Labelportrait: Psychic Liberation
field notes #46
27. Februar 2026 | Filip Bayer-Čech
27. Februar 2026 | Filip Bayer-Čech
Elektroakustische Musik steht im Zentrum des Katalogs von Psychic Liberation – und das mit einem klaren ästhetischen Fokus. Das Label bietet Einblicke in die hörbaren Abgründe einer anthropozentrischen Gegenwart und über diese hinaus. Die Absicht dahinter: die Wahrnehmung von Gefühlen wie Angst, Trauer oder Wut auf das Negativ-Schöne in ihnen zu lenken. Dabei schafft Psychic Liberation experimentelle Hörräume, in denen Zeit und Körperlichkeit neu verhandelt werden. Die Ursprünge des Labels reichen ins Jahr 2013 zurück, als Miguel Alvariño im New Yorker Stadtteil Brooklyn unter dem Namen »Primitive Languages« einen Kassetten- und Plattenladen eröffnete. Sechs Jahre später übernahm der US-amerikanische Künstler Nick Klein das daraus hervorgegangene Label, behielt die Initialen »PL« bei und führte es als »Psychic Liberation« weiter. Seit mehreren Jahren arbeitet Klein überwiegend von Europa aus, aktuell in Berlin.
Die beim Label vertretenen Künstler*innen verbindet eine »hauntologische« Denkweise: Geister der Vergangenheit ebenso wie verlorene Zukünfte schreiben sich in die Alben ein. Das musikalische Spektrum reicht von Noise und Ambient über großflächige Texturen mit graduellen Übergängen im Sinne monochromer Musik bis hin zu Clubmusik und Dark Pop. Oft sind Feldaufnahmen Teil der Arbeiten, die als Narration in Form von Selbstgesprächen und Dialogen im öffentlichen Raum – von Label-Artist Jiyoung Wi als »Sound Fiction« bezeichnet – neue Kontexte gewinnen. Die menschliche Stimme wird dabei als Klangobjekt, das losgelöst von Bedeutung allein über seine akustischen Eigenschaften wahrgenommen wird, verstanden. Die damit einhergehende Enthierarchisierung des klanglichen Materials wirkt einer kulturell erlernten Hörordnung entgegen, in der die menschliche Stimme als übergeordnet wahrgenommen wird, und eröffnet die Möglichkeit eines »tieferen« Hörens.
Die Tonträger von Psychic Liberation erscheinen sowohl digital als auch physisch auf Kassette, CD und Vinyl. Dabei werden regelmäßig konzeptuelle Ansätze integriert: Hugo Esquincas Album »Documento_Uno« folgte der Prämisse, dass sämtliche für die Produktion verwendeten Aufnahmen nach Gebrauch dauerhaft gelöscht wurden. Veröffentlichungen wie dieser in Mülltüten verpackte Tonträger oder die an T-Shirts gebundenen Download-Codes zum Album »What’s Her Secret?« von Wilted Woman stellen Fragen nach Materialität und dem Wert von Musik.
Neben vornehmlich labelinternen Releases arbeitet Psychic Liberation auch regelmäßig mit dem Label enmossed zusammen. Unter dem Kürzel ENXPL (enmossed X Psychic Liberation) entstanden seit 2020 bereits 22 Tonträger. Hinzu kommen Compilations und Reihen wie die »Sonic Encyclopedia Series«, die darauf abzielt, eine möglichst breite Palette von Klängen zu dokumentieren. Über die Releases hinaus schafft Nick Klein mit dem Label auch reale Klangräume für neue räumliche Hörerfahrungen und betont dabei den improvisatorischen Ansatz. In Berlin organisiert er regelmäßig die »Psychic Liberation Nights« – zunächst im Roten Salon der Volksbühne, inzwischen in der Kuppelhalle
des silent green –, zu denen er neben Künstler*innen des Labels auch wechselnde Gäste einlädt.
Künstler*innen (Auswahl): Wilted Woman, Jiyoung Wi, Hugo Esquinca, Scant, Nic Krog, Guixine, Kevin Drumm, Joachim Nordwall, Brak, Drumloop, Glyn Maier, Bobby Flan, JD Swift.
Website: psychicliberation.bandcamp.com