»Von allem gibt es mehr – und entsprechend auch mehr Wettbewerb und Dynamik«

Interview Tobias Rempe

30. August 2026 | Lisa Nolte

Tobias Rempe standing in the doorway to the Konzerthaus Berlin hall
©© Simon Pauly

In der vergangenen Saison übernahm Tobias Rempe die Intendanz im Konzerthaus Berlin. Seither waren dort neben dem ensemble united-berlin, mit dem das Konzerthaus eine langjährige Zusammenarbeit verbindet, nicht weniger als neun weitere Formationen der lokalen zeitgenössischen Musikszene zu hören. Auch Tobias Rempe begann seine Laufbahn als Musiker. Selbst Gründungsmitglied des Streichorchesters Ensemble Resonanz wechselte er 2008 in dessen künstlerisches Management. Unter seiner Geschäftsführung wurde das Ensemble einer der umtriebigsten freien Klangkörper in der deutschen Konzertlandschaft und erhielt mit dem Resonanzraum auf Hamburg–St. Pauli sogar seine eigenen Spielstätte. Als Vorstandsmitglied von FREO – Freie Ensembles und Orchester in Deutschland e.V. setzte sich Rempe auch auf Bundesebene für die Interessen der freien Musikschaffenden ein. Lisa Nolte hat mit ihm über seinen Blick auf die Berliner Musiklandschaft gesprochen und darüber, wie seine Erfahrungen in der freien Szene seine Arbeit am Konzerthaus Berlin prägen. 

Vermissen Sie Hamburg?

Tobias Rempe: Ich habe die allerbesten Erinnerungen an Hamburg, aber vermissen wäre zu viel gesagt. Ich bin sehr gut in Berlin angekommen, mit einer großen spannenden Aufgabe und auch einem sehr schönen Start hier im Konzerthaus.

Noch halb mit einem Blick von außen: Welche Unterschiede gibt es im Konzertleben der beiden Städte? 

TR: Berlin ist nicht völlig neu für mich. Ich habe von 1999 bis 2006 hier gelebt. Insofern hatte ich schon eine Beziehung zur Stadt. Hamburg und Berlin sind zwei großartige Städte, aber auch sehr unterschiedlich. Berlin ist noch vielfältiger und reicher in allem, was es an Ensembles, freier Szene, Institutionen, Theatern, Konzerthäusern und Orchestern gibt. Von allem gibt es mehr – und entsprechend auch mehr Wettbewerb und Dynamik in der Entwicklung zwischen den Akteurinnen und Akteuren.

In Hamburg haben Sie den Resonanzraum mit ins Leben gerufen und dafür gesorgt, dass mit dem Ensemble Resonanz ein freies Orchester bei einer großen Institution wie der Elbphilharmonie einen Fuß in die Tür bekommt. Sehen Sie ähnliche Potenziale für Berlin?

TR: Das ist vermutlich schwer zu vergleichen. Die Elbphilharmonie hatte eine Dynamik ausgelöst, die Möglichkeiten eröffnete. Zudem konnte man in Hamburg in der Zeit vielleicht mit einer größeren Verbindlichkeit arbeiten. Mit Partnern und einer gewissen Sichtbarkeit hatte man gute Chancen, einen Weg fortsetzen zu können.

Auf welche Art von Verbindlichkeit spielen Sie an?

TR: Das geht wahrscheinlich schon mal mit stabileren kulturpolitischen Verhältnissen los. Da steht Berlin im Moment natürlich nicht optimal da. Und es gibt auch eine längere Geschichte von privater Unterstützung für Kunst und Kultur in Hamburg, auch für neue Musik.

Von 2019 bis 2024 waren Sie Vorsitzender von FREO e.V. Was nehmen Sie aus dieser Zeit für die Arbeit am Konzerthaus mit?

TR: Das Wissen und Verständnis von den besonderen Möglichkeiten und Herausforderungen all dieser Ensembles, die aus knappen Ressourcen sehr viel machen können und mit Identifikation und großer Leidenschaft erstklassige Ergebnisse erzielen. Eine wichtige Erfahrung.

Die Zusammenarbeit mit den freien Ensembles am Konzerthaus bedeutet für Sie in gewisser Weise einen Seitenwechsel. Wie verändert sich dadurch Ihre Perspektive auf die Arbeit?

TR: Das Schöne ist, dass ich ziemlich schnell festgestellt habe: Was mich antreibt, und die Ziele, die wir hier verfolgen, unterscheiden sich kaum von dem, was mich vorher angetrieben hat oder von den Zielen, die ich vorher verfolgt habe. Aber das Spielfeld und die Spielregeln haben sich geändert.

Was sind das für Ziele?

TR: Musik in einen inspirierenden und bereichernden Zusammenhang mit einer Stadtgesellschaft zu bringen. Musik in die Stadt zu tragen, Menschen zu begeistern mit Angeboten auf Bühnen, mit Musik. Bei einer Institution wie dem Konzerthaus hängen viel mehr Menschen daran als beim Ensemble Resonanz. Die Hebel sind größer, die Sichtbarkeit ist höher. Das Konzerthaus hat sich in den letzten Jahren schon sehr geöffnet. Trotzdem glaube ich, dass es eine große Chance gibt, auch noch weiterzukommen in dem Ansinnen, das das Konzerthaus schon immer gehabt hat: möglichst für alle Berlinerinnen und Berliner da zu sein.

Das klingt sehr ambitioniert. Es gibt viele künstlerische Nischen in der Stadt. Ich stelle es mir anspruchsvoll vor, die alle unter ein Dach zu kriegen.

TR: Ich würde es nicht so sehen, dass wir in unserem Programm Nischen bedienen. Wir versuchen unser Programm zu öffnen und immer wieder neu herauszufinden, was Klassik, was Kunstmusik für diese Stadt sein kann. Wir wollen verstehen, in welcher dynamischen und schnellen Entwicklung sich diese Stadtgesellschaft befindet, und wie wir uns selbst entsprechend verändern und weiterentwickeln können.

Wie kann unter diesen Vorzeichen eine Zusammenarbeit mit freien Ensembles aus der zeitgenössischen Musikszene stattfinden?

TR: Es gibt am Haus schon lange eine Reihe für neue Musik in Zusammenarbeit mit einigen Ensembles aus der Stadt. Das sind einige Termine pro Jahr. Ich freue mich sehr, dass es gelungen ist, darin jetzt einen guten Querschnitt von dem abzubilden, was in der Ensembleszene für neue Musik in Berlin vorhanden ist, und dass auch alle, die wir neu angesprochen haben, interessiert waren, mitzumachen. Außerdem suchen wir gemeinsam Wege, die Bedingungen, unter denen diese Zusammenarbeit stattfindet, zu verbessern. Auch bei dem ersten großen Festival, das ich mit dem Team hier geplant habe, wurde ganz explizit mit freien Ensembles aus Berlin zusammengearbeitet. Das war das Vom Anfangen Festival im letzten Februar mit dem Konzerthausorchester, aber auch mit The Present, dem Trickster Orchestra und der lautten compagney. Die neue Konzertreihe Berlin Tracks, die wir jetzt gestartet haben, bezieht sich ebenfalls auf die Szene in Berlin. Da geht es um Künstlerinnen und Künstler, die am Rand der Kunstmusik aktiv sind, Brückenschläge in andere Genres suchen, sich aber auch schon ein eigenes Publikum erspielt haben.

Wie entscheiden Sie, auf welche Ensembles Sie für diese Konzertreihen zugehen?

TR: Berlin ist reich an Ensembles. Man könnte wahrscheinlich aus dem Stand mehrere Handvoll Neue–Musik–Formationen dafür aufzählen. Wir sind aber auch mit der inm und Künstlerinnen und Künstlern aus der Szene im Gespräch, um auf dem Laufenden zu bleiben, über neue jüngere Ensembles und Entwicklungen, die sich gerade erst zeigen.

Sie planen also auch schon für die Zukunft?

TR: Ja, natürlich. Wir wollen die Reihe fortsetzen.

Wie entstehen die Programme dieser Reihe?

TR: Manchmal sind wir als Haus im Gespräch über unsere Festivalthemen oder über das, was uns selbst bewegt. Das ist aber eher ein Angebot. Wir stellen keine Forderungen auf, was das Programm angeht. Die Zusammenarbeit besteht darin, dass wir Saal und Technik zur Verfügung stellen. Die Berliner Ensembles sind viel international unterwegs und spielen auf allen möglichen Festivals. Wir bieten den Ensembles eine Möglichkeit, Programme, die sie für andere Gelegenheiten vorbereiten, auch hier in Berlin zu spielen.

Welche Ensembles werden in der Saison 2026/27 am Konzerthaus zu hören sein?

TR: Wir arbeiten unter anderem wieder mit den Ensembles KNM, LUX:NM, mosaik und Zafraan. Zweimal spielt das ensemble unitedberlin, davon einmal unter der Leitung von Vladimir Jurowski. Auch modern art und PianoPercussion sind wieder dabei, neu dazu kommt das Kollektiv UNRUHE.
 

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