Bei einem Kaffee erzählte mir Noisenik Mattin kürzlich von einem neuen Projekt: Deep Shit Listening. Als Teil eines Workshop-Programms mit Schwerpunkt auf erweiterter Improvisation sitzen Teilnehmer*innen eine Viertelstunde lang still da und horchen auf die düsteren Untertöne ihres inneren Monologs: auf Gefühle von Stress, Angst und Horror, die aufkommen, wann immer wir kurz über den Zustand dieser Welt nachdenken oder aufs Telefon schauen. Die Intensität dieser Gefühle scheint nur zuzunehmen, werden sie doch ständig von einer Aufmerksamkeitsökonomie verstärkt, die uns emotional vereinnahmen möchte. Dasselbe System liefert uns aber auch Werkzeuge und Strategien zu ihrer Unterdrückung. Algorithmen werden von Wut gefüttert, doch versorgen uns die sozialen Medien im selben Zug konstant mit Dopamin, um uns bei Laune zu halten.
Mittlerweile gibt es einen ganzen Industriezweig, der uns Beruhigung verkauft. Meditations-Apps, Sound-Healing-Workshops und Listening Bars laden dazu ein, den Alltagslärm mit behaglicher Musik zu übertönen. Zwei neue Alben von Jasmine Guffond und Okkyung Lee greifen das auf. Guffonds »Muzak for the Encouragement of Unproductivity« spielt auf eine Art von Hintergrundmusik an, die zuletzt ein Revival erlebte. Muzak wurde erstmals in den 1930er-Jahren in Fabriken eingesetzt, um die Effizienz von Arbeiter*innen zu steigern. Sie ist auch als »Fahrstuhlmusik« bekannt, weil sie an Nicht-Orten wie Einkaufszentren eingesetzt wird. Sie soll stimulieren und simulieren, Produktivität steigern und ein Gefühl der Ruhe vermitteln. Mit dem Aufkommen von Streaming wurde sie als »lo-fi beats to relax/study to« oder als Chillout-Piano-Playlists wiederbelebt.
Das LINE-Debüt der Berliner Klangkünstlerin Guffond entstand als Installationsarbeit, die als »poetische Umkehrung« der Verwendungszwecke von Muzak im Kontext »nahtloser, effizienter Produktivität [und ihrer] Auswirkungen von der Ausbeutung der Arbeitskraft bis hin zu den Folgen der Überproduktion für die Umwelt« angelegt war. Guffond arbeitet mit schwebenden, zirkulären Horn- und Klarinettenklängen, die sich miteinander verflechten und wandeln. Klanglich und strukturell imitieren die vier Stücke die Art von Neo-Muzak, die derzeit die Streaming-Plattformen überschwemmt. Guffond, die sich intensiv mit Überwachungskapitalismus und den Auswirkungen der Plattformökonomie auf unser Leben auseinandergesetzt hat, nutzt diese Ironie für sich. Sie konfrontiert das Publikum mit einem Dilemma: Was bedeutet es eigentlich, wenn ich diese Musik ernsthaft behaglich finde?
Dass Okkyung Lees Werk einmal ähnliche Fragen aufwerfen würde, war bei ihrem Tzadik-Debüt vor 20 Jahren nicht abzusehen. Die Cellistin legte im Laufe ihrer Karriere immer wieder kompositorische Strenge an den Tag, wurde aber vor allem für ihre explosive Arbeit als Improvisationsmusikerin bekannt. In den vergangenen Jahren hat sie sich auf ihre Arbeit als Komponistin konzentriert. Mit »Just Like Any Other Day (어느날): Background Music For Your Mundane Activities« auf Shelter Press geht sie nun einen Schritt weiter, indem sie alles sehr ruhig angeht. Gut vier Jahre lang hat Lee in nahezu völliger Abgeschiedenheit an dem Album gearbeitet und dabei an Traditionen wie Ambient und Minimal Music angeknüpft, um eine Art unheimlicher Kammermusik zu schaffen. Gelegentlich erinnert das an moderne Interpretationen Alter Musik in Genres wie Dungeon Synth – synthetische Musik in mehr als einer Hinsicht, die mit künstlichen Klängen unterschiedliche musikalische Ansätze miteinander verschmilzt.
Ähnlich wie »Muzak for the Encouragement of Unproductivity« stellt auch dieses Album unbequeme Fragen. Wenn es wirklich, wie es im Pressetext heißt, zum »passiven Hören« gemacht wurde – widerspricht das dann nicht der üblichen Annahme, dass komponierte und experimentelle Musik nicht passiv konsumiert, sondern aktiv wahrgenommen werden soll? Dass sie reflektiert werden soll und Deep Listening einfordert? Indem es diese Fragen aufwirft, offenbart Lees Album seine eigentliche Radikalität und zeigt gleichzeitig eine Verwandtschaft mit Mattins Projekt: Deep Listening wurde von Pauline Oliveros als eine soziale Praxis konzipiert, als Auseinandersetzung mit einer Welt, von der wir uns entfremdet hatten. Das derzeitige Revival dieser Praxis kann aber als Ausdruck einer neuen Form von Entfremdung verstanden werden: als mehr oder weniger bewusster Versuch, uns von uns selbst zu distanzieren, indem wir unsere Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenken.
Für mich stellt Deep Shit Listening deshalb nicht einen Gegenentwurf zu Deep Listening dar, sondern als notwendige Aktualisierung dieses Konzepts, das zwischenzeitlich zum Ausdruck einer Konsumhaltung geworden ist, ein weiteres Hilfsmittel, um den Alltagslärm zu übertönen. Raven Chacon würde dem vielleicht zustimmen. In einem kürzlich erschienenen Wire-Feature sprach der Komponist darüber, wie sich sein Verhältnis zur Stille verändert hat. »Ich begann mich zu fragen, ob Stille [...] ein Privileg ist«, sagte er Esi Eshun. »Und ich wollte über die Privilegien des Deep Listening nachdenken. [...] Pauline Oliveros hat eine sehr einflussreiche und bedeutsame Arbeit geleistet, aber ich denke, dass auch sie sich fragen würde, was Deep Listening in einer Zeit der Krise, eines Notfalls bedeutet.« Die implizite Frage lautet, ob es in diesem Kontext bei Deep Listening noch um die Konfrontation mit der Welt geht – oder darum, ihr zu entfliehen, wenn auch nur vorübergehend.
Chacons neue Veröffentlichung »Voiceless Mass« auf New World kann als programmatische Antwort auf diese Frage verstanden werden. Der zum Volk der Diné beziehungsweise Navajos gehörende Künstler bezeichnet die drei Kompositionen als Kammermusik, ein Begriff, der auch auf die Musik auf den neuesten Alben von Guffond und Lee angewendet werden könnte. Doch Chacons Einsatz von Noise und elektronischen Klängen sowie die von ihm thematisierten soziopolitischen Themen setzen das Werk sowohl klanglich als auch konzeptionell von ihnen ab. Im Titelstück setzt er eine Orgel ein, um die miteinander verwobenen Geschichten der katholischen Kirche und der Verbrechen an den indigenen Völkern Amerikas zusammenzudenken – eine Art Deep Shit Listening in historischem Ausmaß. Das Ergebnis ist Musik, die die volle Aufmerksamkeit des Publikums einfordert und ihm gleichzeitig ein tiefes Unbehagen bereitet.
Eine vergleichbare Stimmung durchzieht das neue Album der Berliner Elektronikmusikerin Concepción Huerta. »El Sol de los Muertos« für Umor Rex schlägt einen Mittelweg zwischen Guffond und Lee auf der einen und Chacon auf der anderen Seite ein: Die sechs Stücke könnten bei geringer Lautstärke als Hintergrundmusik konsumiert werden, offenbaren sich bei genauerem Hinhören durch den Einsatz von abrasiven Sounds und massiven Drones indes als Auseinandersetzung mit Kolonialismus und Klimakrise. Eine gewisse Doppeldeutigkeit prägt auch Andreas F. Staffels »Lascia vibrare …– Solostücke I«, einer Sammlung von acht Solo-Stücken, die von Musiker*innen aus der Szene für zeitgenössische Musik in Berlin wie Elena Kakaliagu und Nikolaus Schlierf präsentiert werden. Der Berliner Komponist beschäftigt sich zwar vorrangig mit ästhetischen Fragen, doch scheint es unter der Oberfläche zu brodeln.
So zum Beispiel in den »Fünf Episoden für einen singenden Bratschisten«, die Schlierfs Virtuosität voll zur Geltung bringen und deren Titel wie »Versetzung gefährdet« dennoch ein grundlegendes Gefühl der Beklemmung andeuten. Im letzten Stück singt Schlierf fünf Worte, die einem Gedicht von e e cummings entnommen sind. Die Zeile »Who are you, little I?« erhält in rekontextualisierter Form eine neue Bedeutung. Ist dies noch eine Ode an die Transformation oder schon Ausdruck einer Identitätskrise? Subtilitäten wie diese lassen Staffels Musik – dem Titel entsprechend – nachklingen und ermöglichen es dem Publikum, seine verborgenen Geheimnisse auf emotionaler statt rein intellektueller Ebene zu ergründen. Das schafft eher eine Verwandtschaft mit Chacon als mit Guffond oder Lee, deren Alben nur schwer ohne das Wissen um ihre konzeptionelle Rahmung verstanden werden können.
Auf ihrem neuen Album für Ftarri bringen die in Berlin lebenden Quentin Tolimieri und Eric Wong Konzept und Affekt in Einklang: Für die Stücke von »Erasures« verzichten sie auf die integralsten Bestandteile von Musik – melodische, harmonische und rhythmische Progression. Zwar ist Tolimieris Klavierspiel mal lauter und mal leiser, und was Wong in Max/MSP und mit Bluetooth-Speakern macht, erzeugt unterschiedliche Intensitäts-Cluster. Doch das Endergebnis klingt statisch, nicht dynamisch. Es wirkt, als wolle sich diese Musik selbst oder zumindest ihre musikalischen Qualitäten auslöschen. Selbst in seinen üppigsten Moment ist dies der Klang eines Mangels und könnte unter Umständen als Nicht-Musik interpretiert werden. Das hat »Erasures« auf abstrakter Ebene mit Neo-Muzak gemein, konkret gesehen aber bereitet es ein wunderbar unangenehmes Hörerlebnis.
All diese Künstler*innen präsentieren auf unterschiedliche Arten in einer Zeit, in der Deep Listening zur Konsumhaltung geworden ist, Alternativen zu einem Status quo, in dem Musik zum Beruhigungsmittel verkommen ist. So bieten auch sie eine Art von Deep Shit Listening an. Denn obwohl Mattins Konzept davon abhängt, dass Teilnehmer*innen sich in Stille mit ihren unterdrückten Emotionen auseinandersetzen, fordern auch diese Alben dazu heraus, uns mit dem auseinanderzusetzen, was Chacon als »eine Zeit der Krise, eines Notfalls« bezeichnet – hinterfragen sie doch unsere Beziehung zur Musik insgesamt. Versperrt Musik, die Beruhigung stimuliert oder Stille simuliert, nicht unseren Sinn für die düsteren Untertöne unseres inneren Monologs? Brauchen wir stattdessen Musik, die mit ihnen in Kontakt bringt? Musik, die uns daran erinnert, dass die Flucht vor unbequemen Realitäten allzu bequem ist?
Die Musik von Mattin tut das allemal. Neben seiner Arbeit als Solokünstler ist er auch in der Gruppe Al Karpenter aktiv. Deren neues Album »Greatest Heads« wurde gemeinsam von den Labels Night School und Hegoa veröffentlicht und klingt, als hätten sich Ghédalia Tazartès und Scott Walker mit Throbbing Gristle, The Dwarfs of East Agouza und Polwechsel zusammengetan, bevor die Ergebnisse dieser Aufnahmesession der Cut-up-Technik von Burroughs und Gysin unterzogen wurden. Dieses Album ist laut und erratisch, wunderbar psychedelisch und doch voll von Momenten abrupter Ruhe und Introspektion, die umso mehr Verwirrung stiften. Es ist das eindrucksvollste Beispiel für das, worum es in dieser Ausgabe dieser Kolumne ging: unbehagliche Musik.