In ihrem »Opposite Editorial« für field notes im April letzten Jahres hat Wakaba über den Wert geschrieben, den wir der Musik beimessen. Was war für euch daran anknüpfend am wichtigsten beim neuen Programm der biegungen im ausland? Was wolltet ihr musikalisch darstellen?
Han-earl Park (HP): In Berlin passieren so viele spannende Sachen. Es gibt eine Menge interessante kuratorische Ansätze, zum Beispiel im exploratorium, im Jazzkeller 69 und auch bei Experimentik oder Labor Sonor. Meine erste Frage an uns selbst war daher: Wo ist unsere Nische? Natürlich gibt es Überschneidungen, zum Beispiel hat Augusté Vickunaité, die im Juni bei biegungen auftreten wird, bereits bei Experimentik gespielt. Für mich war es darum wichtig, mir ein Bild von der Szene zu machen und herauszufinden, was für eine eigene Geschmacksrichtung wir herausarbeiten könnten. Und natürlich hat auch mein eigener Blickwinkel als improvisierender Musiker meine Entscheidungen beeinflusst.
Wakaba Kimura (WK): Als ich 2023 begann, biegungen zu kuratieren, hatte ich zuerst die Befürchtung, mich an die Ästhetik der Echtzeitmusik mit ihrer langen Geschichte halten zu müssen. Ich bin neu in Berlin und habe mich natürlich mit dem Begriff Echtzeitmusik auseinandergesetzt, aber für mich ist er immer noch sehr vage. Florian Wieland, der vor mir die biegungen kuratiert hat, versicherte mir jedoch, dass es dabei nicht um eine bestimmte Art von Musikalität gehe. Vielmehr stehen die biegungen für die Schnittstelle zwischen Underground, DIY-Produktion und hochkarätigen Konzerten, wie man sie auf großen Festivals finden kann. Wir sind in einer idealen Position, um den Musiker*innen sehr professionelle Arbeitsbedingungen bieten können, wie man sie auch an größeren etablierteren Veranstaltungsorten vorfindet. Zugleich haben wir eine größere Nähe zu aufstrebenden und weniger bekannten Künstler*innen. Das ist im Grunde genommen unser Markenzeichen.
Zu den Musiker*innen, die ich dieses Jahr eingeladen habe, gehört die Band ZA!, die ich 2018 beim Moers Festival gesehen habe. Ihre Musik war für mich eine große Überraschung, weil sie wirklich Post-Alles ist. Sie lässt sich einfach in kein Genre einordnen. Matt Davies und Church Andrews habe ich beim Meakusma Festival in Belgien gesehen. Und dann gibt es noch Künstler*innen, die ich in Berlin auf kleineren Bühnen mit 15 Leuten im Publikum erlebt habe. Die Musik von Zeynep Ayşe Hatipoğlu habe ich bei Orange Ear entdeckt, Dumama während des Lockdowns bei einem selbst organisierten Konzert auf dem Tempelhofer Feld. Für mich ist das Wesentliche von biegungen diese Mischung aus Dingen, die dazwischen liegen, von Underground bis High End.
Die biegungen im ausland gehen jetzt in ihr 24. Jahr. Hat das für euch eine Rolle gespielt? Folgt für euch daraus eine bestimmte Tradition, mangels eines besseren Wortes?
HP: Ich wünschte, ich könnte das mit Ja beantworten (lacht). Aber nein, eigentlich nicht. Apropos Tradition: Ich habe das Gefühl, dass die improvisierte Musik derzeit eine Identitätskrise durchläuft. Ich meine das nicht negativ. Ich finde es gut, Momente der Reflexion zu haben, denke aber auch, dass es in der heutigen improvisierten Musik, insbesondere im Westen, ein Identitätsproblem gibt. Das könnte zu einer spannenden Zeit führen, in der wir uns vom westeuropäischen Liberalismus, der einen Großteil der improvisierten Musik der Nachkriegszeit geprägt hat, lösen und andere Perspektiven anbieten können. Ich hoffe, dass einige unserer Entscheidungen das widerspiegeln.
WK: Wenn ich an Begriffe wie »Jazz« oder »Punk« im engeren Sinne denke, gehen damit bestimmte Ästhetiken oder musikalische Techniken einher. Aber im weiteren Sinne bedeutet Jazz Improvisation und Kommunikation, und bei Punk geht es um die Einstellung. In diesem weiteren Sinne könnte man das, was wir bei den biegungen machen, als Jazz und Punk bezeichnen … aber nicht im engeren (lacht).
In euren Programmen kombiniert ihr ja tatsächlich oft Künstler*innen mit sehr unterschiedlichen Ästhetiken und Arbeitsweisen. Steht dahinter die Idee, dass sich daraus eine Art Dialog entwickeln könnte?
HP: In einigen Fällen schon, aber manchmal hängt es auch einfach von der Verfügbarkeit der Musiker*innen ab. Im September treten beispielsweise zwei Duos an einem Abend auf, Eric Mingus mit Catherine Sikora und Isabel Anders mit Lázara Rosell Albear. Das war eine sehr bewusste Gegenüberstellung zweier Positionen, von denen wir dachten, dass sie einen interessanten Dialog führen könnten, weil sich beide auf die eine oder andere Weise mit Fragen der kulturellen Verschmelzung, Poesie und Narration in der Improvisation beschäftigen.
WK: Ich möchte in der Regel einfach einen unvergesslichen Abend für alle Beteiligten gestalten und wünsche mir, dass die Künstler*innen auch die anderen Auftritte genießen können. Im Idealfall entsteht sogar eine Verbindung zwischen den Sets, aber das lässt sich natürlich nicht vorhersagen.
Ich bin sehr gespannt auf den Abend im Juni mit Augusté Vickunaité, die mit Tonband arbeitet, Lara Jones, deren elektronische Musik an abstrakte Clubsounds grenzt, und ZA!. Was erhofft ihr euch von diesem speziellen Abend?
WK: Eine unserer Grundregeln ist: keine Headliner. Keine der Künstler*innen sind wichtiger ist als die anderen. An diesem besonderen Abend bringen wir wirklich kontrastreiche Musik zusammen, was spannend ist – aber natürlich auch herausfordernd. Ich weiß ehrlich gesagt noch nicht, wie wir den Raum und das Erlebnis für das Publikum gestalten werden. Ich schätze, das finden wir dann alle gemeinsam heraus.