Weltweit schüttelt man den Kopf über diese Entscheidung. Die Abwicklung geht mit der Verarmung der Berliner Kulturlandschaft durch die massiven Kürzungen einher. Sind sich die Hochschulleitung und die Wissenschaftssenatorin über die Bedeutung des Studiengangs international bewusst?
Bei der Wissenschaftssenatorin bin ich mir nicht sicher, ob ihr bewusst ist, welche Folgen die Schließung beziehungsweise Auflösung des ZIWT konkret hat. Der neue Präsident wiederum sagt selbst, dass er diese Entwicklung für überaus bedauerlich und schmerzhaft hält. Er betont auch immer wieder, dass er unsere Arbeit sehr schätze. Gleichzeitig macht er deutlich, dass es aus seiner Sicht keine Alternative gäbe. Er verweist dabei stets auf rechtliche Gründe und darauf, dass man das Ganze deshalb anders organisieren müsse. Und nach seinen Aussagen habe er mit allen Fakultäten gesprochen, insbesondere mit der Musikfakultät, um zu prüfen, ob wir dort unterkommen könnten. Diese Integration sei jedoch aus Spargründen jeweils abgelehnt worden.
Für Außenstehende wirkt die Begründung mit dem neuen Hochschulgesetz und den rechtlichen Rahmenbedingungen eher vorgeschoben. Zumal offenbar keine Gespräche über Alternativen mit den Betroffenen selbst geführt wurden. Warum wurdet ihr nicht früher einbezogen?
Ich habe mehrfach versucht, mit dem Präsidenten ein Gespräch über die Zukunft der Sound Studies zu führen. Direkt nach der Masterausstellung schien mir der ideale Zeitpunkt zu sein: Er war vor Ort, hat sich zwei Stunden Zeit genommen, alles angeschaut und angehört – das war kein Pro-forma-Besuch. Trotzdem wurde ich immer wieder vertröstet mit dem Hinweis, man müsse zunächst die laufenden Budgetverhandlungen mit dem Senat und anschließend mit den Fakultäten abwarten.
Im November habe ich dann noch einmal sehr deutlich nachgehakt, unter anderem mit konkreten Kooperationsschreiben von Unternehmen und einem Fraunhofer-Institut. Auch aus wissenschaftlicher Perspektive habe ich klar gemacht: Wir müssen jetzt wissen, wie es weitergeht. Es gibt reale Partner, und die Menschen warten auf eine Entscheidung.
Schließlich wurde mir gesagt, es würde ein internes Treffen am 6. Januar mit allen Studiengangsleiter*innen geben. Dort wurde mir dann zum ersten Mal offiziell mitgeteilt: »Es ist Schluss.«
Budgetgründe wurden in der offiziellen Begründung aber gar nicht mehr aufgeführt. Stattdessen wird die Anpassung an das geänderte Berliner Hochschulgesetz genannt. Wie betrifft dieses Gesetz den Studiengang konkret?
Bis heute hat uns niemand wirklich erklärt, zumindest nicht anhand des Gesetzestextes, warum er so nicht weiter möglich ist. Die Wissenschaftssenatorin vertritt die Ansicht, dass ein unabhängiges Weiterbildungsinstitut in dieser Form eigentlich nirgends existiert. Normalerweise gibt es das nicht mit eigens dafür bestellten Professor*innen. Ihrer Argumentation nach müssen Professor*innen, die Weiterbildung anbieten, aus den Fakultäten kommen. Weiterbildung soll im Kursformat angeboten werden, nicht als eigenständiger Studiengang oder eigenständige Einheit. Alles muss sozusagen innerhalb der Fakultäten verortet sein.
Das Problem ist auch, dass die Rechtsgrundlagen derzeit überhaupt noch im Entstehen sind. Das Hochschulrahmengesetz ist noch nicht abschließend geregelt, und die neue Grundordnung wird gerade erarbeitet. Sie setzen also faktisch vorweg durch, dass es ein unabhängiges Institut in dieser Form nicht mehr geben soll.
Lass uns auch über die fachliche und kulturelle Bedeutung des Studiengangs sprechen. Was unterscheidet Sound Studies and Sonic Arts von anderen musik- oder soundbezogenen Studiengängen?
Was uns wirklich besonders macht, ist zunächst die Breite unseres Lehrangebots. Wir haben im Jahr etwa 30 Lehrbeauftragte. Außerdem bieten wir eine dreijährige Teilzeit-Master-Ausbildung an, während viele andere Institute nur ein einjähriges Masterprogramm haben. Das gibt unseren Studierenden deutlich mehr Tiefe, Zeit und Raum, sich wirklich zu entwickeln.
Ein echter Unterschied ist auch der theoretische Anteil: Ein Drittel des Programms widmet sich »Sound Culture«, also dem, was Sound Studies eigentlich ausmacht – Cultural Studies im Klangbereich. Wir sprechen über philosophische, kultursoziologische und musikwissenschaftliche Ansätze. Für viele, die aus der Praxis kommen, ist das ein ganz neuer Blickwinkel, eine Art Theorie-Input, der den eigenen Praxisbezug massiv erweitert.
Dazu kommt der Austausch mit den Mitstudierenden – Praxis, Theorie und internationale Perspektiven verschränken sich hier auf einzigartige Weise. Und weil der Studiengang komplett auf Englisch läuft, ist er extrem international ausgerichtet. All das zusammen macht Sound Studies zu einem wirklich einzigartigen und innovativen Programm, das man so kaum irgendwo findet.
Klangkunst ist eine vergleichsweise junge Disziplin, die in klassischen musikwissenschaftlichen Curricula bis heute kaum Raum findet. Welche Lücke hat Sound Studies and Sonic Arts hier geschlossen?
Eine Ausbildung in den Sonic Arts lässt sich nur in diesem Zwischenbereich realisieren: Sie funktioniert weder innerhalb der klassischen Musikwissenschaft noch allein in der Komposition. Wir arbeiten genau dort, wo Musik, bildende Kunst und Medienkunst sich überschneiden – und genau das zeichnet uns aus. Es ist dieser Überschneidungsraum, in dem wir tätig sind, und in dem wir etwas ganz Eigenes schaffen.
Das betrifft nicht nur die Formen – Installation im Innen- und Außenraum, Performance, audiovisuelle Medien –, sondern auch die Inhalte und die Art der Auseinandersetzung mit Materialen, Objekten, Räumen, der sozialen Situation und politischen Aspekten. Nicht umsonst ist die künstlerische Forschung gerade in der Klangkunst derzeit stark am Expandieren. Unsere Theorieprofessorin Sabine Sanio hat zu Artistic Research zwei öffentliche Vorlesungsreihen veranstaltet – und unser Sound Studies Reader daraus steht kurz vor der Veröffentlichung.
Welche Bedeutung hat der Studiengang für Berlin als internationaler Standort für Klangkunst und experimentelle Musik?
Man muss sich die Szene der 90er-Jahre anschauen: die elektronische Musik, die gesamte Klangkunstszene – daraus ist vieles entstanden. Ich bin selber ein Kind davon. Man denke nur an die Inventionen (1982–2010), die Sonambiente-Festivals (1996, 2006, 2021), die Singuhr-Hörgalerie (seit 1996) und das CTM-Festival (seit 1999), oder neue Formate wie Heroines of Sound und die DYSTOPIA Sound Art Biennale. Das sind die Traditionen und Entwicklungen, die wir weiterführen und die Berlin zu dem zentralen Ort für alle Spielarten der Sound Art weltweit gemacht haben.
Berlin wird damit einen ganz wichtigen institutionellen Anker für diese Szene verlieren. Man braucht die Institutionen. Es reicht nicht, nur Clubs oder einzelne Projekträume wie die Errant Sound Galerie zu haben. Institutionen sorgen dafür, dass dieses Feld kontinuierlich bearbeitet wird und Angebote für die Szene geschaffen werden.
Ich durfte euch ein paar Mal besuchen und war jedes Mal begeistert vom hohen Niveau und Einsatz eurer Studierenden. Wie geht es ihnen mit der Entscheidung?
Wir haben eine Vollversammlung einberufen, um die Studierenden überhaupt erst einmal darüber zu informieren. Sie sind jetzt natürlich extrem aktiv, unterstützen unseren offenen Brief und die Petition und zeigen deutlich, wie entsetzt sie über die Situation sind.
Das Gute ist zunächst, dass sie selbst nicht unmittelbar betroffen sind: Rechtlich muss der Studiengang noch sieben Jahre weiterlaufen, sodass sie in Ruhe ihr Studium abschließen können. Ich glaube nicht, dass sie die volle Dauer von sieben Jahren brauchen werden, aber sie können sich sicher sein, dass sie ihr Studium regulär beenden können. Gleichzeitig empfinden sie die Nachricht natürlich als Katastrophe.
Bei meinem letzten Besuch bei euch wart ihr mitten in den Vorbereitungen für einen Umzug in besser geeignete Räume. Ist die ganze Vorbereitung dafür nun für die Katz?
Wir hatten große Pläne für die Zukunft des Studiengangs, wollten die Studienordnung reformieren und vor allem in bessere Räumlichkeiten umziehen, die nicht so belastet sind durch den Übebetrieb über und unter uns. Durch die Sanierung des Gebäudes am Einsteinufer tat sich eine einmalige Chance auf. Dort hätten wir in einer wunderbaren Ecke des Nebengebäudes unsere neuen Studios, Arbeitsräume für Holz und Metall, Büroräume und sogar das große Wellenfeldstudio bekommen. Zwei Jahre lang haben wir das alles sorgfältig durchgeplant – und jetzt ist diese ganze Planung umsonst. Es war übrigens auch eine Idee des vorherigen Präsidenten, uns gerade dort unterzubringen.
Gab es noch weitere Zukunftspläne für den Studiengang, die ihr jetzt nicht mehr umsetzen könnt?
Die große Weiterentwicklung wäre gewesen, nicht mehr gebührenpflichtig zu sein, aber da waren bisher immer alle Türen verschlossen. Sound Studies ist als Weiterbildungsangebot grundsätzlich gebührenpflichtig – mit der Zielvorgabe, sich komplett selbst zu tragen. Die UdK darf dafür eigentlich keinen Zuschuss geben. Gelingt das nicht, muss der Studiengang eingestellt werden – an anderen Universitäten ist das wohl schon passiert. Ein Grund dafür ist, dass wir uns im Wettbewerb mit anderen Weiterbildungsinstituten befinden. Würde die UdK dauerhaft Zuschüsse geben, würde das die Marktsituation verzerren.
Gleichzeitig würde eine hundertprozentige Selbstfinanzierung die Gebühren für die Studierenden noch weiter erhöhen, was für unsere Klientel nicht tragbar ist. Um die Finanzierung komplett selbst zu tragen, müssten die Gebühren um 50 % erhöht werden, ohne dass dafür passende Räumlichkeiten oder Infrastruktur zur Verfügung stünden.
Langfristig könnte der Weg nur darin bestehen, Sound Studies als regulären Masterstudiengang der UdK anzubieten. So ließen sich die bestehende Infrastruktur und die bisherige Arbeit erhalten, und die Frage der Finanzierung wäre zugunsten der Studierenden gelöst. Konkrete Ideen dafür gibt es bisher noch nicht. Alle sagen derzeit: »Wir haben kein Geld«, gerade angesichts der aktuellen Kürzungen. Schon vor drei Jahren hatte ich einen Vorschlag für ein fakultätsübergreifendes Sound Department eingebracht, weil wir genuin interdisziplinär sind und Klangkünstler*innen schon von Anbeginn in den 60ern einen ganz unterschiedlichen künstlerischen Background hatten, wie ihn auch unsere Studierenden heute mitbringen. Klangkunst hat die letzten Jahre die Bildende Kunst enorm erweitert, wenn man allein auf die letzte Biennale in Venedig blickt, wo viele Installation eine ausgearbeitete klangliche Ebene besaßen und der deutsche Beitrag sogar eine eigene Insel mit puren Klangkunstarbeiten bespielte. Auch einer meiner Studenten, Eldar Tagi, der dieses Jahr seinen Master bei mir macht, war offiziell Teilnehmer der Biennale. Aber schon damals konnte oder wollte für ein solches transdisziplinäres Institut niemand die Mittel aufbringen.
Trotzdem ist die zentrale Frage: Kann sich die größte Kunstuniversität Europas leisten, ein ganzes Kunstgenre nicht anzubieten? Das wäre etwa so, als würde es an der UdK keine Videokunst mehr geben.
Gab es deiner Meinung nach noch andere Alternativen zur Abwicklung, abgesehen von der Möglichkeit, den Studiengang ins allgemeine Studienprogramm zu integrieren?
Kurzfristig wäre eigentlich nur denkbar, Sound Studies an eine andere Fakultät anzubinden – am ehesten die Musikfakultät. Das ist im Moment die einzige Hoffnung. Dass sich daraus tatsächlich noch etwas entwickelt, dass Einsicht entsteht, dass Sound Studies and Sonic Arts nicht einfach so sterben darf. Wie genau das dann aussehen würde, also welche Form der Studiengang hätte, kann ich nicht sagen. Es könnte auch eine Verkleinerung bedeuten. Ob es massiven Spardrucks ist aktuell allerdings niemand wirklich gesprächsbereit.
Ich habe natürlich auch einige Professor*innen an der UdK direkt angesprochen, und die sind durchaus bereit, sich für uns einzusetzen. Es kann allerdings sein, dass das noch etwas dauert. Insofern möchte ich Protest und öffentliche Unterstützung auf jeden Fall ermutigen: Je größer der Aufschrei ist, desto deutlicher wird auch die Bedeutung des Studiengangs für die UdK und für Berlin betont.
Welche Botschaft möchtest du den Studierenden, Absolvent*innen und Unterstützer*innen des Studiengangs mitgeben?
Wir müssen den Protest unbedingt aufrechterhalten und sowohl der Universitätsleitung als auch den Fakultäten, den Dekan*innen, deutlich machen, dass hier etwas sehr Wichtiges verloren geht. Es kann nicht sein, dass ein ganzer Studiengang allein aufgrund gesetzlicher Umstrukturierungen aufgegeben wird. Es muss eine Lösung gefunden werden, um diese wertvolle Arbeit von zwei Jahrzehnten zu erhalten.
Petition
Die Petition gegen die Abwicklung des Programms Sound Studies and Sonic Arts findet ihr hier.