»Im Inneren des Klangs«

Interview Joseph Houston und Rebecca Lane

31. Juli 2025 | Lisa Nolte

Die Flötistin Rebecca Lane und der Kontrabasses Jonathan Heilbron im Konzert
©Josh Wells

Der Pianist Joseph Houston, die Flötistin Rebecca Lane und der Kontrabassist Jonathan Heilbron haben in den letzten zehn Jahren in verschiedenen Formationen zusammengespielt. Am 12. September 2025 führen sie ihr neues Programm »im klang sein« mit Stücken von Sarah Hennies, Klaus Lang und Ernstalbrecht Stiebler im KM28 in Berlin auf. Im Interview mit field notes geben Joseph Houston und Rebecca Lane einen Einblick in ihre Zusammenarbeit mit den Komponist*innen und sprechen darüber, was es für sie bedeutet, »im Klang zu sein«.

Wie ist die Idee zu »im klang sein« entstanden?

Joseph Houston (JH): Es war eine Kombination aus dem Wunsch, wieder zusammen zu spielen, und dem Wunsch, Stücke von Ernstalbrecht Stiebler, Klaus Lang und Sarah Hennies zu spielen. Für uns ist die Zusammenarbeit eine angenehme und produktive Erfahrung und wir haben sowohl mit Stiebler als auch Lang gearbeitet. Diese beiden Komponisten passen meiner Meinung nach sehr gut zusammen. In ihrer Musik gibt es eine tiefe Konzentration und Einfachheit, sodass man wirklich aufmerksam zuhört und sich ganz in den Klang hinbegibt. Dann kommt Sarah Hennies' »Spectral Malsconcities« und es ist dieselbe Idee, aber etwas explosiver und treibender. In der zweiten Hälfte des Konzerts öffnet sich alles.

Rebecca Lane (RL): Joe und ich wollten schon immer Trios mit Flöte, Klavier und Schlagzeug spielen, darunter auch die von Stiebler und Lang.

JH: Wir haben schon lange darüber gesprochen, diese Stücke zu spielen, aber wir haben nie die richtig Person für das Schlagzeug gefunden. Und dann hat Bec in den letzten Jahren bei einigen Projekten mit Vanessa Porter zusammengearbeitet. Mit ihr können wir endlich diese Trios spielen.

Die Schlagzeugerin Vanessa Porter spielt auf einem Instrument, das wie eine große, weiße Schüssel aussieht.
Vanessa Porter
© Victor Malyshev

Im KM28 werdet ihr »Three in One II« von Ernstalbrecht Stiebler spielen und der Titel eures Konzerts lautet »im klang sein« – ebenfalls der Titel eines Stücks von Stiebler, das allerdings nicht Teil dieses Konzerts sein wird. In welchen Klang ladet ihr das Publikum ein?

RL: »im klang sein« ist der Titel eines Stücks von Stiebler, aber es ist auch die Art und Weise, wie er über Klang im Allgemeinen dachte. Sich in dem Klang zu befinden, der durch die Reduktion von Materialien und die Entfaltung einer strengen Form und Klangereignissen entsteht. Die Tonhöhen stehen in einer ganz bestimmten Beziehung zueinander, sodass sie ein Raumgefühl erzeugen, das es uns ermöglicht, in den Klang einzutauchen. Wir befinden uns auch im Klang, weil sich die Dinge langsam bewegen und unsere Wahrnehmung dadurch geschärft ist.

 

Glaubt ihr, dass das beim Zuhören automatisch geschieht, oder muss man in einer bestimmten Stimmung sein oder eine bestimmte Haltung einnehmen, um diesen Zustand zu erreichen? 

JH: Für mich ist es eine Frage der Haltung, aber auch eine der Wahrnehmung, wenn man eine Musik wie die von Stiebler hört, die sehr konzentriert ist. Sie besteht oft nur aus einzelnen Tönen oder manchmal aus zwei gleichzeitig. Nach einer gewissen Zeit verändert sich die Wahrnehmung und die Art und Weise, wie man Dinge hört. Natürlich geht es darum, auf den Klang zu hören und sich auf ihn zu konzentrieren, aber irgendwann gelangt man in einen Zustand, in dem man vertraute Dinge wie einen einzelnen Ton anders erlebt.

RL: Und wir sprechen hier nicht von Ausdruckskraft oder dem Versuch, etwas zu erzählen. Die Klänge sind einfach sie selbst, und das hilft, diesen Zustand hervorzurufen.

JH: In den Werken von Stiebler und Lang gibt es diese bewusste, sorgfältige Konzentration. Ich bin kein religiöser Mensch, aber sie zu spielen fühlt sich fast an wie ein heiliges Ritual. Alles geschieht auf eine festgelegte Weise. Ich hoffe, dass die Zuhörer*innen dadurch an einen anderen Ort versetzt werden. Als Musiker möchte ich, insbesondere in diesem Konzert, aber auch in vielen anderen, dass die Musik, die ich spiele, eine transzendentale, fast heilige Qualität hat, die einen in eine Art Trancezustand versetzt, in dem der Geist freier ist und man anders hören und Verbindungen herstellen kann, die man sonst vielleicht nicht herstellen würde.

Der Pianist Joseph Houston
Joseph Houston
© Camille Blake

Ihr habt erwähnt, dass die Komponist*innen aus dem Programm in Berlin nicht sehr oft gespielt werden. Warum ist das eurer Meinung nach so?

JH: Natürlich werden sie manchmal gespielt. Sie sind nur nicht so präsent wie andere Namen und andere Trends in der Musik hier. Sie wirken etwas außen vor.

RL: Stieblers Musik wurde in Berlin in den letzten Jahren hauptsächlich von Menschen gespielt, die mit ihm verbunden waren, glaube ich, und von Menschen, die mit ihm zusammen Konzerte organisiert haben. Musik war das, was ihn am Leben hielt. Er hat versuchte, musikalische Situationen zu schaffen, in denen er mit anderen Menschen auftreten und improvisieren konnte, in denen er seine Arbeit so lange wie möglich fortsetzen konnte.

 

Ihr habt beide mehrfach mit Klaus Lang zusammengearbeitet. Er ist ein Komponist, der nicht viel über seine Musik spricht in der Öffentlichkeit. Wie ist es, mit ihm zu arbeiten?

JH: Das erste Stück von Klaus Lang, das wir gespielt haben, war ein Duett für Klavier und Flöte mit dem Titel »Zwillingsgipfel«. Er hat gerne über diese Musik gesprochen, sie kommentiert und uns eine Idee von den Klängen mitgegeben, davon wie sie klingen sollten und welche Bilder uns dabei helfen könnten, das zu erreichen.

RL: Ich hatte dabei nie das Gefühl, dass er uns etwas aufzwingen wollte. Er hat sich uns als Interpret*innen gegenüber keine hierarchische Komponistenposition eingenommen. Er war eher begeistert davon, über die Fernsehserie »Twin Peaks« zu sprechen, von der der Titel stammt. Das Stück wurde im Ergebnis extrem ruhig und für uns war es damals eine Überraschung, wie weit er uns in  Richtung dieser Ruhe geführt hat.

JH: Ich finde es auch schön, die Musik für sich selbst sprechen zu lassen und die Erfahrung der Hörer*innen nicht zu sehr zu lenken.

 

Ernstalbrecht Stiebler ist vor einem guten Jahr verstorben, und sein Tod scheint seinen Einfluss auf die Berliner Musikszene erst richtig zu verdeutlichen. Rebecca, du hast mit ihm nicht nur als Komponisten, sondern auch als Musiker zusammengearbeitet. Wie hast du ihn in diesen beiden Rollen erlebt?

RL: Als ich ihn vor etwa elf oder zwölf Jahren zum ersten Mal traf, um an einem Ensemblestück zu arbeiten, empfand ich die Hierarchie zwischen ihm als Komponisten und uns als Interpret*innen als sehr stark. In den letzten fünf Jahren begann ich dann enger mit ihm zusammenzuarbeiten und habe festgestellt, dass diese Hierarchie allmählich verschwand. Während der Pandemie begann er, mit dem Cellisten Tilman Kanitz zu improvisieren, und ging zunehmend Kooperationen mit anderen Interpret*innen ein. Er war einfach glücklich, Musik zu machen und Menschen zu haben, mit denen er seine Musik spielen konnte. Ich habe diese Veränderung in ihm gesehen und fand es sehr schön, dass jemand, der Mitte 80 ist, beschließt, mit dem Improvisieren anzufangen. Er hatte sehr starke Beziehungen zu einer Handvoll Menschen, mit denen er zusammenarbeitete, und das hielt ihn am Laufen.

 

Hat er auch Spuren in deiner Arbeit hinterlassen?

RL: Ich beschäftige mich hauptsächlich damit, die Beziehungen zwischen Tonhöhenmaterialien zu hören Ernstalbrecht Stiebler hatte eine besondere Art, Tonmaterial zu organisieren, das Zeit und Raum benötigt, damit die Musiker*innen und Hörer*innen sich darin einfinden können und sich ein Gefühl von Raum entwickeln kann. Es gefällt mir sehr, wenn eine bestimmte Idee oder Form diesen Raum zur Entwicklung erhält. Steibler wurde von Komponisten wie Giacinto Scelsi und Morton Feldman beeinflusst. Einige seiner Werke orientieren sich an Scelsis Idee von einem Ton und einem Klang, der auf die harmonische Reihe und den harmonischen Raum verweist. Damit beschäftige ich mich vor allem. In Stieblers Spätwerk geht es oft um Oktaven, Quarten und Quinten und darum, einen gewissen Klangraum zu schaffen, der in gewisser Weise auch einen harmonischen Raum öffnet. Er hat sich in diese Richtung bewegt, ist aber nie ganz dort angekommen. Dieses offene Verweisen gefällt mir sehr.

 

Sarah Hennies' Stück geht in eine etwas andere Richtung als die von Lang und Stiebler. Es besteht aus einer Reihe von Miniaturen. Warum habt ihr diesen Kontrapunkt in das Konzert aufgenommen?

JH: Als Bec und ich darüber nachdachten, die beiden Trios von Lang und Stiebler ins Programm aufzunehmen, schrieb mir Jon aus heiterem Himmel und fragte, ob ich das Trio von Sarah Hennies spielen wolle. Wenn ich ein Konzert zusammenstelle, ist es natürlich schön, wenn sich ein roter Faden durch die Stücke zieht, aber ich mag es auch sehr, wenn jedes Stück unterschiedliche Seiten dieses roten Fadens zeigt. Das Stück von Hennies verändert durch Wiederholungen die Wahrnehmung. Auch die Stücke von Lang und Stiebler handeln von Wiederholungen, aber das von Hennies ist in dieser Hinsicht etwas geradliniger, es ist lauter, gestischer und aktiver. Es sagt: Hier ist etwas, und das werdet ihr acht Mal hören. Wenn man immer wieder dasselbe Material hört, hat man dieses vertraute Etwas, das man immer stärker veränderter erlebt, je häufiger man es hört. Es gibt in dem Stück von Hennies viele Gemeinsamkeiten mit dem, was Stiebler und Lang machen, aber es führt uns an einen anderen Ort.

RL: Ernstalbrecht Stiebler war in gewisser Weise ein musikalischer Außenseiter in der deutschen Musikszene, der sich eher der Tradition des amerikanischen Experimentalismus verbunden fühlte. Er zog spät in seinem Leben nach Berlin, weil er dort, glaube ich, eine größere musikalische Affinität zu den Menschen verspürte. Die Musiker*innen waren offen dafür, seine Werke zu spielen, mit ihm zusammenzuarbeiten und den Wert seiner Musik zu erkennen. Er bewegte sich in die Richtung von Reduktionismus und Resonanzkonzepten zu einer Zeit, als es in seiner Generation eine Bewegung hin zu immer größerer Komplexität gab. Er wandte sich dagegen. Während des größten Teils seines musikalischen Lebens stand er am Rande der europäischen und deutschen Neuen Musik, und ich finde es wichtig, die Werke solcher historischen Außenseiter zu zeigen.

 

12. September 2025, 20.30 Uhr, KM28: im klang sein

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