Ihr habt erwähnt, dass die Komponist*innen aus dem Programm in Berlin nicht sehr oft gespielt werden. Warum ist das eurer Meinung nach so?
JH: Natürlich werden sie manchmal gespielt. Sie sind nur nicht so präsent wie andere Namen und andere Trends in der Musik hier. Sie wirken etwas außen vor.
RL: Stieblers Musik wurde in Berlin in den letzten Jahren hauptsächlich von Menschen gespielt, die mit ihm verbunden waren, glaube ich, und von Menschen, die mit ihm zusammen Konzerte organisiert haben. Musik war das, was ihn am Leben hielt. Er hat versuchte, musikalische Situationen zu schaffen, in denen er mit anderen Menschen auftreten und improvisieren konnte, in denen er seine Arbeit so lange wie möglich fortsetzen konnte.
Ihr habt beide mehrfach mit Klaus Lang zusammengearbeitet. Er ist ein Komponist, der nicht viel über seine Musik spricht in der Öffentlichkeit. Wie ist es, mit ihm zu arbeiten?
JH: Das erste Stück von Klaus Lang, das wir gespielt haben, war ein Duett für Klavier und Flöte mit dem Titel »Zwillingsgipfel«. Er hat gerne über diese Musik gesprochen, sie kommentiert und uns eine Idee von den Klängen mitgegeben, davon wie sie klingen sollten und welche Bilder uns dabei helfen könnten, das zu erreichen.
RL: Ich hatte dabei nie das Gefühl, dass er uns etwas aufzwingen wollte. Er hat sich uns als Interpret*innen gegenüber keine hierarchische Komponistenposition eingenommen. Er war eher begeistert davon, über die Fernsehserie »Twin Peaks« zu sprechen, von der der Titel stammt. Das Stück wurde im Ergebnis extrem ruhig und für uns war es damals eine Überraschung, wie weit er uns in Richtung dieser Ruhe geführt hat.
JH: Ich finde es auch schön, die Musik für sich selbst sprechen zu lassen und die Erfahrung der Hörer*innen nicht zu sehr zu lenken.
Ernstalbrecht Stiebler ist vor einem guten Jahr verstorben, und sein Tod scheint seinen Einfluss auf die Berliner Musikszene erst richtig zu verdeutlichen. Rebecca, du hast mit ihm nicht nur als Komponisten, sondern auch als Musiker zusammengearbeitet. Wie hast du ihn in diesen beiden Rollen erlebt?
RL: Als ich ihn vor etwa elf oder zwölf Jahren zum ersten Mal traf, um an einem Ensemblestück zu arbeiten, empfand ich die Hierarchie zwischen ihm als Komponisten und uns als Interpret*innen als sehr stark. In den letzten fünf Jahren begann ich dann enger mit ihm zusammenzuarbeiten und habe festgestellt, dass diese Hierarchie allmählich verschwand. Während der Pandemie begann er, mit dem Cellisten Tilman Kanitz zu improvisieren, und ging zunehmend Kooperationen mit anderen Interpret*innen ein. Er war einfach glücklich, Musik zu machen und Menschen zu haben, mit denen er seine Musik spielen konnte. Ich habe diese Veränderung in ihm gesehen und fand es sehr schön, dass jemand, der Mitte 80 ist, beschließt, mit dem Improvisieren anzufangen. Er hatte sehr starke Beziehungen zu einer Handvoll Menschen, mit denen er zusammenarbeitete, und das hielt ihn am Laufen.
Hat er auch Spuren in deiner Arbeit hinterlassen?
RL: Ich beschäftige mich hauptsächlich damit, die Beziehungen zwischen Tonhöhenmaterialien zu hören Ernstalbrecht Stiebler hatte eine besondere Art, Tonmaterial zu organisieren, das Zeit und Raum benötigt, damit die Musiker*innen und Hörer*innen sich darin einfinden können und sich ein Gefühl von Raum entwickeln kann. Es gefällt mir sehr, wenn eine bestimmte Idee oder Form diesen Raum zur Entwicklung erhält. Steibler wurde von Komponisten wie Giacinto Scelsi und Morton Feldman beeinflusst. Einige seiner Werke orientieren sich an Scelsis Idee von einem Ton und einem Klang, der auf die harmonische Reihe und den harmonischen Raum verweist. Damit beschäftige ich mich vor allem. In Stieblers Spätwerk geht es oft um Oktaven, Quarten und Quinten und darum, einen gewissen Klangraum zu schaffen, der in gewisser Weise auch einen harmonischen Raum öffnet. Er hat sich in diese Richtung bewegt, ist aber nie ganz dort angekommen. Dieses offene Verweisen gefällt mir sehr.
Sarah Hennies' Stück geht in eine etwas andere Richtung als die von Lang und Stiebler. Es besteht aus einer Reihe von Miniaturen. Warum habt ihr diesen Kontrapunkt in das Konzert aufgenommen?
JH: Als Bec und ich darüber nachdachten, die beiden Trios von Lang und Stiebler ins Programm aufzunehmen, schrieb mir Jon aus heiterem Himmel und fragte, ob ich das Trio von Sarah Hennies spielen wolle. Wenn ich ein Konzert zusammenstelle, ist es natürlich schön, wenn sich ein roter Faden durch die Stücke zieht, aber ich mag es auch sehr, wenn jedes Stück unterschiedliche Seiten dieses roten Fadens zeigt. Das Stück von Hennies verändert durch Wiederholungen die Wahrnehmung. Auch die Stücke von Lang und Stiebler handeln von Wiederholungen, aber das von Hennies ist in dieser Hinsicht etwas geradliniger, es ist lauter, gestischer und aktiver. Es sagt: Hier ist etwas, und das werdet ihr acht Mal hören. Wenn man immer wieder dasselbe Material hört, hat man dieses vertraute Etwas, das man immer stärker veränderter erlebt, je häufiger man es hört. Es gibt in dem Stück von Hennies viele Gemeinsamkeiten mit dem, was Stiebler und Lang machen, aber es führt uns an einen anderen Ort.
RL: Ernstalbrecht Stiebler war in gewisser Weise ein musikalischer Außenseiter in der deutschen Musikszene, der sich eher der Tradition des amerikanischen Experimentalismus verbunden fühlte. Er zog spät in seinem Leben nach Berlin, weil er dort, glaube ich, eine größere musikalische Affinität zu den Menschen verspürte. Die Musiker*innen waren offen dafür, seine Werke zu spielen, mit ihm zusammenzuarbeiten und den Wert seiner Musik zu erkennen. Er bewegte sich in die Richtung von Reduktionismus und Resonanzkonzepten zu einer Zeit, als es in seiner Generation eine Bewegung hin zu immer größerer Komplexität gab. Er wandte sich dagegen. Während des größten Teils seines musikalischen Lebens stand er am Rande der europäischen und deutschen Neuen Musik, und ich finde es wichtig, die Werke solcher historischen Außenseiter zu zeigen.
12. September 2025, 20.30 Uhr, KM28: im klang sein