Es ist fast 21 Uhr und der DJ legt in den letzten Minuten noch einen Zahn zu: Knallender House mit grellen Vocals. Die Tanzfläche ist mäßig gefüllt, denn wer mittwochs ins ://about:blank kommt, möchte eher nach Feierabend im verwinkelten Garten des Clubs bei Sekt auf Eis entspannen. Wenn jemand zum Tanzen aufsteht, stellt das dementsprechend ein umso größeres Kompliment für den DJ dar.
Als der letzte Track verklingt, applaudieren etwa ein Dutzend Leute. Nichts an dieser Szene ist außergewöhnlich, vor allem nicht in dieser Stadt. Und doch ist sie aus einem anderen Grund ungewöhnlich, oder besser gesagt ungewöhnlich gewöhnlich. Womöglich weiß im Publikum niemand, dass hier alle gerade Inklusion leben – dass der DJ ein Mensch mit Behinderung ist, und dass das wiederum gerade keine Rolle spielt.
Der DJ ist Mitglied des Workshop-Programms IckMachWelle, das 2018 vom Team des Berliner Labels KilleKill und dem Krake Festival ins Leben gerufen wurde. Daraus sind gut ein Dutzend Musik-Acts hervorgegangen. Sie haben Platten veröffentlicht und sind auf Festivals aufgetreten, bei denen – wie hier und jetzt – kaum jemand ahnen konnte, dass die Band auf der Bühne inklusiv ist, also Menschen mit und ohne Behinderung zusammenbringt.
Mit dem Spaceship hat Berlin schon lange eine inklusive Techno-Reihe, IckMachWelle baute darauf auf und geht so eines der zentralen Probleme an, mit dem Menschen mit Behinderungen konfrontiert sind: soziale Ausgrenzung. Verschärft wird sie durch fehlende finanzielle Mittel. 1,46 Euro pro Stunde beträgt der durchschnittliche Stundenlohn in sogenannten Behindertenwerkstätten. Teilhabe ist so nicht leistbar.
An diesem Abend scheinen solche Hürden schlicht nicht zu existieren. Hier finden ein paar Fremde zueinander, vereint durch die Liebe zu knallendem House mit grellen Vocals, ausgewählt von einem DJ, der einfach seinen Job macht. Genau deshalb legt IckMachWelle den Fokus auf Musik: Sie kann individuelle Momente der Inklusion ermöglichen, die eines Tages in kollektivem gesellschaftlichen Fortschritt münden könnten.
Ich muss an die Szene denken, als das nächste einer scheinbar endlosen Flut von Soloalben in meinem Postfach landet, »I Alone« des in Berlin lebenden Elektronikmusikers Andrea Taeggi. Im Titel drückt sich die triste Realität vieler Künstler*innen aus, die allein aus wirtschaftlichen Gründen dazu angehalten sind, alleine zu arbeiten und sich selbst zu vermarkten. Ist in einer solchen Kultur der Atomisierung sozialer Fortschritt möglich?
»I Alone« problematisiert eben jene Kultur, die auch eine der Exklusivität ist. Und obwohl die rhythmisch anspruchsvollen Mikro-Grooves und komplexen Harmonien und Melodien in reiner Stimmung nicht für alle zugänglich sein mögen: Taeggi erinnert daran, dass diese und jede andere Musik an alle gerichtet ist: »I alone am dull«, heißt ein Track, »I alone don’t know« ein anderer. Er beharrt darauf, dass kein Mensch eine Insel ist.
Taeggi scheint Archipele vorzuziehen. »I Alone« ist nicht auf Vinyl oder CD, sondern als Set von Postkarten erhältlich. Die Symbolik ist frappierend: Es handelt sich um Medien, die es Menschen ermöglichen, über Distanzen und Differenz hinweg miteinander in Verbindung zu treten. So soll Musik geteilt werden – gemeinsam, als inklusive Geste. Gilt vielleicht Ähnliches für die Soloalben in meinem Postfach? Handelt es sich auch um Postkarten?
»alternative conditions« von Nicholas Bussmann etwa ist eine neue EP mit vier ebenso eigensinnigen wie melancholischen Klavierballaden. Per Gesang sprechen sie das Publikum direkt an, beziehen es in Bussmanns Innenwelten ein. Auch Quentin Tolimieri setzt in den zwölf Stücken der Dreifach-CD »Monochromes II« das Klavier ein, nur dass der Komponist und Impro-Musiker dabei seine Stimme nicht erhebt.
Doch selbst wenn Tolimieri wie im Opener »16a« auf einer einzigen Taste herumhämmert, erschließt diese drastische rhythmische und tonale Reduktion weitreichende klangliche Potenziale – vor allem in den Köpfen seines Publikums. Der Gitarrist Olaf Rupp bietet auf »Fuzzy Logic« auf Palilalia ebenso viele Entdeckungen zwischen den Tönen. Dafür greift er auf Impro-Methoden und konventionellere Rock-Strukturen zurück.
Die Pressemitteilung zu »Fuzzy Logic« zitiert Rupp folgendermaßen: »Die Echtzeitmusik-Menschen werden sich über all die Moll-Akkorde beschweren, die Indie-Rock-Fans werden kopfschüttelend nach dem Beat suchen.« Das heißt keineswegs, dass er nicht Postkarten hin und her schickt mit jemandem wie Han-earl Park, dessen »uᴉɐƃ∀ ʍǝN sI plO sI ʇɐɥM« mit dem augenzwinkernden Titel »All the Wrong Notes« beginnt.
In den 18 Stücken ist das Spiel des biegungen-Mitveranstalters oft komplex und rasant, bietet dem Publikum aber ebenso Verschnaufpausen – Park will herausfordern, nicht überwältigen. So auch Federico Perottis »Quadro« für Feral Note. Diese kunstvollen Orgelstücke zollen unterschiedlichen Traditionen Tribut: Sie ehren die Geschichte des Instruments und greifen zugleich auf Techniken aus der Drone- und Minimal Music zurück.
Mit der Basilica di San Sisto in Piacenza, wo »Quadro« aufgenommen wurde, spielt der Raum in Perottis Werk eine zentrale Rolle. Dies gilt umso mehr für »Faint Light Blackens« von Henrik Munkeby Nørstebø. Dieses bei Psychic Liberation erschienene elektroakustische Werk für Solo-Posaune wurde in der Osloer Tomba Emmanuelle aufgenommen und nutzt deren Resonanz ausgiebig, wodurch das Mausoleum zur Klangkomplizin wird.
Nørstebø ist allgemein ein versierter Kollaborateur. In der Vokalistin Audrey Chen hat er eine menschliche Mitstreiterin gefunden, die mehr-als-menschliche Klänge zu erzeugen vermag. Die beiden arbeiten als Duo unter dem Namen Beam Splitter zusammen und organisieren die inhärent inklusive Veranstaltungsreihe Dedicated Play, in deren Rahmen sie mit Künstler*innen aus unterschiedlichen Diasporen zusammenarbeiten.
»Dedicated Play – Live at Morphine Raum« auf Tripticks Tapes versammelt verschiedene Live-Aufnahmen – zehn auf Kassette, 18 in der digitalen Version –, die zwischen 2022 und 2023 im Berliner Morphine Raum mit Gästen wie Elaine Mitchener und Mariam Rezaei, Mieko Suzuki, Hugo Esquinca oder Pak Yan Lau entstanden sind. Und natürlich enthält dieses Gemeinschaftswerk auch eine 19-minütige Gruppenimprovisation.
»BEYOND FINE LINES« ist ein weiteres Album, das mit unkonventionellem Gesang aufwartet: Sainkho Namtchylak vermittelt seit langem zwischen traditionellem tuwinischem Kehlkopfgesang und erweiterten Avantgarde-Techniken. Im Elektroniker Mirco Magnani hat sie einen Gleichgesinnten gefunden, der ihren ausdrucksstarken englischsprachigen Sprechgesang in dichten, düsteren Klanglandschaften inszeniert.
Ein freundlicheres und noch persönlicheres Gemeinschaftswerk ist »Westend« des Duos Päfgens. Dieser wie unter Wasser klingende Lo-Fi-Shoegaze-Folk ist sowohl dem gemeinsamen Sohn gewidmet – in welchem Teil Berlins der geboren wurde, dürfte klar sein – als auch Filip Drábeks Großmutter, die in Form einer kurzen Sprachaufnahme zu hören ist. Auch dieses Album schickt Postkarten durch den Raum und sogar die Zeit.
Als Kr-Krr haben Nathalie Forget und Gilles Aubry ebenfalls einen Dialog zwischen den Epochen oder besser gesagt deren Klangtechnologien in Gang gesetzt. »Nebulage« basiert auf dem Zusammenspiel zwischen ihrem Ondes Martenot und seinem Modular-Synthesizer sowie Max/MSP, worin er ein gespenstisches Double von Forgets Instrument geschaffen hat. Das Ergebnis ist ein wunderbar komplexes, atmosphärisch reichhaltiges Album.
Wie »Nebulage« basiert auch »Hallitusvastane Puhastus« auf Improvisation. Das auf dem Berliner Label I Shall Sing Until My Land Is Free erschienene Album dokumentiert ein Zusammentreffen der Duos Bad Groupy (Kris Kuldkepp und Jeff Surak) und Pink Twins (Juha Vehviläinen und Vesa Vehviläinen), die sich zwischen Noise, Industrial und Drone einen gemeinsamen Raum erschließen. Das Ergebnis ist ebenso fordernd wie faszinierend.
Dem stilistisch verwandt ist das Debüt von Dog Plug: »Dog Plug كلاب البطّاريّة«. Mazen Kerbaj an Trompete, Crackle-Synth und anderen Instrumenten, Tony Elieh an Bass und Elektronik sowie Keyboard-Virtuose Maurice Louca zeigen sich von elektronischsten, krachigsten und verspieltesten Seite. Eliehs mit dem Schlagzeuger Burkhard Beins als Duo Zone Null veröffentlichte Album »Phase I« verfolgt hingegen einen abstrakteren Ansatz.
Neben Emilio Gordoa ist Beins auch Mitglied eines von Mariá Portugal gegründeten Trios, das lediglich »EROSÃO« auf die Bühne bringen sollte. Es landete dann doch im Studio und nahm »EROSÃO PERCUSSION TRIO« auf, das nun bei den Berliner Labels Kassiani und Fun in the Church veröffentlicht wurde. Diese komplexen und doch treibenden Stücke setzen auch Portugals Gesang ein – sparsam und genau deshalb umso wirkungsvoller.
Margareth Kammerers Stimme spielt auf »The Garden« eine zentralere Rolle. Die zwischen 2007 und 2019 aufgenommenen Stücke entstanden gemeinsam mit Größen der Berliner Szene, darunter Axel Dörner, Bernd Jestram oder Valerio Tricoli. Aufgrund von Kammerers Wurzeln im Jazz, ihrer Affinität zu folkloristischen Formen und den italienischen Texten erinnern die intimen Lieder bisweilen ein wenig an »Lucciole« von Silvia Tarozzi.
Die Verbindung zwischen Judith Hamann und James Rushford ist noch offensichtlicher – die beiden haben schon oft zusammengearbeitet. »Midmeste« ist ihr verspätetes Debüt als Duo. Der mittelenglische Titel bezeichnet passenderweise einen Mittelpunkt: Die Cellistin und der Organist finden in diesen zwei ausladenden Kompositionen mühelos eine gemeinsame Basis und lassen das Miteinander ihrer Klangsprachen sich langsam entfalten und entwickeln.
»The Sound of Difference and Connection« folgt einem ähnlichen Ansatz. Komponiert wurde das Album von Maya Dunietz mit dem Solistenensemble Kaleidoskop und basiert auf dem Prinzip der Kombinationstöne, wenn also aus zwei Tönen ein dritter entsteht. Auf dieser konzeptionellen Grundlage entsteht ein ungemein facettenreiches Album – wer, wie ich, nie genug vom ersten Teil von Xenakis’ »Metastasis« bekommen kann, wird es lieben.
Auch »Green Prism: music by Keith Tippett« basiert auf der Komplizenschaft von Komponist und Interpret*innen. Hilary Jeffery nutzte ursprünglich für sein Trio Zinc & Copper geschriebene, aufgrund von Tippetts Tod im Jahr 2020 aber unvollendet gebliebene Stücke als Ausgangsmaterial für sich und eine Reihe von Musiker*innen, darunter Julie Tippetts, um dem einflussreichen Pianisten Tribut zu zollen.
Auf einer neuen Benefiz-Compilation des Berliner Labels Shameless Rocks sind noch andere Arten von Echos zu hören. Die Erlöse kommen dem Gaza Children’s Fund und HEAL Palestine zugute, die Compilation trägt den Titel, korrekt, »ECHOES«. Die Beteiligten – darunter aus Berlin Biliana Voutchkova, Marta Zapparoli und Michael Thieke – konnten die Aufnahme einer klanglichen Protestaktion neu bearbeiten oder auf sie reagieren.
Bis auf wenige Ausnahmen umfasst diese exzellent von Boris Hauf und Angélica Castelló kuratierte Compilation vor allem Beiträge von Solist*innen, die gewissermaßen gemeinsam einsam arbeiten: Sie senden Postkarten nach Gaza, aneinander und an ihr Publikum. Das unterstreicht, dass einzelne Kunstwerke und ihre Macher*innen stets im Dialog mit der Welt stehen – was mich zu jenem einen Abend im ://about:blank zurückbringt.
IckMachWelle sammelt derzeit ebenfalls Spenden – für sich selbst. Nachdem das Projekt bisher durch verschiedene Fördermittel finanziert wurde, sind diese im März versiegt. Und obwohl eine weitere Förderung bewilligt wurde, deckt diese nicht die Miete für Büro und Studio. Über GoFundMe und durch die Erlöse der Compilation »Superbrains Vol. 2« versucht IckMachWelle, das eigene Überleben zu sichern.
Postkarten werden IckMachWelle nicht retten. Doch wenn wir aus all diesen Alben etwas mitnehmen können, dann dass selbst Solist*innen nie Solipsist*innen sind: Sie wollen andere in ihr Schaffen einbeziehen und ebenso von ihnen einbezogen werden. Genau deswegen ermöglicht Musik individuelle Momente der Inklusion, die eines Tages in kollektivem gesellschaftlichen Fortschritt münden könnten. Das gilt es zu bewahren.