Found Sounds #9

Verbindungsprobleme

31. März 2026 | Kristoffer Cornils

Zwei Vinyl-Testpressungen, an Bäume gelehnt im Halblicht der blauen Stunde.
©field notes

Allein durch Musik Verbindungen zu knüpfen, fällt nicht immer leicht. Wenn es jedoch gelingt, ist das umso bereichernder, schreibt Kristoffer Cornils mit Blick auf neue Alben von Ben Glas, Christina Kubisch, Magda Mayas und anderen.

Ich hatte seit einer Weile keinen Club von innen gesehen, weshalb ich dankbar war, als ein Freund ankündigte, dass er seinen Geburtstag bei einer Ausgabe von Arno Raffeiner und Mieko Suzukis KooKoo-Reihe feiern würde – im Ohm habe ich mir schließlich die eine oder andere Nacht um die Ohren geschlagen. Freilich wurden wir dort nicht unbedingt mit Partymusik empfangen: Marta Zapparoli spielte. Obwohl ich sie öfters live gesehen habe und ihre Musik sehr schätze, hatte ich mit Verbindungsproblemen zu kämpfen: Ich konnte mich nicht so sehr auf die Performance einlassen, wie ich es gerne gewollt hätte.

Das war keinesfalls Zapparolis Schuld, und im Publikum gelang es anderen sichtlich besser. Warum konnte ich zu der Musik in diesem Moment keine Verbindung aufbauen? Wäre mir das im ausland leichter gefallen als im Ohm? Hatte ich schlicht zwei Gläser Wein zu viel getrunken? War ich zu zerstreut? Ich weiß es immer noch nicht. Ein paar Tage später stieß ich aber auf Ben Glas’ neues Album für Room40, »"music* *?"« Im Begleittext erklärt der in Berlin ansässige Komponist, dass der Ausgangspunkt für die sieben Stücke ein simpler Aphorismus war: »Listening is 50% of all music.«

Oberflächlich betrachtet mag das nur die x-te Variation von Binsen wie »Kunst ist subjektiv« sein. Glas macht jedoch deutlich, dass es ihm um unsere Vorurteile und inneren Grenzen geht. Er schreibt, dass er daran interessiert gewesen sei, die »Schwelle zu identifizieren, an der [sein] Verstand heimlich entschied, dass ein bestimmtes, ohne konkrete Musikalität komponiertes Klangmuster zu ›Musik‹ wurde«. Das Album mitsamt seinen mal lauteren und mal leiseren, mal dynamischen und mal statischen, mal strukturierten und mal chaotischen Stücken erinnerte mich an meinen Abend im Ohm.

Was machte es mir im Club so schwer, Zapparolis Musik zu genießen? Welche Schwelle war für mich so unüberwindbar, dass ich dazu keine Verbindung herstellen konnte? Denn ist es oft genug nicht gerade die Musik, die mir ermöglicht, Verbindungen zu Realitäten herzustellen, die sich von meiner eigenen unterscheiden? Obwohl ich etwa Menschen kenne, die sich mit dem humanen Papillomavirus (HPV) infiziert haben, habe ich keine Ahnung, wie sich das für eine Person mit weiblichen Sexualorganen anfühlt.

Das bereits vor einem Jahr veröffentlichte »Pink Noise« basiert auf Aufnahmen, die im vaginalen Milieu der Künstlerin entstanden sind. Das Ziel von Banu war es, sich mit der »tiefen Verbindung« zwischen den Rhythmen ihres Körpers – ihr Herzschlag ist ebenso zu hören wie ihre Stimme – und ihren Erfahrungen als queere, mit einem sexistischen Gesundheitssystem konfrontierte Migrantin auseinanderzusetzen. »Pink Noise« bietet radikale Klangkunst, ist aber ebenso als Einladung zu verstehen, physische und biografische Schwellen zu überwinden und sich in Empathie zu üben.

Ähnliches gilt für das Debütalbum der Gruppe Period Music, das deren eigenen Namen trägt. Susanna Gonzo, Merma Suelo, Tuce Alba, Elizabeth Gallon Droste, Agnese Menguzzato und Farah Hazim interpretieren die vielfältigen Bedeutungen des Begriffs »Periode« anhand von sechs Musikstücken und setzen dabei auf Wiederholung und Zyklizität. Das Album wird von einem Buch mit Zeichnungen und verschiedensprachigen Texten begleitet, von denen keiner einer bestimmten Person zugeordnet wird. Beide sind genuin kollektive Werke – Kunst, die die Schwellen zwischen den einzelnen Mitwirkenden überwindet.

Verschiedene Menschen miteinander sowie diese mit ihrer Umgebung in Verbindung zu bringen, ist seit jeher ein Anliegen von Christina Kubisch. »TUNING« für Jan Jelineks Label Faitiche versammelt drei Stücke aus verschiedenen Schaffenszeiten. Für das älteste, »Two persons walking through a street in Madrid« aus dem Jahr 2004, trugen Kubisch und der Komponist Miguel Álvarez-Fernández Kopfhörer, die elektromagnetische Frequenzen aufnahmen, während sie die beiden aufeinander zu schritten, sich kurz trafen und wieder ihrer Wege gingen – eine Variation dessen, was Kubisch als »elektrische Spaziergänge« bezeichnet hat.

Was wir in diesen rund zwölf Minuten hören, sind zwei Menschen, die durch das Zuhören sowohl physisch als auch mental miteinander in Verbindung treten und dabei sonst unhörbare Geräusche vernehmen. Es ist das vielleicht schlagendste Beispiel dafür, dass Musik tatsächlich zu 50 % aus Zuhören besteht. Joseph Kamaru alias KMRU teilt Kubischs Faszination für elektromagnetische Klänge. Es ist unklar, ob die dicht geschichteten Stücke auf seinem zweiten Editions Mego-Album »Kin« auf elektromagnetischen Aufnahmen basieren. Allemal ist es dem verstorbenen Labelbetreiber Peter Rehberg gewidmet.

Titel wie »With Trees Where We Can See«, »We Are« und »By Absence« betonen, dass die massiven Drones – inklusive einer Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Fennesz – von Ideen der Präsenz und Abwesenheit und also der Verbindung über zeitliche und physische Distanzen, ja sogar über Leben und Tod hinweg geprägt wurden. Der Titel von Cedrik Fermonts neuem Stück »Conversations« ist ebenfalls ein sprechender. Der Syrphe-Betreiber lässt Feldaufnahmen aus Malaysia und Sri Lanka in einen Dialog treten, während unheilvolle Drones das Bindeglied zwischen diesen beiden Ökosystemen bilden.

Clare Cooper und Jean-Philippe Gross sind Nevers. Ihr Debüt »Berlin« ließ lange auf sich warten: Die beiden arbeiten seit 2007 zusammen. Coopers Guzheng-Spiel und Gross’ Arbeit mit Mischpult, Mikrofonen, Feedback-Loops und Lautsprechern bewegt sich an der Schwelle zwischen elektroakustischer Abstraktion und konkreter Improvisation. Das hat sie mit »Courage Bones« gemein, der ersten Duo-Aufnahme von Vokalistin Audrey Chen und dem anarchischen Gitarrenvirtuosen Tashi Dorji: Die beiden im Morphine Raum aufgenommen Stücke greifen die Techno-Geschichte Berlins für spannende Freiform-Improvisationen auf.

Das Trio Dell-Lillinger-Westergaard findet noch mehr Verbindungen zwischen verschiedenen (und allzu oft als unvereinbar angesehenen) Musiktraditionen und Ausdrucksformen. In ihrem Werk bewegen sich Christopher Dell am Vibrafon, Christian Lillinger an Schlagzeug und Perkussion und Jonas Westergaard am Kontrabass nahtlos zwischen Jazz-Idiomen, zeitgenössischer Komposition und gelegentlichen Hip-Hop-inspirierten Grooves. »DLW: Live at Salle Cortot« ist ein umfangreiches Doppel-Live-Album  für bastille musique, das die Innovationskraft dieses eingespielten Trios unter Beweis stellt.

Die Wahlkölnerin Emily Wittbrodt ist eine ähnlich vielseitige Musikerin und regelmäßig in Berlin zu Gast, sei es mit ihrem Duo Ludwig Wittbrodt im ausland oder mit ihrer Band hilde beim Jazzfest Berlin. »Wearing Words« ist nominell ihr zweites Soloalbum, im Grunde aber ein Gemeinschaftsprojekt. Vor allem Opernsänger Sandro Hähnel prägt einige dieser zehn Stücke, die Verbindungen zwischen klassischen Formen wie der Arie, Art Pop und Wittbrodts Hintergrund in der Improvisation aufzeigen. Sie komponierte die Gesangsparts auf ungewöhnliche Weise – die Texte schrieb sie erst, nachdem die Melodien geschrieben waren.

Magda Mayas stellt auf ihren beiden neuen Alben noch andere Verbindungen her: Sie lässt sich von der Fauna inspirieren. Das Cover ihres Soloalbums »Chant«, das am 15. Mai bei Unsounds Records erscheint, ziert eine Collage, die einen Vogel zeigt, und das Drittwerk von Magda Mayas’ Filamental mit Impro-Größen wie Rhodri Davies, Anthea Caddy und Michael Thieke wurde von Murmurationen, den sich ständig verändernden Flugformationen von Vogelschwärmen, inspiriert. Das im exploratorium aufgenommene »Murmur« ist ein entsprechend dynamisches Album, das indes dank des sorgfältigen Zusammenspiels der Beteiligten durchweg intim wirkt.

Die drei Stücke auf »Chant« hingegen stellen Mayas Arbeit als Solokünstlerin mit dem Innenklavier in den Vordergrund. Sie unterstreichen, wie facettenreich ihr Ansatz ist und wie vielfältig das Ergebnis sein kann. »Embodied« wirkt bisweilen fast wehmütig, während das Finale von »Halcyon« aufgrund des Einsatzes eines Gitarrenverstärkers leicht an den Drone/Doom-Metal von Earth und Sunn O))) erinnert. Das auf 16 Klavieren gespielte »Chant« hat eine gespenstische, gar hantologische Qualität – strukturell erinnert es an die »Disintegration Loops« von William Basinski.

Das neue Album von gamut inc, das am 22. Mai erscheint, verbindet die Potenziale verschiedener Technologien miteinander und überwindet so die Schwelle zwischen Vergangenheit und Gegenwart. »radiating« knüpft an die Compilation »AGGREGATE – new works for automated pipe organs« an, die Marion Wörle und Maciej Śledziecki im Rahmen der gleichnamigen Reihe für MIDI-gesteuerte Pfeifenorgeln kuratiert hatten. In diesen sieben Stücken versuchen die beiden, die Orgel neu zu interpretieren. Diese habe nämlich ein »schmutziges Geheimnis«: In vorchristlichen Zeiten sei sie »sinnlich, ekstatisch, gefürchtet« gewesen.

Die Stücke heben diese emotionalen Eigenschaften auf unterschiedliche Weise hervor. Die beiden gehen spielerisch mit der gewaltigen Orgel der Auenkirche um, lassen glückliche Zufälle zu und gehen darauf ein. Dadurch können sie an die alte Bedeutung und Verwendung eines Instruments anknüpfen, das sonst selten mit profanen Freuden dieser Art in Verbindung gebracht wird – und aber umso freudvoller klingt. Das macht »radiating« zu einem der eindrucksvollsten Beispiele dafür, wie neue Verbindungen geschaffen werden können, wo viele nur unüberwindbare Hürden sehen.

Diese Alben zeigen, wie Schwellen überwunden und Verbindungen zwischen verschiedenen Musiken, Traditionen und sogar Menschen hergestellt werden können. Zwar mag es stimmen, dass das Zuhören 50 % der Musik ausmacht. Doch sollte die andere Hälfte der Gleichung nicht ignoriert werden: Manchmal braucht es aufmerksames Zuhören, um Verbindungsprobleme zu überkommen. Ich werde es mir selbst hinter die Ohren schreiben – und freue mich auf die nächste Gelegenheit, zu der ich Marta Zapparoli live erleben darf.

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