die Arbeitsweisen anderer Menschen zu verstehen und wie diese zu unserer eigenen Denkweise passen.

Olivia: Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir eine komplett autarke Gruppe sein möchten. Ich persönlich liebe es, mit anderen zusammenzuarbeiten und die Energie, die sie einbringen. Über mehr Möglichkeiten zu verfügen, unterschiedliche Projekte zu inszenieren und sie aufzuführen, ist immer ein Bonus. Ich denke auch, dass uns Kollaborationen bei unserem Selbstfindungsprozess helfen. Auf der anderen Seite ist es für uns von Vorteil, wenn wir unsere eigenen Konzepte und Aufführungen allein aufbauen. Das Kollektiv ist sehr jung und es braucht eine Weile, um alles ordentlich und professionell zu machen. Wir haben für das neue Projekt eine Teilförderung der Klangwerkstatt erhalten, was toll ist. Unsere Aufgabe ist es nun allerdings, Geldmittel aufzutreiben, um die Kosten für unseren Mehraufwand zu decken, das heißt, unsere Honorare an den irrsinnigen Arbeitsaufwand anzupassen. Darüber wird nicht oft genug gesprochen: In der Frühphase einer Ensemblegründung wird viel umsonst gearbeitet. Das ist es wert, das ist notwendig – es bleibt aber unbezahlt. Deshalb zählt jeder Cent.


Was ist der grundlegende Gedanke des Projekts »NOT FOUND«?

Lara: Der Titel entspringt einer gewissen Frustration über die Kommunikation innerhalb unserer Gruppe, er spielt auf die klassische »404 Not Found«-Fehlermeldung an. Darin drückt sich das Gefühl aus, ein Signal auszusenden und aber kein Feedback zu erhalten, Ambitionen zu hegen und darüber auf den unterschiedlichsten Plattformen zu sprechen. Wir haben das in verschiedene Ansätze übertragen und uns dafür zuerst in vier Gruppen aufgeteilt. In der Gruppe von Olivia und mir arbeiten wir mit einer offenen Partitur, die ich beisteuerte, und entwickeln das Stück während des Spielens weiter. Andere haben das Thema buchstäblicher genommen und werden Apps wie WhatsApp oder Telegram in ihre Performance integrieren, um mit dem Publikum in Kontakt zu treten.

Olivia: Das ist der erste Teil des Stücks. Darin wird sich alles darum drehen, Fragen in den Raum zu stellen und mit dem Publikum zu interagieren. Das ist an sich sehr selbstreferentiell. Das erste Viertel der Gesamtaufführung basiert auf der Wahrnehmung des Publikums. Das bedeutet: Sie erschaffen die Musik, obwohl wir spielen. Sie leiten uns in unserem Spiel. Es ist ein Prozess. Im nächsten Teil wird das von einem Trio aus drei unterschiedlichen Stimmen kontrastiert, die verschiedene Dinge tun und entweder in einen Dialog miteinander treten oder nicht – das hängt ganz von der Interpretationsweise ab. Der dritte Teil fungiert als Kommentar auf das Konzept der Autorschaft. Dabei werden erneut Dialoge angestoßen: Saemi Jeong wird unser Spiel mit Live-Sampling begleiten. Die letzte Gruppe besteht aus Lara, Ilona Perger und mir. Wir bringen alles zu einem menschlichen Höhepunkt, würde ich sagen. Wir lassen das Publikum in eine wall of sound eintauchen. Zwischen den einzelnen Sektionen werden Tape-Stücke mittels Sampling und Klangmanipulation auf deren Klangwelt Bezug nehmen. Zu hören sind sie aus verschiedenen im Raum verteilten Lautsprechern, was für einen organischen Übergang zwischen allem sorgt. Im Gesamten ist »NOT FOUND« durchkomponiert und selbstreferentiell, es fragt nach Bedeutung und wie diese konstruiert wird. Das klingt jetzt alles furchtbar intellektuell, aber es wird sehr zugänglich sein! (lacht)

Lara: Zugänglichkeit war uns bei der Konzeption des Stücks sehr wichtig, denn daran mangelt es manchmal in der zeitgenössischen Musik. Wir wollten es dem Publikum ermöglichen, eine Beziehung dazu aufbauen zu können – ganz gleich, ob sie mit den von uns verwendeten musikalischen Sprachen vertraut sind oder nicht.

Olivia: Ich glaube, es wird ein einziges Mal eine Person von uns auf dem Bühnenrand sitzen. Ansonsten wird die Bühne überhaupt nicht genutzt! (lacht) Das macht einfach Spaß! 

Lara: Die Akustik des Studio 1 im Kunstquartier Bethanien spielt auch eine wichtige Rolle. 

Olivia: Total. Im letzten Teil spiele ich Fagott, Lara arbeitet mit Stimme und Elektronik, Ilona spielt Harmonium. Das erzeugt eine Mischung aus Klängen mit einer der menschlichen Stimme ähnlichen Qualität. Es wird unmöglich sein, zu sagen, woher das alles kommt. Wir verteilen uns im Publikum. Das kann ein Bad im Klang nehmen … 

Lara: … oder umherwandern! Das war eines der ersten Themen, das wir bei der Gründung von Unruhe diskutiert haben: Die klassische Konzertsituation ist so langweilig! Die Leute sitzen nur rum und gucken zu … 

Olivia: … und erst am Ende stehen sie auf, um zu applaudieren. Dann endlich können sie selbst Krach machen. (lacht) Um auf den Raum zurückzukommen: Der hat eine sehr eindrückliche Akustik – es ist eine Kapelle. Man muss schon klug damit umgehen und damit arbeiten – oder dagegen. Über dem Publikum befindet sich Chorgestühl und es ist absolut unmöglich, von dort während des Spielens miteinander zu kommunizieren, weil wir so weit voneinander entfernt sind. Auch das war ein Ausgangspunkt der Idee von Kommunikation und worum es sich dabei eigentlich handelt. Musik überwindet Sprachbarrieren und Bedeutung ist niemals so fix, wie sie es in der gesprochenen Sprache sein soll. Genau damit arbeiten wir.

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