Found Sounds #6

Ein Jahr in zwei Rückblicken, Teil 1

29. November 2025 | Kristoffer Cornils

Eine Schallplatte liegt auf einem Sportplatz bei Nacht.
©field notes

Ein, zwei Veröffentlichungen aus der Berliner Szene verpasst? Vielleicht sind es eigentlich 68. So viele zumindest hat Kristoffer Cornils für seinen musikalischen Jahresrückblick aufgetan. Im ersten von zwei Teilen geht es um Alben von Sarah Nemtsov, Jules Reidy, Amelia Cuni und einigen anderen.

Während das Jahr 2025 mit Überschallgeschwindigkeit dahinraste, fiel es immer schwerer, den Lärm auszublenden oder überhaupt den Überblick zu behalten. Auf der Habenseite steht wohl, dass sich Ähnliches über die Berliner Musikszene sagen ließe: Trotz aller Turbulenzen um sie herum haben die in dieser Stadt tätigen Künstler*innen und Labels unbeirrt neue Wege beschritten. Diese Ausgabe von Found Sounds ist daher vielen Veröffentlichungen gewidmet, die in früheren Ausgaben nicht erwähnt wurden – ganzen 68 von ihnen. Das mag zwar nach einer Menge klingen, ist natürlich aber nur die Spitze des Eisbergs.

Bastille Musique hat sich zu einer wichtigen Plattform für abenteuerlustige Ansätze in der zeitgenössischen Musik entwickelt. Neben Interpretationen von Pierre-Boulez-Stücken durch das Collegium Novum Zürich und das Ensemble Contrechamps, den von Pianistin Maroussia Gentet gemeinsam mit dem Ensemble Cairn zum Leben erweckten Kompositionen von Frédéric Chopin und Ramon Lazkano sowie Aufnahmen des Gesamtwerks von Betsy Jolas durch Cellist Anssi Karttunen und Pianist Nicolas Hodges war Sarah Nemtsovs vierteiliger Zyklus »Tzimtzum« ein klares Highlight. Diese Aufnahmen des Ensembles Nikel und des WDR Sinfonieorchesters sind gleichermaßen intellektuell anregend wie emotional fesselnd.

Auf »Input (The Sofia Versions)« dokumentiert Stefan Goldmann ein ungewöhnliches Experiment: Er stellte Adrian Pavlov, Daniel Chernov und Lukas Tobiassen elektronische Aufnahmen zur Verfügung, die von den drei Komponisten transkribiert und anschließend vom Ensemble 180° interpretiert wurden. Dieses akustische Reverse-Engineering hat bereits 2015 stattgefunden, Goldmann lieferte jedoch auf seinem Label auch brandneues Material mit: »Live at Borusan Müzik Evi (Istanbul)« bildet das dritte einer Reihe von ortsspezifischen Solo-Konzerten ab. In dieser Ode an das geschäftige Treiben der türkischen Metropole kommt Goldmanns Hintergrund in der Clubmusik besonders zum Tragen.

Auf seinem Debütalbum »Abjad Dream (Piano and Electronics)« für Noise à Noise tritt Idin Samimi Mofakham mit der Zeit statt mit dem Raum in einen Dialog: Die Stücke basieren auf Übersetzungen des titelgebenden alten iranischen Notationssystems. Auch Chris Korda hat für »Granularism« in die Vergangenheit geblickt und eine unerwartete Frage gestellt: Müssen atonale und Zwölftonmusik dissonant klingen? Korda meint: nein. Diese Kompositionen für Streicher oder Soloklavier basieren auf einer im Rahmen eines Artikels dargelegten Theorie. Es gibt so gesehen eine musikwissenschaftliche Erklärung dafür, warum sie gleichzeitig reibungsvoll und doch geschmeidig klingen.

Apropos Stimmungen: Im Berliner Kontext setzen Jules Reidy und Fredrik Rasten mit unkonventionellen Ansätzen Akzente. Reidy war zuletzt hyperaktiv und arbeitete Ende 2024 mit dem Schlagzeuger Andrea Belfi für das wunderbare »dessus oben alto up« zusammen, bevor das Soloalbum »Ghost/Spirit« bei Thrill Jockey folgte und Reidy zuletzt mit Sam Dunscombe an der Klarinette für Futura Resistenza »Edge Games« aufnahm. Solo arbeitete Reidy an der unwahrscheinlichen Schnittstelle zwischen mikrotonalen Experimenten und Pop-Appeal, während das Duo Reidy/Dunscombe mal freudvoll krachig klingt und im nächsten Moment die emotionalen Qualitäten von nichttemperierten Stimmungen aufdeckt.

Wie Reidy arbeitet auch Rasten hauptsächlich mit der Gitarre, interessiert sich für alternative Stimmungen und Mikrotonalität und kann angesichts seiner Veröffentlichungsfrequenz unmöglich viel Schlaf bekommen. In diesem Jahr veröffentlichte er zwei Soloalben, »Murmuration and Stasis« für Moving Furniture und das selbstpublizierte »Murmuration VII«, sowie »strands of lunar light« für Aspen Editions mit Gastmusiker Ruben Machtelinckx, die Asterales-Kollaboration »Fuse Modulations« auf thanatosis und nicht zuletzt »Dragon’s Return« auf VIERNULVIER mit Oren Ambarchi – neue Musik für einen alten Film von Eduard Grečners aus dem Jahr 1967.

In seinen Soloarbeiten multipliziert sich Rasten, indem er mit mehreren Gitarren arbeitet, die er mit einem E-Bow spielt. So schafft er vielschichtige Drone-Stücke, die Deep Listening ebenso einfordern wie belohnen. Wenn er sich langsam durch verschiedene Klangspektren arbeitet, erinnert sein Ansatz bisweilen an Éliane Radigue. Im Kontext seiner Kollaborationen ist er konzeptionell weniger streng, so auch auf »Dragon’s Return«. Rasten und Ambarchi ergänzen das Spiel von Saiteninstrumenten gelegentlich durch Gesang oder die Klänge von Muscheln und Flöten. Ein wunderbarer, geradezu mystischer Soundtrack.

Auf Ambarchis Label Black Truffle erschien dieses Jahr unter anderem »Set« vom Installationskünstler Konrad Sprenger, die Live-Aufnahme »Metamusik Festival Berlin ‘74« von Salamat Ali Khan und Christer Bothéns atemberaubendes »Donso n’goni«. Eines der Highlights war ein Album der verstorbenen Dhrupad-Maestra Amelia Cuni mit der Violinistin Silvia Tarozzi und der Cellistin Deborah Walker sowie der Cellistin Anthea Caddy und Werner Durand am Saxofon. Die beiden Duos traten in einen posthumen Dialog mit einer Aufnahme Cunis aus dem Jahr 2012. »Melopea« ist in jeder Hinsicht ein einzigartiges Album – ein Treffen von Gleichgesinnten, inszeniert als Séance.

Apropos Gitarren, apropos Kollaboration: Die improvisierten Stücke von Pedro Oliveira & Morgan Sully auf »blue fifty-five« für das britische Label Blue Tapes sind ebenso atmosphärisch wie anarchisch. Der Forscher und Klangkünstler Oliveira an der Baritongitarre und L_KW-Mitbegründer Sully an der E-Gitarre nennen unter anderem Neil Young, Sunn O))) und Bill Orcutt als Einflüsse – und das ist auch zu hören. Sullys selbstveröffentlichtes Album »Phone Recordings« enthält zudem Gesang und erinnert bisweilen an Outsider-Musik à la Daniel Johnston. Seine Arbeit mit glitchigen, krachigen elektronischen Sounds unter seinem Pseudonym Memeshift dokumentierte er auf L_KW mit »Landscape Noon Studies«.

Ruben Mattia Santorsas Herangehensweise an die Gitarre ist nicht weniger ikonoklastisch. Die drei Stücke auf »Unpolished Clouds« wurden von Giulia Lorussa komponiert und sind das Ergebnis einer langjährigen Zusammenarbeit der beiden. Als erste Veröffentlichung auf Santorsas Label Dissonant Bear hat die EP einen manifestartigen Charakter. Mal atmosphärisch, mal nahezu aggressiv lotet sie noch unerschlossene Potenziale der Gitarre aus. Die Oud ist ein ähnlich altes Instrument, und auch Aly Eissa findet neue Wege, es zu spielen. Auf dem passend betitelten »The Fruit Fly« für Feral Note ist Eissas Spiel ebenso virtuos wie lebhaft – so klingt agiles musikalisches Storytelling.

Die primäre Klangquelle von Michael Vorfelds Album »Glühlampenmusik« für Karlrecords, wo sich dieses Jahr auch Martina Bertoni mit einem dem Halldorophon gewidmeten Album zurückmeldete, wird im Titel genannt: Dieser buchstäblich elektrisierende Noise wurde mit Glühlampen erzeugt. Ähnlich aufreibend klingt Cedrik Fermonts »Es könnte der Anfang sein« auf seinem eigenen Label Syrphe. Nach »The Dream Border«, einem eher songorientierten Gemeinschaftswerk mit Dora Bleu und Periklis Tsoukalas, setzen diese beiden Stücke auf ohrenbetäubende Gitarren-Drones und zwingende Rhythmen. Eine wunderschöne Tour de Force.

Lucy Railtons »Blue Veil« auf Ideologic Organ ist nach »Lament in Three Parts« aus dem Jahr 2020 das erst zweite Album, das ihre Praxis als Solokünstlerin dokumentiert. Zuletzt hatte die in Berlin lebende Cellistin viel kollaboriert und sich zudem stark auf elektroakustische Techniken konzentriert. Diese sieben Stücke beweisen, dass ihre Musik auch dann nicht zurückhaltend klingt, wenn nur ihr Hauptinstrument zum Einsatz kommt und Railton spontan komponiert. Was ein Zufall auch, dass die Kollegin Judith Hamann für »Aunes« auf Shelter Press hingegen mehr zusätzliche Instrumente und Klangquellen als zuvor einsetzt. Das daraus resultierende Album klingt indes nicht minder intim.

Kai Fagaschinskis »Aerodynamics« auf Ni Vu Ni Connu ist in gewisser Weise sowohl ein Gemeinschaftswerk als auch ein Soloalbum. Für das erste Stück hat sich der Klarinettist mit The Paranormal Clarinet Society zusammengetan, um eine »eine Art akustische 8-Kanal-Installation« umzusetzen. Im zweiten der beiden Stücke findet er sich »Surrounded by Idiots« – er kombiniert neun eigene Soloimprovisationen miteinander. Ähnlich wie sein Kollege erweitert Bryan Eubanks auf »Songbook« für Sacred Realism die klanglichen Möglichkeiten seines Sopransaxofons und führt ein atemberaubendes Zwiegespräch mit sich selbst, seinem Instrument und seiner Elektronik.

Das Liederbuch des Saviet/Houston-Duos hingegen ist ein buchstäbliches: Auf »Lines We Gather« für Winter & Winter interpretieren die Violinistin Sarah Saviet und der Pianist Joseph Houston Stücke von Iannis Xenakis, Enno Poppe und Rebecca Saunders sowie anderen neu. Mit »Walking, Waking« enthält das Album jedoch auch eine gemeinsame Komposition von Houston und Saviet, die den spannungsgeladenen, verspielten Ansatz des Duos herausstellt. Für »the mendelssohn-project« auf dem Kölner Label sts|sts horchen die Organistin Annie Bloch und die Geigerin Emily Wittbrodt noch weiter in die Vergangenheit zurück, indem sie Felix Mendelssohn-Bartholdys op. 37 rekomponieren und mit Improvisationen anreichern.

Heinali & Andriana-Yaroslava Saienko lassen sich von einer noch älteren Quelle inspirieren. Das Duo hatte bereits mehrfach Stücke aus »Гільдеґарда (Hildegard)« in Berlin aufgeführt, bevor es seine fantasievollen Interpretationen der Lieder der Nonne und Mystikerin Hildegard von Bingen schließlich auf dem Label Unsound veröffentlichte. Es zeigt sich, dass das eindrückliche Zusammenspiel von Saienkos ausdrucksstarker Gesangsdarbietung und Heinalis spannungsvoller Arbeit mit dem modularen Synthesizer auch im Studio seine Kraft entfaltet: Von Bingens Musik wurde schon unzählige Male neu interpretiert, aber noch nie so wie hier.

Wo wir beim Heiligen sind: Lyra Pramuk hat in »Hymnal«, der ersten Veröffentlichung ihres Labels pop.soil, einige spirituelle Themen aufgegriffen. Pramuks Affinität zur Clubmusik prägt dieses Album, aber ihr experimenteller Ansatz und die komplexe Art und Weise, wie sie mit ihrer Stimme arbeitet, machen es unkategorisierbar. Das eint »Hymnal« mit »Archaeology of Intimacy« von Marta Forsberg auf Warm Winters Ltd. Forsbergs Album ist ihr poppigstes, stellt dank ihres Hintergrunds im Drone-Minimalismus aber mehr als nur eine Sammlung von Vokalcollagen dar. Beide Alben eint ihr unkonventioneller Umgang mit der menschlichen Stimme und die Zärtlichkeit, die sie in rigidem Experimentalismus finden.

Der Bassist Andreas Dzialoch hat an »Archaeology of Intimacy« mitgearbeitet und ist auch als Mitbetreiber von Hyperdelia aktiv. Das Berliner Label hat es in letzter Zeit etwas ruhiger angehen lassen, ist dafür aber umso kauziger geworden. Bestes Beispiel: »Only birds know how to call the sun and they do it every morning« von Kaj Duncan David & Scenatet, eine Art digitales Art-Brut-Album, auf dem Davids manipulierte Stimme die tragende Rolle spielt. »Perfect Pattern« von Nic Krog fokussiert sich ebenfalls weitgehend auf die Stimme. Krogs Debüt bei Psychic Liberation verfolgt jedoch einen Spoken-Word-Ansatz und setzt auf eine insgesamt brachialere Ästhetik, die von Industrial, Noise und Clubmusik inspiriert ist.

Nicholas Bussmann duettiert auf »little ideas« ebenfalls mit der Maschine. Die EP wurde über sein eigenes Label Grand Prix d’Amour als erster Teil einer Trilogie veröffentlicht und enthält drei zugleich politisch und emotional aufgeladene Songs des versierten Improvisationsmusiker im Tandem mit Winfried Ritschs Klavierroboter. Zeilen wie »Watching a genocide / From the beach« hallen doppelt so eindrücklich nach, weil sie von den mechanischen und doch chaotischen Klängen seines unkonventionellen Instruments begleitet werden.

Für sein 2018 erschienenes Album »Zwischen« nutzte Jan Jelinek die Stille zwischen den Worten für ein Hörspiel. Eines der Stücke, das aus einem Interview mit Marcel Duchamp sampelt, wurde von arbitrary-Betreiber Mads Emil Nielsen für eine Split-EP geremixt. Diese enthält auch einen Jelinek-Remix von Nielsens »Framework 10«, der an die mäandernden Grooves des Jelinek-Klassikers »Loop-finding-jazz-records« erinnert. Sein Label Faitiche übrigens hat in diesem Jahr eine Vielzahl von Alben veröffentlicht, darunter »New Environments & Rhythm Studies« von Andrew Pekler. Darauf führt der Klangkünstler seine kritische und doch spielerische Auseinandersetzung mit Fourth-World-Fantasien fort.

Während nie ganz klar ist, ob und wann Pekler mit echten Field Recordings arbeitet, hat sich Felicity Mangan mit ihrem fantasievollen Einsatz von Umweltklängen einen Namen gemacht. Ihr Debüt bei Elevator Bath, »String Figures«, stellt nunmehr ihr ambitioniertestes und gelungenstes Werk dar – elegante, vielschichtige Drones treffen auf düstere Elektronik und gelegentliche auditive Ausflüge in die Feuchtgebiete. Auch Katharina Schmidt abstrahiert für »Time Imagines« auf Discreet Archive Feldaufnahmen zu zwei Stücken, die ursprünglich für eine Installationsarbeit entwickelt wurden und selbst in ihren zurückhaltendsten Momenten vergleichbar eindringlich sind.

Hier folgt in Kürze der zweite Teil mit Veröffentlichungen von Ignaz Schick, Gilles Aubry, Alejandra Cárdenas und einigen anderen.

Transparenzhinweis: Kristoffer Cornils hat für die Veröffentlichung der Alben von Martina Bertoni und Kai Fagaschinski mit dem jeweiligen Label zusammengearbeitet.

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