Aus dem letzten Loch pfeifen

Ein Interview mit Marion Wörle und Maciej Śledziecki von gamut inc

10. September 2025 | Lisa Benjes

Christoph Voy
©Christoph Voy

Aus der Faszination heraus, Territorien zu erkunden, die für Menschen unzugänglich sind, gründeten Marion Wörle und Maciej Śledziecki 2011 das Ensemble gamut inc. Seitdem widmen sie sich der Entwicklung von Musikmaschinen – von motorisierten Cabasas über automatisierte Akkordeons bis hin zu sinuswellenbetriebenen Trommeln. Die Begegnung mit der computergesteuerten Orgel war schließlich wegweisend für das Duo. Sie eröffnete nicht nur neue klangliche Möglichkeiten, sondern macht den Raum selbst zum aktiven Klangpartner. Das Duo, dem es von Anfang an um die Verbindung von elektronischer und instrumentaler Musik ging, sah sein Bedürfnis nach musikalischem Ausdruck perfekt erfüllt. Besonders reizt sie die Herausforderung, die historisch und architektonisch beeindruckende Orte mit ihrer eigenständigen Akustik stellen und die ein intensives Auseinandersetzen mit Klangphysik und Raumwirkung verlangen.

Am kommenden Samstag, den 13. September eröffnet das Duo gemeinsam mit Mads Kjeldgaard und Claire M Singer den Monat der zeitgenössischen Musik in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. field-notes-Redakteurin Lisa Benjes sprach mit Marion Wörle und Maciej Śledziecki über das Eröffnungskonzert, aktuelle Bewegungen in der Orgelmusik und die Frage, ob Pfeifen und Publikum das Konzert unbeschadet überstehen werden.

Am Wochenende begeht ihr schon die fünfte Ausgabe des Aggregate-Festivals. Euer Interesse für Orgeln geht aber viel weiter zurück. Wie kam es dazu und was fasziniert euch an dem Instrument? 

Maciej Śledziecki (MS): Als wir das erste Mal 2009 oder 2010 in der Kunst-Station St Peter Köln mit einer modifizierten Orgel gearbeitet haben, war das ein großer Umbruch für uns. Wir haben sofort die Gitarre und die Elektronik zur Seite gelegt und wollten nur noch mit den Orgeln weitermachen. Zu dem Zeitpunkt war die Szene aber völlig undurchdringlich. Obwohl das Projekt in Köln erfolgreich war, war es einfach nicht möglich, damit weiterzumachen. Damals haben wir allerdings einen Instrumentenbauer kennengelernt, der für uns Musikmaschinen gebaut hat, die wir mit auf Tour nehmen konnten. So kam es eigentlich dazu, dass wir uns überhaupt für Musikmaschinen interessiert haben. 

Marion Wörle (MW): Erst 2017 kamen wir wieder auf die Idee der Orgeln zurück. Und in der Auenkirche in Berlin ging dann tatsächlich auch die erste Tür für uns auf. 

 

Könnt ihr das Umfeld der Orgelwelt damals beschreiben? Was hatte sich zu dieser Zeit verändert?

MW: Damals sind wir auf den Orgelpark in Amsterdam aufmerksam geworden. Das war ein Riesenschritt, denn die Utopa-Orgel, die dort mühevoll entwickelt und gebaut wurde, war darauf ausgerichtet, dass man sie vom Computer steuert. Sie wurde 2018 in Betrieb genommen. Damit war das der erste wirkliche Treffpunkt einer Orgelszene, die modern dachte und nicht aus der Kirchenmusik kam. Damals hat uns ein Mitarbeiter der Düsseldorfer Firma sinua, die Orgeln mit dieser modernen Technik ausstattet, auf einem Konzert gesehen und gesagt: »Ihr fahrt jetzt mit uns mit dem Auto direkt nach Amsterdam, ihr müsst die Utopa-Orgel sehen.« Und in derselben Nacht waren wir dann tatsächlich im Orgelpark, haben das Instrument ausprobiert und den Leiter vom Orgelpark, Hans Fidom kennengelernt. Ab dann ergab das eine das andere … 

In dieser Zeit 2017/2018 passierte einiges in der Orgelwelt. Ellen Arkbro war damals eine der ersten Künstler*innen, die neue Impulse für die Orgel setzten. Damals erschien ihr bemerkenswertes Album »For Organ And Brass« (Subtext, 2017) oder »Organ Dirges 2016–2017« (Ascetic House, 2018) von Kali Malone.

MS: Wir hatten vor dem Festival schon die Konzertreihe aus der später das Festival entstanden ist. Die Idee dahinter war einfach: Es gab keine Szene für diese Art von Musik. Also haben wir selbst eine geschaffen, indem wir Künstler*innen eingeladen haben, die wir spannend fanden. Heute ist das ganz anders. Inzwischen können wir uns vor Anfragen kaum retten. 

 

Wie sieht die Orgelwelt heute aus?

MS: Gerade bewegt es sich in unterschiedlichste Richtungen. Besonders präsent und beliebt ist natürlich Drone. Gleichzeitig entdecken immer mehr Künstler*innen die Verbindung von Orgel und elektronischer Musik neu und es kommen spannende Impulse aus der experimentellen Popmusik. 

Beim AGGREGATE Festival wird ja dieser Spannungsbogen recht aufgespannt: zum Beispiel in Hanno Leichtmanns OUTERLANDS, das zwischen hypnotischem Minimalismus, Exotik und Andachtsmusik oszilliert, dem meditativen Occam XXV von Éliane Radigue das sie für Frédéri Blondy geschrieben hat oder der Installation ATEM von Sandra Boss, bei ein Dialog zwischen dem Menschlichen und dem Maschinellen entsteht.

MW: Und auch im akademischen Bereich passiert gerade viel. Prof. Dr. Hannes Ritschel wurde zum Beispiel zum Wintersemester 2023/2024 auf eine neu geschaffene Professur für »Orgelkunst – Kreativitätskonzepte – Künstliche Intelligenz« an die Hochschule für Musik Würzburg berufen. 

MS: Und Franz Danksagmüller, ein österreichischer Organist, Komponist und Hochschulprofessor, verknüpft Orgelmusik mit Live-Elektronik – in einigen seiner Werke sogar mit Gehirnwellen-Schnittstellen. Zudem gibt es immer mehr Künstler*innen, die selbst Orgeln bauen. Adrian Foster, ein Organist in Montréal, hat zum Beispiel eine Orgel gebaut, die nur einen einzigen Ton hat, aber dafür alle Obertöne von diesem einen Ton. Das bedeutet: Es gibt ganz viele Pfeifen und unterschiedliche Klänge, aber alles basiert auf nur einem Ton. Auch wir arbeiten gerade an einer neuen Orgel, die allerdings zum Festival noch nicht fertiggestellt sein wird. Das wird ein mit Tony Decap entwickeltes Instrument, bei dem der Winddruck jeder Pfeife individuell gesteuert werden kann. Das ist eine immense Innovation im Orgelbau – sonst sind ja Orgeln immer nur ein oder aus. 

Bereits in den vergangenen Jahren haben wir mehrere Konzerte gegeben, die sich über verschiedene Kontinente erstreckten. So haben wir zum Beispiel von Kyoto aus Orgeln in Amsterdam und in Schweden gespielt und das in Zusammenarbeit mit Kolleg*innen an anderen Orten. Auf diese Weise kann man ganz neue Netzwerke bilden. Einer der größten Orgelbauer in Österreich, die Firma Rieger, stattet mittlerweile alle ihre Instrumente mit Netzwerkanschlüssen aus. Dadurch kann nicht nur das Spielgeschehen in Echtzeit beobachtet werden, sondern es sind auch Updates und Wartungen möglich. 

MW: Diese explosionsartige künstlerische Entwicklung ist auch einem Generationswechsel unter den Organist*innen zu verdanken. Mit dieser neuen Generation ist plötzlich eine ganze Welt aufgegangen, weil die alle mit den Computern sozialisiert sind. An der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche begegnete uns zum Beispiel Sebastian Heindl sofort mit großer Offenheit und Interesse. Ein weiteres Beispiel ist Marcel Andreas Ober, der aktuelle Domorganist der Sankt-Hedwigs-Kathedrale, der 2020 seine Stelle antrat und ebenfalls sehr interessiert an den neuen Entwicklungen ist. Die Organist*innen sind ein sehr wichtiger Dreh- und Angelpunkt in Bezug darauf, ob die Türen aufgehen oder nicht. Das ändert vieles.

 

Bisher lag euer Fokus auf rein automatisierter Orgelmusik. Am Samstag präsentiert ihr erstmals ein Werk, für das ihr mit einem Organisten – mit Sebastian Heindl, Organist und seit März 2023 Kirchenmusiker der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, zusammenarbeitet. Wie kam es dazu und wie lief diese Zusammenarbeit bisher?

MS: Das ist total interessant, weil wir ja über die Jahre eine Klangsprache mit verschiedenen Clustern und Akkorden entwickelt haben, die so auf der Orgel nicht spielbar sind. Und jetzt versuchen wir, die einem Organisten zu geben, damit er die spürbar macht. Wenn er auf die Tasten drückt, passieren Dinge im Computer, die wiederum in die Orgel zurückgeschickt werden. Er spielt in gewisser Weise in unserer Klangsprache, aber die Formen bildet er selbst, indem er improvisiert. Das Live-Spielen bringt auf einmal ganz andere Herausforderungen mit, als wenn man vorher schon alles geplant hat. Der Klang wird schnell sehr voll und man merkt auch den kinetischen Spaß, den er daran hat. Er ist ja an sich schon ein sehr virtuoser Organist und dann kommt auch noch diese Hypervirtuosität dazu. 

 

Zur Eröffnung des Monats der zeitgenössischen Musik sind neben euren Werken auch Mads Kjeldgaard und Claire M Singer zu hören. Wie seid ihr auf die beiden gekommen und was erwartet uns?

MW: Für uns ist es wichtig, den Abend stets als ein Ganzes zu begreifen. Dabei versuchen wir, unterschiedliche Facetten der Orgel zu zeigen. Mads Kjeldgaard nähert sich der Idee eher algorithmisch. Im Gespräch über sein Stück wurde schnell deutlich, dass er den Ansatz über Arpeggien wählen und ein relativ kurzes, rhythmisch geprägtes Werk präsentieren würde. Ganz anders dagegen Claire M Singer: ihren Zugang könnte man cineastisch bezeichnen, stärker in Richtung Drone angelegt. Von Beginn an war klar, dass sie den Abend beschließen würde mit einem längeren Set, das diese Klangwelt entfaltet. Mit Sebastian kam in der Verbindung von Computersystem und Live-Improvisation noch einmal eine weitere Farbe in den Abend.

 

Mads Kjeldgaards Stück »Hyphal« wird am Samstag uraufgeführt. Wie schreibt er für eine Orgel, die er eigentlich nicht kennt?

MW: Mads bereitete das Stück während einer Residenz im Süden Frankreichs vor und nutzte dafür die Software Organtec. Mit solchen Programmen, vergleichbar mit Hauptwerk, lassen sich komplexe Orgeln am Computer simulieren. Auf diese Weise steht eine virtuelle drei- bis viermanualige Orgel zur Verfügung, die das Komponieren und Erproben von Ideen ermöglicht, ohne vor Ort am Instrument sein zu müssen. Dann kommt man an einen Ort und alles, bei dem man gedacht hat, das wäre langweilig, ist auf einmal total toll, weil es zehn Mal besser klingt, wenn man die Orgel und die Pfeifen dann richtig hört.

In dieser Festivalausgabe seid ihr in der Kapelle der Versöhnung, in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche oder in der frisch renovierten Sankt Hedwigs-Kathedrale. Inwiefern spielt die Bedeutung der Orte für euch eine Rolle und wie beeinflussen die räumlichen Gegebenheiten die Komposition?

MW: Wir sind natürlich total dankbar, dass wir diese außergewöhnlichen architektonischen Orte nutzen dürfen, dass die Gemeinden und die Organist*innen so offen sind. Unsere Arbeit wird sofort raumspezifisch, weil keine Orgel der anderen und kein Raum dem anderen gleichen. Für uns bedeutet das immer wieder Umarbeiten und etliche Nachtsessions. 

MS: Dann setzen wir uns dorthin, wo normalerweise das Publikum sitzt fast wie Tonmeister oder der FOH und hören genau hin und richten dann raumspezifisch ein. Auf die Geschichte oder die Spiritualität der Orte gehen wir hingegen eher nicht ein. Bevor die Orgel eng mit der Kirche verknüpft war, gibt es eine lange Vorgeschichte von etwa 2000 Jahren, in der die Orgel vor allem für ganz andere Arten von Musik eingesetzt wurde. In dieser Zeit stand sie weniger für liturgische Zwecke, sondern eher für ekstatische, expressive Musik, die oft jenseits kirchlicher Konventionen angesiedelt war.

 

Die Uraufführung von Ligetis Orgelwerk »Volumina« im Bremer Dom musste 1962 abgesagt werden, nachdem bei einer Probe in Göteborg einen ein Schwelbrand ausgebrochen war. Und einige Jahre später brannten in der Französischen Kirche in Bern sämtliche Sicherungen durch als der Organist Guy Bovet »Volumina« übte.  Über die Midi-Steuerung spielt ihr mehr Pfeifen bei einem Konzert als bei traditionellem Orgelspiel in einem ganzen Jahr gespielt werden. Müssen wir uns auf etwas gefasst machen bei der Eröffnung?

MW: Ich hoffe nicht. Wir haben aber auch schon Sicherungen gesprengt. Allein die Proben mit Sebastian waren so unglaublich. Was da losgeschleudert wurde … 

MS: Es ist aber schon so, dass wir schon immer gucken, dass man nicht die Grenze überschreitet. Zwar gibt es ein paar Sachen, die tatsächlich kritisch sind, wie schnelle Registerwechsel, aber das meiste, was wir spielen ist überhaupt kein Problem für eine Orgel. Das sind Elektromagnete, die halten das locker aus. Wir sind ganz guter Dinge.

 

Ihr eröffnet den Monat der zeitgenössischen Musik, danach folgen vier weitere Wochen mit Konzerten, Performances und Klanginstallationen. Welche Veranstaltungen werdet ihr besuchen?

Wir freuen uns sehr auf den Monat der zeitgenössischen Musik und haben uns bereits einige Veranstaltungen ausgesucht, die wir besuchen möchten. Dazu gehören unter anderem:

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