Die Kunst des Teilens

Partizipation und Klangforschung mit jungen Menschen

28 February, 2024 | Dr. Christiane Plank-Baldauf

Kinder tanzen auf einer Bühne
©QuerKlang

Aus der Freien Szene Berlins heraus leistet eine Vielzahl verschiedener Projekte Pionierarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Dr. Christiane Plank-Baldauf erklärt, wie sie damit transformatorische Selbst-Bildungsprozesse initiieren. 

Wie klingt unser Alltag? Welche Geräusche entstehen, wenn man mit Papier raschelt oder es zerreißt? Welche Rhythmen kann man mit dem Reißverschluss eines Federmäppchens herstellen? Und: Wie klingt eigentlich Stille? John Cage hat bereits in den sechziger Jahren auf die Einmaligkeit eines jeden Klangs hingewiesen und damit das musikalische Material um die Klanglichkeiten von (Alltags-)Geräuschen erweitert. Anders als das klassischtraditionelle Tonmaterial ermöglichen Klänge und Geräusche zunächst einen unmittelbar körperlichen, haptischen und klangsinnlichen Zugang. Musikalische Kenntnisse wie zum Beispiel die von Notenschrift oder instrumentale Fertigkeiten sind zu ihrer Rezeption nicht erforderlich, denn es geht um sinnliche Klangerfahrung. Die Erforschung der klanglichen Umwelt sensibilisiert deshalb nicht nur für das Hören, sondern bietet im Besonderen Kindern einen unbefangenen Einstieg in die experimentelle Musik und Klangkunst.

Da im Musikunterricht sehr häufig die zeitgenössische Musik keinen ausreichenden Raum findet – als Gründe sind unter anderem die geringe Bedeutung des Schulfachs Musik, Lehrkräftemangel oder auch »fehlender Bezug und Affinität«(1) der Pädagog*innen gegenüber zeitgenössischer Musik und Musiktheater zu nennen – haben sich kollaborative Klangforschungs- und Kompositionsprozesse mit Lai*innen zu einem wichtigen Bestandteil künstlerischer Vermittlungsarbeit entwickelt. Gerade für Akteur*innen der Freien Szene erweist sich das als anschlussfähig. Entlastet von der engen zeitlichen Disposition herkömmlicher Kulturinstitutionen und gelöst von der Bindung an bestimmte Produktionsweisen und Ästhetiken, haben die Künstler*innen der Freien Szene auf unterschiedlichsten Wegen einen Erfahrungsreichtum gewonnen, der sich gerade in der Berliner Szene widerspiegelt. Die Akteur*innen von geräusch[mu’si:k], LOUDsoft, QuerKlang oder der Klangwerkstatt Berlin sowie weiterer Projekte verbindet eine dezidiert interdisziplinäre, forschende Herangehensweise sowie die enge Anbindung und Zusammenarbeit mit Schulen und Kitas.

Vor allem geht es diesen Projekten darum, Zugänge zu experimenteller Musik, zum Hören im Zusammenspiel mit anderen Sinneswahrnehmungen zu schaffen sowie junge Menschen zum Selbst-Kreativ-Werden zu ermächtigen. Darüber hinaus sind es die kollaborativen und auf Partizipation hin ausgerichteten Ansätze, die in den vergangenen zehn Jahren die musik(-theater-) pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen nachhaltig geprägt haben. Partizipation greift dabei in alle Bereiche der (musikalisch-)theatralen Praxis ein.

Dies gilt ebenso in der Verbindung von Profis und Lai*innen während des Entstehungsprozesses, in der Öffnung eines Werks hin zu offenen Formen und diskursiven Formaten, in der Interaktion von Zuschauer*innen und Künstler*innen wie auch, damit verbunden, im Abbau von hierarchischen Strukturen zugunsten von kollaborativen Arbeitsprozessen. Diese richten sich an und öffnen sich für alle interessierten Menschen unabhängig von ihrem Alter, Hintergrund und Vorerfahrung. Musik(-theater-) pädagogik wird in diesem Sinne anders als die vor allem auf Wissensproduktion fokussierte Schulpädagogik als eine gesellschaftliche Praxis verstanden, die sich in ihren Strukturen an demokratischen Grundprinzipien (2) orientiert. Auf diese Weise kann ein künstlerisches Projekt zu einem Raum des ZuHörens, der Reflexion und des Aushandelns von Positionen und Meinungen werden.

So tauchen beispielsweise die Künstler*innen von geräusch [mu’si:k] in Projekten wie »Die Geräuschesammler & ihr Pssst, Bumm, Brrrrr« oder »Klangbaustelle« zusammen mit Kita-Kindern und deren Erzieher*innen in die Welt der Alltagsgeräusche ein: Wie klingen beispielsweise Papiertüten, Deckel, Bürsten, Gummibänder? Welche Rhythmen oder Klangfarben lassen sich diesen Objekten entlocken? Und wie können aus den entstehenden Klangereignissen grafisch notierte Kompositionen entstehen? Geforscht wird nicht allein in Innenräumen und auf Hörspaziergängen, denn das umfangreiche Spiel- und Arbeitsmaterial sowie verschiedene Video-Workshops auf der Website von geräusch [mu’si:k] laden dazu ein, auch das eigene Zuhause klanglich zu erkunden. Im Mittelpunkt dieser Klangprojekte steht die sinnliche Erfahrung, das Sich-Einlassen auf Klänge und Rhythmen, aber auch auf körperliche Erfahrungen.

Die Suche nach einem durchgehenden Sinn, einer fortlaufenden kausalen Erzählung ist dagegen im Rezeptionsverhalten junger Zuschauer*innen weniger stark ausgeprägt. 

Gerade Formate wie die Konzertreihe »Wortlaut« oder das Format »Schrumpf!« für Kinder zwischen null und sechs Jahren von LOUDsoft machen sehr deutlich, mit welcher Offenheit und Neugier junge Menschen live produzierten Klängen und szenischen Ereignissen begegnen. Die Bühne öffnet sich in diesen Konzerten zur Spielfläche und lädt das junge Publikum ein, sich zu den Klängen und Lauten zu bewegen, mitzusingen, sich vom Klanggeschehen verzaubern zu lassen und mit den Musiker*innen zu interagieren: Instrumente dürfen berührt und die Nähe zu den Performer*innen gesucht werden.

Das Selbstgestalten von Musik ist eine Aufgabe, die QuerKlang an junge Menschen stellt. Der künstlerische Prozess beginnt mit der Erforschung von (Alltags-)Klängen. Aufbauend darauf wird das Material und sein szenisches Potenzial miteinander in Beziehung gesetzt und daraus eine Geschichte entwickelt. Der Prozess des Komponierens versteht sich dabei im ursprünglichen Sinn von »com-ponere« und meint das Zusammensetzen verschiedener Klangereignisse im Rahmen einer grafischen Partitur. Kollektives Komponieren bedeutet, im Team zu arbeiten. Soziales Lernen im kreativen Tun ist ausdrücklich Teil dieser künstlerischen Arbeit, dabei auftretende Reibungen und Krisen können den Teilnehmer*innen neue Erfahrungsräume eröffnen. Der partizipative Ansatz reicht jedoch noch weiter. Eine Besonderheit von QuerKlang ist es, im gemeinsamen Forschen und Arbeiten Einblicke in die verschiedenen Arbeitsfelder und -praxen von Künstler*innen und Pädagog*innen zu geben und gleichzeitig die pädagogische Ausbildung von Lehramtsstudierenden um praktische Erfahrungen in musiktheaterpädagogischen Kontexten zu erweitern.

Am Ende der Kompositionsphase steht eine Präsentation im Rahmen des Festivals MaerzMusik der Berliner Festspiele. Zu seinem 20. Jubiläum in diesem Jahr hat QuerKlang unter dem Namen QuerKlang+ ein Pilotprojekt lanciert, das um die künstlerischen Bereiche Musik, Theater und Bildende Kunst erweitert wurde.

Das Teilen von Erfahrungen steht auch im Mittelpunkt des Festivals für Neue Musik Klangwerkstatt Berlin. Ursprünglich 1980 vom Komponisten Peter Ablinger an der Musikschule Kreuzberg gegründet, bietet und bot die Klangwerkstatt professionellen Ensembles und Komponist*innen wie zum Beispiel Georg Katzer, Helmut Zapf, Juliane Klein, Katia Tchemberdji, Sarah Nemtsov, Sidney Corbett und Tom Rojo Poller die Gelegenheit zur Zusammenarbeit mit Kinder- und Jugendensembles.

Dabei werden über Genre- und Generationsgrenzen hinweg neue künstlerische Formen und Spielpraktiken fernab tradierter Kompositionstechniken erprobt. Neben der gemeinsamen Musizierpraxis mit Profimusiker*innen sind es auch die Einblicke in künstlerische Prozesse, die jungen Musikschüler*innen und Lai*innen-Ensembles zeitgenössische Musik näherbringen können. Beispielhaft stehen diese Projekte deshalb auch hier für eine andere Form der Wissensaneignung als Alternative zum schulischen Faktenwissen. Indem partizipative Prozesse keine affirmativ-rezeptive Kunsthaltung (3) reproduzieren, bieten sie jungen Menschen die Gelegenheit, sich selbst als schöpferisch und gestaltungsfähig zu erfahren. Auf diese Weise können partizipative Prozesse jungen Menschen Möglichkeitsräume erschließen, Perspektivwechsel einleiten und im besten Fall transformatorische Selbst-Bildungsprozesse initiieren (4).

Dr. Christiane Plank-Baldauf ist als Dramaturgin in den Bereichen Musiktheater und Konzert tätig und unterrichtet an der Theaterakademie August Everding sowie dem Institut für Theaterwissenschaft der LMU München. Sie forscht und publiziert zum Musiktheater für junges Publikum, zur Musikvermittlung und Partizipation, Performativität des Hörens sowie Geschichte und Ästhetik des (Musik-)Theaters. Sie leitet das DFG-geförderte Forschungsprojekt »Musiktheater für junges Publikum – eine Schule der Wahrnehmung?«.

 

 

Dieser Text ist Teil unseres Themenschwerpunkts. Wir haben vier Berliner Projekte portraitiert, die sich der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen verschrieben haben: das georg katzer ensemble, geräusch[mu’si:k], LOUDsoft und QuerKlang

 

1 Gaudet, Johannes: »Experimentieren und Komponieren mit Klanggestalten.« In: Plank, Christiane (2019): »Praxishandbuch Musiktheater für junges Publikum«. Stuttgart: Metzler, S.83.
2 Reinwand-Weiss, Vanessa-Isabelle (2013/2012): »Künstlerische Bildung-Ästhetische Bildung-Kulturelle Bildung«. In: www.kubi-online.de/ artikel/kuenstlerische-bildung-aesthetische-bildung-kulturelle-bildung (letzter Zugriff 10.1. 2024), ohne Seiten.
3 Mörsch, Carmen (2009): »Am Kreuzungspunkt von vier Diskursen: Die documenta 12 Vermittlung zwischen Affirmation, Reproduktion, Dekonstruktion und Transformation.« In: »Kunstvermittlung II. Zwischen kritischer Praxis und Dienstleistung, auf der documenta 12.« Ergebnisse eines Forschungsprojekts. Zürich: Diaphenes, S.9–33 (hier S.9).
4 Hilliger, Dorothea (2019): »Pädagogisches Handeln in den performativen Künsten als (radikal-)demokratische Praxis.« In: www.kubi-online.de/artikel/paedagogisches-handeln-den-performativen- kuensten-radikal-demokratische-praxis (letzter Zugriff am 15.1.2024), ohne Seiten.
 

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