Was weiß der Fluss?
Artenübergreifende Kreativität in Musik und Klang
30. April 2026 | Kate Milligan
30. April 2026 | Kate Milligan
Wandel
Was sieht der Fluss? Tausend blinzelnde Augen, ein Flussbett voller Tränen, gebrochenes Sonnenlicht auf der Netzhaut. Was hört der Fluss? Wirbelnde Ströme, die auf Membranen von Schwemmland trommeln, Klang und Wasser, die sich winden wie eine Hörschnecke. Was berührt der Fluss? Ein weites Delta, verzweigte Arme, die gesättigte Haut der Erde.
Wir müssen dem Fluss gar nicht lang lauschen, um zumindest ein oberflächliches, ein vorläufiges Verständnis seiner Intelligenz zu erlangen. Nur eine einzelne Zehe müssen wir in seine Wasserwelt tauchen, um von Wellen der Vertrautheit umspült und in ihren Sog gezogen zu werden: Wir sind wie der Fluss, und der Fluss ist wie wir. Die Sinne, die das Fundament unseres musikalischen Körpers bilden, haben auch für den Fluss eine Bedeutung – eine Bedeutung, die uns dazu zwingt, über die gewohnte Wahrnehmungshorizonte hinauszudenken. Wie können wir an der Musik des Flusses teilhaben, den Fluss als Musiker kennenlernen und seine Kreativität spüren?
Im Juni lädt die Konferenz Time to Listen Musiker*innen und Klangkünstler*innen aus aller Welt ein, sich mit artenübergreifender Kreativität und mehr-als-menschlicher Wahrnehmung auseinanderzusetzen. Die Konferenz ist Teil von SPREEKLÄNGE, einem Festival für zeitgenössische Musik, das die Akademie der Künste vom 25. bis 28. Juni entlang der Spree ausrichtet. Der Fluss wird bei diesem Festival der Gastgeber sein. Der Fluss, dieses weitläufige Gewässer, diese Lebensader kreativer Symbiose, eine Welle der Fantasie, die aus fließenden Wechselbeziehungen entspringt. Dieser Essay stellt mehr Fragen, als er Antworten gibt – um denen, die der Fluss vielleicht im Juni liefert, nicht vorzugreifen.
Wie können wir zu mitfühlenden Akteur*innen werden in Welten, in denen viele Arten koexistieren? Wie können wir unser Bewusstsein über die Grenzen unserer eigenen Spezies hinaus erweitern – durch jene Schattenwelten der Verschiedenartigkeit hindurch und hin zum Nicht-Menschlichen, in einem Akt radikalen Wandels unserer Wahrnehmung? Es ist das Privileg der Künstler*innen, auch angesichts der sich verschärfenden Umweltkrise, an diesen Wandel zu glauben. Wir können Optimismus üben in dem Wissen, dass unsere menschlichen Körper durchlässig sind und sich inmitten des Windens und Wirbelns bewegen, aus dem fantastische Wesen erstehen. Wir sind endlos miteinander verflochten, und aus dieser schöpferischen Perspektive heraus können Künstler*innen den Fluss erkunden. Wir sind untrennbar miteinander verwoben. Das ist der schöpferische Ausgangspunkt, von dem aus Künstler*innen sich dem Fluss nähern können.
Eintauchen
Der Begriff »mehr-als-menschlich« wurde 1996 von David Abram geprägt. Er steht nicht nur für die unbegrenzte Vielfalt nicht-menschlicher Relationalität, sondern auch für die Fülle dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein in einer Welt der Artenvielfalt.[1] Wir überborden diese Grenzen. Gerade in kreativen Kontexten wirken die festgelegten Trennlinien zwischen Arten nicht nur willkürlich. Sie sind auch unproduktiv, wie Anna Tsing feststellt (und dabei vielleicht an die Cyborg-Philosophie von Donna Haraway anknüpft)[2]: »Man bedenke nur die Beschränktheit des analytischen Spektrums: Alles, was Menschen wissen und tun, ist menschlich. Diese Tautologie kann kaum als Grundlage hinreichen, um irgendetwas zu verstehen. Sie definiert das ›Menschliche‹ als Grenze statt als offene Suche; sie leugnet die transformative Kraft des Lernens, von Intimität, Erfahrung oder Hilfsmitteln. Sie macht das Lernen zu einer Farce, denn wir haben unsere Begrenzung bereits festgelegt, bevor wir überhaupt eine Frage stellen.«[3]
Was aber ist Musik, wenn nicht Lernen, Intimität, Erfahrung und Hilfsmittel? Was ist Musik anderes als die Kunst der Hingabe, ein Akt der Hinwendung zum anderen mithilfe des Klangs? Das Prinzip der Immersion bietet Menschen (Künstler*innen wie Musiker*innen) die Möglichkeit, sich über die übersprudelnde Vielfalt unserer Sinne auf mehr-als-menschliche Welten einzulassen. Thom van Dooren ist ein Anhänger der »leidenschaftlichen Immersion«. Sie half ihm in seiner Forschung zu den Lebenswelten von Schnecken und zur Entwicklung artenübergreifender Narrative die Interessen nicht-menschlicher Wesen zu verstehen: »Um andere wirklich zu verstehen und mit ihnen zu leben, muss man genau beachten, was ihnen wichtig ist – wie sie ihr gemeinsames Leben und ihre gemeinsame Welt gestalten … Kurz: Leidenschaftliche Immersion bedeutet, neugierig zu werden und sich so sehr auf etwas einzulassen, dass man lernt, sich davon berühren zu lassen, und dadurch vielleicht ein anderes Verständnis und eine andere Achtsamkeit dafür zu entwickeln.«[4] Der Kernpunkt dieses Zitats sind die Worte »was ihnen wichtig ist«. Sie bringen eine Fürsorge zum Ausdruck, die sich von anthropozentrischen Auffassungen der Selbstbestimmung loslöst. Die Autorin Melody Jue geht über den Bereich der Metapher hinaus und beschreibt, was Immersion für sie als Taucherin bedeutet, wobei sie darauf hinweist, dass ihr Körper dabei in ein anderes (ein wässriges) Begreifen der Welt übergeht: »Wenn du dich entscheidest, unter die Oberfläche zu tauchen, entdeckst du auch, wie du dort Dinge wahrnimmst. Wie das, was du dort wahrnimmst, zu einer körperlichen Erinnerung wird. Und wie diese Erinnerung auf traumhafte Weise zu dir zurückkehrt, nachdem du wieder aufgetaucht bist, um an Schreibtischen und in Ateliers deiner kreativen Arbeit nachzugehen – ein bisschen mehr wie ein Amphibium.«[5] Statt buchstäblich unter die Oberfläche der Spree zu tauchen, werden sich die Künstler*innen bei den SPREEKLÄNGEN in einer Art kreativer Amphibiosität üben – in jener nämlich, die musikalische Körper in artenübergreifenden Welten aufeinander eicht.
Zeugnis
Eine Frage fehlt in der Einleitung: Wie spricht der Fluss? Membran der Gezeiten, Atemstoß, sprudelnde Ströme lassen sehnige Schilfrohre zittern. »Wirkmacht« ist oft gleichbedeutend mit »Stimme« – ein besonders passender Begriff im Zusammenhang mit Projekten, die sich mit Klang und Musik beschäftigen. Wie bringen nicht-menschliche Wesen zum Ausdruck, was ihnen wichtig ist? Hier zeigt sich ein zentraler ethischer Unterschied in der künstlerischen Arbeit zwischen dem »Sprechen für« und dem »Sprechen mit« oder gar dem »zum Sprachrohr werden für« die mehr-als-menschliche Stimme: »Im [kreativen] Prozess erlaubst du einer Umgebung, durch dich zu wirken, statt sie als ein Subjekt zu behandeln, für das du sprechen musst.« (Polly Stanton, 2022 [6]) Künstler*innen müssen darauf gefasst sein, dass ihre nicht-menschlichen Mitwirkenden unter Stress stehen – die schmerzlichen Folgen einer im Zug von Spätkapitalismus und Kolonialismus vernachlässigten Umwelt. Auch die Spree war einst derart verschmutzt, ihr Strom so geschwächt, dass sie rückwärts floss. Wir müssen uns darum fragen, wie wir zu verantwortungsbewussten Bewahrer*innen werden und Fürsorge in unsere kreativen Prozesse einbeziehen können. Haraway fordert uns auf, »unruhig [zu] bleiben«[7|, in den produktiven Spannungen zu verweilen, die sich durch leidenschaftliche Immersion offenbaren. Im klanglichen Kontext fordert Mark Peter Wright uns auf, uns beim Zuhören auf das Ungewisse einzulassen: »Dies ist keine Zeit für symphonische Übertragungen. Es ist an der Zeit, das Zuhören zu destabilisieren, bewusst in dem beunruhigenden Wissen zu verweilen, dass nicht alles in Ordnung ist.«[8]
Es ist die entscheidende Aufgabe der Künstler*innen, Zeugnis abzulegen von der menschengemachten Zerstörung. Sie sollten sich jedoch bewusst sein, dass es aufgrund der Verflechtungen ihrer Arbeit unzählige andere Zeug*innen derselben Verwüstung gibt: »Wenn etwas als handelndes Subjekt betrachtet wird, ist es damit auch Zeug*in und kann Zeugnis ablegen über Ereignisse … Die Natur ist also Zeugin und ›gibt Kontra‹.« (Susan Schuppli, 2020 [9], wie zitiert bei Wright, 2022)
Der Weg zur Gerechtigkeit wird durch Zeug*innen geebnet, und wir müssen dringend kreative Wege finden, um den Zeugnissen des Mehr-als-Menschlichen Gehör zu verschaffen. Musik ist in menschlichen Gesellschaftsstrukturen von jeher eng mit Gerechtigkeit verknüpft. Weiten wir diese Verbindung auf die Klimagerechtigkeit aus. Wie kann uns Musik dabei helfen zu verstehen, was Gerechtigkeit für den Fluss bedeutet?
Zusammenfluss
Der artenübergreifende Gesprächsfluss beim bevorstehenden SPREEKLÄNGE Festival und der Time to Listen Konferenz könnte uns Antworten zu den hier aufgeworfenen Fragen näher bringen. Nehmen wir uns Zeit, das Mehr-als-Menschliche zu hören, zu sehen und zu spüren; lassen wir uns auf diese unzähligen Stimmen ein, die in unserer Musik hörbar werden; lassen wir unsere Stimmen zu ihren Stimmen werden, während wir ineinander strömen.
Dieser kurze Essay stellt nur einige der vielen kreativen Ansätze für einen mitfühlenden Umgang mit dem Mehr-als-Menschlichen vor. Ich lade alle Leser*innen ein, bei den SPREEKLÄNGEN und Time to Listen zu erleben, wie Künstler*innen diese Prinzipien in ihren Werken umsetzen. Was weiß der Fluss? Begib dich an die Spree und entdecke das unendliche, schöpferische Wissen ihres mäandernden Laufs.
Danksagung: Dieser Artikel entstand auf und mit dem Land der Gadigal – einem Ort, an dem eine Vielzahl von Arten gedeiht. Zu meinen Schreibbegleiter*innen zählen Garraway (Gelbhaubenkakadu), Garmit (Schwarzkakadu) und Warin (Regenbogenloris). Etwas zurückhaltender zeigen sich Wallaru (Wallaby) und Malya (Diamantpython). Ich zolle den Ältesten der Gadigal und Dharug, die dieses Land hüten, meinen Respekt und anerkenne, dass seine Hoheitsrechte niemals abgetreten wurden. Es war immer und wird immer das Land der Aborigines sein.
Kate Milligan ist eine australische Komponistin und Designerin. Sie lebt zwischen Amsterdam und Sydney. Ihre Arbeit stützt sich auf interdisziplinäre Forschung und beschäftigt sich mit Themen wie Zeitlichkeit, Ökologie und mehr als menschlicher Kreativität. Kate Milligan ist ARC-Stipendiatin und Doktorandin am Sydney Conservatorium of Music.
[1] Abram, D. (1996). The Spell of the Sensuous: Perception and Language in a More-Than-Human World. Vintage Books Editions, a division on Penguin Random House LLC.
[2] Haraway, D. (1987). A Manifesto for Cyborgs: Science, technology, and socialist feminism in the 1980s. Australian Feminist Studies, 2 (4), 1–42. doi.org/10.1080/08164649.1987.9961538
[3] Tsing, A. (2019). When the Things We Study Respond to Each Other: Tools for Unpacking »The Material«. In Harvey, P., Krohn-Hansen, C., and Nustad, K. G. (Eds.), Anthropos and the Material (pp. 221–244). Duke University Press.
[4] van Dooren, T. (2025, June 18-20). Paying Attention to Earth Others: Multispecies Storytelling, Snail Stories [Conference Panel Presentation]. Multispecies Justice Symposium: Including the More-Than-Human in Decision-Making, Sydney, Australia.
[5] Jue, M. (2022). Scuba Diving Praxis: A Field Guide for Underwater Orientation. In Crone, B., Nightingale, S., & Stanton, P. (Eds.), Fieldwork for Future Ecologies: Radical Practice for Art and Art-based Research (pp. 443–472). Onomatopee Projects.
[6] Stanton, P. (2022). Indefinite Terrains: Fieldwork as Making-With. In Crone, B., Nightingale, S., & Stanton, P. (Eds.), Fieldwork for Future Ecologies: Radical Practice for Art and Art-based Research (pp. 93–116). Onomatopee Projects.
[7] Haraway, D. J. (2016). Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene. Duke University Press. doi.org/10.2307/j.ctv11cw25q 8 Wright, M. P. (2022). Listening After Nature: Field Recording, Ecology, Critical Practice. Bloomsbury Publishing.
[8] Wright, M. P. (2022). Listening After Nature: Field Recording, Ecology,
Critical Practice. Bloomsbury Publishing.
[9] Schuppli, S. (2020). Material Witness: Media, Forensics, Evidence. MIT Press.
[9] Schuppli, S. (2020). Material Witness: Media, Forensics, Evidence. MIT Press.