»Ich möchte, dass die Zuhörer*innen diese Dichte in ihren Körpern spüren«

Interview Yoko Konishi

26. Juni 2026 | Lisa Nolte

Yoko Konishi in einem Park
©David Fierro

Seit 2014 bietet das Heroines of Sound Festival FLINTA* der Kunst- und Musiklandschaft eine Plattform und will dabei Verbindungen zwischen Genres und Generationen sichtbar machen. Bei seiner 13. Ausgabe wirft das Festival ein Schlaglicht auf Künstlerinnen* und Produzentinnen* der japanischen Musikszene. Mit dabei ist die Komponistin, Performerin und Multimediakünstlerin Yoko Konishi, die mittlerweile in Paris lebt. Lisa Nolte hat für field notes mit ihr über das Zusammenspiel von Körper, Klang und Raum gesprochen und darüber, wie sich ihr künstlerischer Weg entwickelt hat, seit ihre Musik 2023 erstmals beim Heroines of Sound Festival zu hören war.

Du bist ursprünglich klassisch ausgebildete Sängerin und Pianistin. Was hat dein Interesse an der elektronischen Klangwelt und ihren Möglichkeiten geweckt?

Yoko Konishi: Ich habe mich dafür interessiert, den Raum zu spüren. Wenn ich singe, bereite ich meinen Atem vor. Ich spüre ihn in meinem Körper, lange bevor er als Stimme in den Raum hinausgelangt. Wenn ich singe, spüre ich den Raum außerhalb meines Körpers. Dieses Gefühl von Innen und Außen und die Art, auf die diese Räume miteinander verschmelzen, hat mich sehr interessiert. Wenn man im Klangraum kreativ sein möchte, ist Elektronik das geeignetste Werkzeug, um ihn zu gestalten. Mit Elektronik kann ich auch Mikroklänge erzeugen, ohne ständig darüber nachdenken zu müssen, welche Möglichkeiten und Grenzen das Instrument hat. Wenn ich für ein akustisches Instrument komponiere, ist meine Grundlage das, was dieses Instrument bietet, und nicht die Klänge, die ich mir vorstelle. Deshalb verbinde ich gerne den akustischen Klang des Instruments mit den Klangwelten meiner Phantasie, die ich jetzt mithilfe der Elektronik umzusetzen kann.

In deinen Werken verbindest du oft poetische oder witzige Titel mit intensiven, immersiven Klangwelten, die körperliche oder biologische Prozesse einfangen. Diese Klangwelten können eine sehr unmittelbare physische Wirkung auf die Zuhörer*innen entfalten. In welcher Beziehung stehen diese verschiedenen Ebenen – das Poetische, das Abstrakte und das Physische – in deinen Werken zueinander?

Yoko Konishi: Ich beginne meinen kreativen Prozess aus der körperlichen Wahrnehmung des Raums heraus. Darum ist für mich die Dichte des Klangraums, das immersive Element sehr wichtig. Dabei kommen die Extreme dieser Dichte zum Tragen: sehr massive, laute und energiegeladene Klänge, aber auch sehr zarte und intime. Ich spiele gerne mit diesen Kontrasten, um beim Publikum Sinneswahrnehmungen auszulösen. Ich möchte, dass die Zuhörer*innen diese Dichte in ihren Körpern spüren, dass sie unter ihrer Haut so etwas wie ein »Glitch« wahrnehmen. Ich weiß nicht, ob das wirklich möglich ist, aber wenn ich mir meine Projekte vorstelle, frage ich mich zuallererst, welche Art von Wahrnehmung ich hervorrufen möchte.

Du bist bei Heroines of Sound keine ganz unbekannte Stimme. Im Jahr 2023 hat das Gitarrenduo Santorsa-Pereyra beim Festival bereits dein Stück »The light fell on the wall, where limpidity like gauze, she opened her eyes.« aufgeführt. Wie hat sich deine Arbeit seither entwickelt?

Yoko Konishi: Dieses Stück für Santorsa-Pereyra ist sehr harsch und laut. Es wurde schon oft von dem Duo aufgeführt. Interessanterweise habe aber ich erst beim Konzert im Radialsystem festgestellt, wie sehr mir die Kombination dieser lauten Klänge mit einem hochwertigen Soundsystem wie dem im Radialsystem gefällt. Diese Erfahrung ist mir wirklich im Hinterkopf geblieben. Ich habe danach versucht, mehr raue Klänge zu verwenden, den Kontrast zwischen intimen und sehr dynamischen Klängen ins Zentrum zu stellen. Letztes Jahr habe ich an einem Kurs am IRCAM – Institut de recherche et coordination acoustique/musique in Paris teilgenommen, wo ich eine recht umfangreiche Produktion umsetzen konnte. Dort hatte ich genügend Zeit, die Möglichkeiten wirklich detailliert auszuloten, um nicht nur beeindruckende, sondern auch detailreiche Klänge zu schaffen. Dieser Kontrast zwischen harschen und intimen Klängen ist zu einer Grundlage meines Schaffens geworden.

Beim diesjährigen Heroines of Sound Festival wird deine neue Komposition »Motus Umbra« vom polnischen Spółdzielnia Muzyczna Contemporary Ensemble uraufgeführt. Wie hast du das Werk gemeinsam mit dem Ensemble entwickelt?

Yoko Konishi: Wir hatten nicht viel Zeit, um gemeinsam daran zu arbeiten. Ich wusste, dass das Ensemble über viel Erfahrung und ein breites Repertoire verfügt, darum hatte ich vollstes Vertrauen, dass meine Musik bei ihm gut aufgehoben sein würde. Das Stück ist für größeres Ensemble: Flöte, Baritonsaxofon, Schlagzeug, Klavier, Violine, Viola, Cello und Elektronik. Der Instrumentalpart ist an sich schon äußerst dicht, weil sieben Instrumente zum Einsatz kommen, und auch die Komposition ist sehr energiegeladen. Auch die Elektronik ist ziemlich dicht. Das Stück ist also akustisch sehr dynamisch und das innerhalb eines stark verdichteten Klangraums.

Du wirst beim Festival auch selbst auftreten mit »Fluctuating Beings«, einem Stück, das dich bereits seit 2021 begleitet. Hat es sich seit seiner Entstehung verändert?

Yoko Konishi: Ich habe mich selbst seither stark weiterentwickelt. In dem Stück verwende ich einen Karton, einen kleinen Lautsprecher und ein Kontaktmikrofon, um ein Feedback zu erzeugen. Das ist mein Instrument. Als ich das Stück komponiert habe, ging es mir vor allem darum, die Möglichkeiten dieses Instruments auszuloten. Im Laufe der Jahre habe ich ein viel präziseres Verhältnis zu ihm entwickelt. Statt das Stück radikal umzuschreiben, möchte ich es sich schrittweise mit meiner eigenen künstlerischen Entwicklung verändern lassen. Das Stück begleitet mich schon seit einigen Jahren und ist nach wie vor ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit.

Ein kleiner Blick in die Zukunft: Wie geht es für dich nach dem Heroines of Sound Festival weiter?

Yoko Konishi: Ein Bereich, den ich in Zukunft gerne weiterentwickeln möchte, ist die Inszenierung meiner Arbeiten mit Medien wie Licht oder Video. Mein nächstes Projekt nach Heroines of Sound ist ein Residenzaufenthalt in der Schweiz. Dort werde ich mit Ambisonics arbeiten und die Möglichkeiten dieses Soundsystem für meine Kompositionen erkunden. Damit habe ich bereits in dem Stück begonnen, das ich am IRCAM entwickelt habe. Räumliches Komponieren hat sich zu meinem Spezialgebiet entwickelt und möchte erforschen, wie ich damit präziser und dynamischer arbeiten kann. Das kann ich während dieser Residenz tun.

Yoko Konishi Musik beim Heroines of Sound Festival 2026

Donnerstag, 9. Juli 2026, 20:00
Radialsystem / Halle
Yoko Konishi: »Motus Umbra« (2026, UA)
Konzert mit dem Spółdzielnia Muzyczna Contemporary Ensemble

Freitag, 10. Juli 2026, 20:00
Radialsystem / Halle
Yoko Konishi: »Fluctuating Beings« (2026, DE)
Electronic Live Performance

 

Hier geht’s zum gesamten Programm des Heroines of Sound Festivals 2026.

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