Found Sounds #7

Ein Jahr in zwei Rückblicken, Teil 2

8. Dezember 2025 | Kristoffer Cornils

Zwei Schallplatten liegen auf einem Sportplatz bei Nacht.
©field notes

Ein, zwei Veröffentlichungen aus der Berliner Szene verpasst? Vielleicht sind es eigentlich 68. So viele zumindest hat Kristoffer Cornils für seinen musikalischen Jahresrückblick aufgetan. Im zweiten Teil geht es unter anderem um Alben von Ignaz Schick, Gilles Aubry, Alejandra Cárdenas und vielen anderen.

Im Gegensatz zu einigen der im ersten Teil vorgestellten Künstler*innen nutzt Omer Eilam die Natur nicht als Klang-, sondern vielmehr als Inspirationsquelle. Für sein selbstveröffentlichtes Album »Imaginary Ecosystems« greift der Komponist elektroakustischer Musik auf mythologische und wissenschaftliche Ideen zurück und schafft drei komplexe, vielschichtige Stücke, in denen jeder einzelne Klang wie ein eigenständiger Organismus fungieren soll. Das heißt auch, dass Eilam weniger als Geschichtenerzähler auftritt und eher die Rolle eines Vermittlers des musikalischen Geschehens übernimmt. Tatsächlich basieren zwei der drei Stücke auf Improvisationen.

In den vergangenen fünf Jahren hat sich forms of minutiae als eine der besten Adressen für die Arbeit mit Field Recordings etabliert. 2025 erschien dort das spekulative Werk »tracing basalt in the onsernone valley« von Gründer*in Pablo Diserens und Ludwig Berger, der Großteil der Veröffentlichungen stand jedoch im Kontext des Internationalen Jahres der Erhaltung der Gletscher. Marc Namblards »Arctic Summer«, Ludwig Berger & Vadret da Morteratschs »Crying Glacier«, Yoichi Kamimuras »Ryūhyō«, Cheryl E. Leonards »Near the Bear« und Diserens’ »ebbing ice lines« fanden eindrückliche klangliche Repliken auf langsam ablaufende ökologische Katastrophen.

Etwas zu bewahren und/oder sich künstlerisch damit auseinanderzusetzen, das ist auch die Leitidee hinter Ignaz Schicks fünfteiliger Serie »City Sound Kolkata«, die er parallel zu einigen Kollaborationsalben über sein Label Zarek veröffentlicht hat. Zusammen mit sechs Akteur*innen der Musikszene Kolkatas wie Dibyokamal Mitra, Sukanya Chattopadhyay oder Varun Desai trat Schick im Rahmen des Projekts »City Sound« in den Jahren 2022 und 2023 mit den Klanglandschaften und musikalischen Traditionen der indischen Metropole in den Dialog. Das Ergebnis ist eine Reihe von ebenso entgrenzten wie ortsspezifischen Veröffentlichungen.

Der in Berlin lebende Komponist Khaled Kurbeh webt ebenfalls Field Recordings in sein Album »Likulli Fadāin Eqāéh لكلّّ فضاءٍٍ إيقاعه« ein. Besonders faszinierend an seinem Debüt für das australische Label Research ist wohl das 51-sekündige »Nuzha I (نُزهة ١)«. Wir hören jemandem dabei zuhören, stoisch Sonnenblumenkerne zu schälen, während im Hintergrund verschiedene Vogelstimmen erklingen. Es ist ein nahezu surreal banaler und alltäglicher Moment auf einer Platte, die ansonsten ausgiebig mit synthetischen Klängen und elegischen Tönen arbeitet. Er trägt dazu bei, dass sich dieses Album zugleich erdig wie kosmisch anfühlt.

Ein ähnlicher Kontrast durchzieht »L'Makina«, das neue Album des Theoretikers und Klangkünstlers Gilles Aubry. Die auf Corvo erschienene Platte leiht sich ihren Namen von einem Song von L’Haj Belaid, der sich mit der Ausbreitung des Phonographen und seiner Ankunft in Marokko befasste. Allerdings nimmt Aubry nicht die bahnbrechende Technologie der 1920er-Jahre als Ausgangspunkt, sondern arbeitet mit derjenigen unserer Zeit – sogenannter künstlicher Intelligenz. Aubry dekonstruiert mithilfe von KI Belaid-Aufnahmen, um grundlegende Fragen zu deren Auswirkungen auf die Kulturproduktion und Musikschaffende zu stellen. Das Uncanny Valley klafft hier weit auf.

Der Perkussionist Joss Turnbull hingegen setzt modernste Technologie ein, um sein Spiel zu erweitern. Sein neues Album auf Boomslang trägt indes nicht ohne Grund den Titel »TURMOIL«. So lässt sich auch die Musik beschreiben, eine Art elektroakustische Braindance-Explosion in acht Ausbrüchen, voller unmöglich komplizierter Rhythmen und verzerrter Vocals. Turnbulls Arbeit ist eindeutig von der Arbeit seines ehemaligen Lehrmeisters beeinflusst, und tatsächlich setzt auch der in Berlin lebende Perkussionist Mohammad Reza Mortazavi auf seinem neuen Album »Nexus« für Latency neben Tombak und Daf neuerdings Gesang und sogar elektronische Mittel ein.

Rhythmus war schon immer einer der Fixpunkte im Schaffen von Alejandra Cárdenas alias Ale Hop. Auch die 13 Stücke auf ihrem neuen Album »A Body Like a Home« für Nicolás Jaars Label Other People stechen dadurch hervor, dass die peruanische Künstlerin ihre gitarrenbasierten Klangskulpturen mit Grooves auflädt. Sie kombiniert das allerdings mit Gedichtrezitationen, in denen Themen wie politische Unterdrückung und persönliche Traumata behandelt werden. Das sorgt für Reibung mit dem eher optimistischen Charakter der meisten Songs – schwere Sujets werden hier auf leichte Art und Weise präsentiert.

Der hyperproduktive Noisenik Joke Lanz setzt ebenso gerne auf Kontraste. Absurder Humor ist sein Mittel der Wahl. Für »Ella«, ein Co-Release von Klanggalerie und iDEAL, hat er sich mit der Pianistin Sophie Agnel zusammengetan. Ihre gemeinsamen Improvisationen sind voller Irrungen und Wirrungen, voller Augenzwinkern und Grinsen: Cut-up-inspirierter Noise, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt und gerade deshalb ernsthaft Spaß macht. Lanz’ Soloalbum »Zungsang« kombiniert Material, das zuvor beim Pariser Label Vice de Forme veröffentlicht wurde, mit neuen Stücken. Wie der Titel schon andeutet, arbeitet Lanz hauptsächlich mit Gesangsaufnahmen, die manipuliert, verzerrt und collagiert werden.

Die Stimme hat in Yan Juns jüngeren Veröffentlichungen eine tragende Rolle gespielt, doch reichen seine anarchischen Experimente mit Obertongesang einige Jahre zurück. Der interdisziplinäre Tausendsassa nahm die beiden Stücke auf »rely«, erschienen bei Infant Tree in London, bereits im Jahr 2017 zusammen mit dem Berliner Bluetooth-Speaker-Künstler Eric Wong auf. Wie auf »Dichotomic Language« aus dem Jahr 2024 – verwirrenderweise die jüngere der beiden Aufnahmen – arbeitet Yan Jun darauf auf ähnliche Weise mit Stimme und Atem wie auf neueren Veröffentlichungen. Hier sind buchstäbliche Duette zu hören: Wong setzt Sinuswellen als zweite Stimme ein.

Im Gegensatz dazu scheint Wongs jüngstes Album mit dem Ex-Berliner Ian Douglas-Moore und Dominic Coles mehr an Strukturen als am Prozess interessiert zu sein. Die acht Stücke auf »under under hill« für Sun Yizhous Label Aloe sollen durch das Zusammenspiel von elektroakustischer Gitarre, digitalem Sound und Wongs Lautsprechern »Resonanz und psychoakustische Erfahrungen« erforschen. Das Trio bewegt sich im Bereich des kaum Wahrnehmbaren beziehungsweise setzt viel Stille ein, was angesichts des Veröffentlichungsmediums zu Momenten köstlicher Verwirrung führen kann: Ist das nur das normale Bandrauschen der Kassette oder Teil der Musik? Und … ist das überhaupt wichtig?

Auch das gemeinsame Album von Michael Thieke und Beat Keller für das Tokioter Label Ftarri klingt zurückhaltend, doch passiert in diesem Zwiegespräch zwischen der Klarinette des Ersteren und der Feedback-Gitarre des Letzteren einiges. »Last Breath's City Looks Kind Heart« ist eine Seltenheit: Deep-Listening-kompatibler Improv. Bei Stefan Roigk geht es auf »Unpredictable – what remains in the end…« auch ruhig zu – zumindest anfangs. Der Titel ist ein sprechender: Was still beginnt, entfaltet sich bald zu einem sonderbaren Schlagabtausch zwischen Maschine und Mensch. Erstere spuckt zufällig ausgewählte Töne aus, letzterer reagiert immer wieder anders darauf. Ein veritabler Trip im Schlingerkurs.

Das transkontinentale Improvisationstrio Algol besteht aus Schlagzeuger Christian Lillinger, dem Pianisten und Synthesizer-Spieler Elias Stemeseder sowie dem Flötisten Camilo Ángeles. Im Miteinander von elektronischen Klängen und akustischer Interaktion bewegen sich die drei ebenfalls durch ein veritables Chaos. Die vier Stücke auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum für das exzellente peruanische Label Buh sind angenehm desorientierend. Ähnlich Sawt Outs »Fake Live in America«, die erste Veröffentlichung des Berliner Labels Headache: Diese drei Stücke von Mazen Kerbaj an der Trompete und den Perkussionisten Burkhard Beins und Michael Vorfeld wurden aus verschiedenen Live-Aufnahmen einer US-Tournee zusammengefrankensteint.

Ein dekonstruktivistischer Ansatz steht auch im Mittelpunkt von »Love« von Das B, zu dem neben Kerbaj auch Pianistin Magda Mayas, Bassist Mike Majkowski und Schlagzeuger Tony Buck gehören. Was das Quartett jedoch auf dieser Ko-Veröffentlichung von Corbett vs Dempsey und thanatosis auseinandernimmt und erneut zusammensetzt, ist das Werk eines anderen: John Coltranes Klassiker »A Love Supreme«. »Love« ist sowohl eine Etüde der Reduktion als auch der Expansion, greift Anhaltspunkte und Ideen des Ausgangsmaterials auf und ahmt sie dennoch nie nach. Diese vier Stücke und das Original sind weniger durch bestimmte Melodien oder Phrasen verbunden, sondern vielmehr durch eine Stimmung – ein Gefühl stiller Ekstase.

Auch Majkowskis Soloalbum »Tide« auf Lawrence Englishs Label Room40 lässt sich lose vom Jazz inspirieren, strebt jedoch etwas Atmosphärischeres an. Es besteht im Wesentlichen aus ein paar Dark-Jazz-Takten à la Bohren & der Club Gore, die über 34 Minuten hinweg geloopt und verlangsamt werden. »Tide« dehnt buchstäblich die Zeit, was es zu einem perfekten Album für das Jahresende macht – einer Zeit, in der das Leben in vielen Teilen der Welt langsamer wird, sogar in Berlin. Das bietet ausreichend Ruhe, um ein oder zwei oder doch 68 Veröffentlichungen nachzuholen, die in einem lauten Jahr nicht ausreichend Gehör fanden.

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