Die Dauer einer Zugehörigkeit. Das Solistenensemble Kaleidoskop und »Love:15«

Das Solistenensemble Kaleidoskop feiert 15. Geburtstag und das nicht allein: Bei der Veranstaltung »Love:15« finden jeweils acht Mitglieder mit Choreograf*innen zusammen, um Unterschiede offenzulegen und Weichen für die Zukunft zu stellen. Um die kleinstmöglichen künstlerischen Utopien also, wie Boram Lie und Volker Hormann im Interview mit field notes erklären.

Das Solistenensemble Kaleidoskop wurde 2006 ins Leben gerufen. Welcher Mangel sollte damit behoben werden?

Volker: Vor allem geschah es aus einer Lust heraus. Gründer Michael Rauter sagt immer so schön: »Wir wollten gerne Konzerte machen, in die wir selbst gerne gehen würden.« Das war das Leitmotiv von Michael und Julian Kuerti. Sie vermissten ungewöhnliche Kombinationen, Experimente und bewusste Brüche mit Konventionen. Denn genau darauf hatten sie Lust. Dafür haben sie zuerst Freund*innen für Konzerte abgefragt. Die Idee eines Ensembles stand nicht dahinter, aber zur Veranstaltung von Konzerten braucht es eine Rechtsform. So ist Kaleidoskop entstanden.

Dass dem Namen der Begriff des Solistenensembles vorangestellt wird, ist in der Theorie einleuchtend – die Praxis sieht bisweilen aber anders aus. Wie würdet ihr euer Selbstverständnis dahingehend beschreiben?

Volker: Das Wort stammt aus der Gründungsphase des Ensembles als Kammerorchester, in dem einzelne in einem ganz klassischen Sinne solistische Funktionen übernehmen. Als wir uns im Laufe der Zeit gewandelt und immer weiter geöffnet haben, wurde die Frage nach dem Namen wieder aufgeworfen. Aber die Absurdität des Namens hat uns gefallen, diese Reibung zwischen seinen zwei Bestandteilen.

Boram: Die Themen, die uns immer noch beschäftigen, stecken weiterhin drin: Wie lässt sich eine Gemeinschaft bilden, deren Mitglieder darüber ihre Identität nicht verlieren? Der Name erinnert uns daran, dass wir seit unseren Anfängen versuchen, diesen Widerspruch in uns zu vereinen.

Die Frage der Gemeinschaft ist eng verknüpft mit dem Themenkomplex der Zusammenarbeit. Ihr habt von Anfang viel interdisziplinär mit Künstler*innen aus sehr verschiedenen Bereichen kollaboriert. Warum ist euch das ein Anliegen?

Volker: Michael suchte nach Möglichkeiten, die Dinge anders zu machen als gewohnt. Wir alle wünschen uns Herausforderungen – das, was wir noch nicht kennen und können. Es geht um die Diskrepanz zwischen sehr hoher musikalischer Professionalität und einem gewissen Dilettantismus. Denn wir eignen uns Dinge an, die wir eben noch nicht können und stehen dann relativ schutzlos auf der Bühne - bisweilen geht das in die Hose. Das war nicht immer einfach. In unserer ersten szenischen Kooperation mit der Künstlerin Aliénor Dauchez kam es darüber zu Auseinandersetzungen. Es kam ein Abend dabei heraus, der uns sehr geprägt. Plötzlich tat sich ein Tor auf – was nicht alle von uns in dem Moment erkennen konnten. Immer wieder haben solche Konflikte etwas ausgelöst und Prozesse angestoßen, die uns weitergebracht haben. Es ist, als würde man einen riesigen Berg besteigen: Zuerst kommt die Angst, es nicht zu schaffen, dann aber die tolle Aussicht. Beim Weg bergab stellt sich das Gefühl ein, dass die Grenzüberschreitung es wert gewesen war. Manche dieser Berge waren höher als andere. Das lag daran, dass wir einiges schon konnten und anderes nicht, teilweise aber auch an einem Mangel an Ressourcen. Die Regisseurin Sabrina Hölzer hat sich für unser gemeinsames Projekt einen Chor gewünscht, aber das gab das Budget nicht her. Und so haben wir angefangen, zu singen, und haben das in nachfolgenden Produktionen dann wieder gemacht und fortgeführt

In eurer Selbstbeschreibung heißt es auch, dass die Auseinandersetzung mit dem Körper weiter in den Fokus gerückt sei. Hat das rein aufführungspraktische oder aber auch inhaltliche Gründe?

Boram: Wir haben durch die vielen Kollaborationen gelernt, was es heißt, Musiker*in zu sein, ohne Instrumentalist*in zu sein. Unser Handwerk zeichnet uns aus, steht uns aber auch sehr oft im Weg. Die Einengung auf das Instrument hat uns lange beschäftigt und genauso die Frage, wie wir nach all diesen performativen Erfahrungen zurück zum Spiel zu finden. Der Choreograf Laurent Chétouane war in dieser Hinsicht sehr wichtig. Mit ihm haben wir eine sehr sensible Erfahrung für den Raum und den darin befindlichen Körper gehabt. Das auf unsere Praxis zu übertragen, war eine einschneidende Erfahrung, zugleich aber auch der Beginn einer Krise. Als Gruppe wollten wir mehrere Schritte nach vorne gehen, fühlten uns aber blockiert. Denn wir werden immer noch als Streicherensemble wahrgenommen. Es hat lange gedauert, bis wir das Selbstbewusstsein entwickelt hatten, um zu sagen: Wir sind auch ohne Instrumente das Solistenensemble Kaleidoskop. Das war ein Wendepunkt. Danach wurden wir mit anderen Augen gesehen und konnten uns auch selbst mit anderen Augen sehen.

Der Begriff der Krise ist ein gutes Stichwort: So eine durchleben wir seit zwei Jahren. Wie hat sie sich auf euch ausgewirkt?

Volker: Die Pandemie war für uns bisher ein zweischneidiges Schwert. Wir alle kennen die Konsequenzen und schweren Schicksale, die damit einhergehen. Auf der einen Seite ist es total bescheuert, nicht auftreten und uns vor einem Publikum ausprobieren zu können. Auf der anderen Seite brachte die Pandemie auch eine Zäsur mit sich und wir konnten genauso arbeiten, wie wir uns das immer gewünscht hatten. Plötzlich war es möglich, Recherchearbeit zu machen, ohne Projektdruck zu haben oder mit Erwartungen konfrontiert zu sein. Entwicklungsarbeit, ohne den Druck von Aufführungen mit zu knappen Probezeiten. Wir konnten diese Chance nutzen, um Dinge zu entwickeln oder weiterzuentwickeln, für die zuvor nie Zeit gewesen war.

Boram: Vor der Pandemie hatten wir unsere größte Krise und wussten nicht mehr, wie wir weitermachen sollten. Der Stillstand gab uns die Zeit, uns zum ersten Mal seit langer Zeit zu sortieren. Zuvor befanden wir uns im Produktionshamsterrad, nun aber konnten wir eine Vision entspinnen: Was wollen wir eigentlich mit dem Ensemble, was interessiert uns wirklich? Aktuell macht es mir fast ein bisschen Angst, dass bald alles wieder beim Alten sein könnte. Denn nach zwei Jahren gewöhnt man sich daran, mehr Zeit zum Nachdenken zu haben.

Auch mit Hinsicht auf »Love:15« gesprochen: Hat euch dieses Mehr an Zeit auch ermöglicht, auf inhaltlicher Ebene langfristiger zu denken?

Boram: Auf jeden Fall. Wir haben in der Zeit sehr viel Ensemblepflege betrieben, wie wir das immer nennen. Wir hatten sehr viel Kontakt mit allen Mitgliedern, wofür sonst auch immer wenig Zeit da ist. Wir legen mittlerweile verstärkt den Fokus auf Kollaborationen und suchen uns gut aus, mit wem wir in der Zukunft zusammenarbeiten wollen. Die Idee zu »Love:15« existiert bereits seit drei Jahren, die Form hat sich aber immer wieder geändert. Zuerst dachten wir daran, dass die im Zentrum stehenden Duos an verschiedene Projekte andocken. Nun ist daraus aber ein ganzer Abend geworden. Die Zweierkonstellationen, diese kleinstmöglichen Zellen der Kollaboration, zeigen vielleicht, wie wir in Zukunft als Gruppe arbeiten möchten. Was bei der Begegnung zwischen den jeweiligen Perfomer*innen und den Choreograf*innen herauskommt, liegt in den Händen der einzelnen Beteiligten. Nach 15 Jahren sind wir so weit, dass die Ensemblemitglieder ihre eigenen Stücke kreieren. Die Partner*innen, mit denen wir zusammengearbeitet haben, wurden von uns für diese Duos eingeladen, um ein nachhaltigeres gemeinsames Produzieren anzustoßen. Nach drei, vier Wochen Arbeit an einer Produktion ist es für gewöhnlich vorbei. Künstlerische Partner*innenschaften können sich so nicht entwickeln. Wie schön es aber doch wäre, nachhaltiger miteinander zu arbeiten! Innerhalb der Duos lässt sich bereits Angefangenes weiterdenken und aber auch Neues schaffen.

Volker: An dem Abend geht es darum, Offenheit zu zeigen und zu bejahen. Es soll kein abgeschlossenes, fertiges Stück sein. Von dort aus wird es weitergehen.

Interessant daran fand ich, dass die Initialzündung für das Projekt von Alain Badiou kam, genauer gesagt dessen Buch »Lob der Liebe«.

Boram: Die Duette setzen sich mit der Zweierkonstellation auseinander, um die romantische Liebe soll es dabei aber nicht gehen. Ich habe sie deshalb auch lange als Pas de deux bezeichnet. Es geht um den Höhepunkt, wenn zwei Menschen aus unterschiedlichen Welten miteinander tanzen. Badiou hingegen schreibt unter anderem, er interessiere sich mehr für die Dauer als für die Anfänge. Der Gedanke lässt sich auf unsere Arbeit allgemein, aber auch auf die Duoproduktionen übertragen. Irgendwann ist der Zauber des Anfangs verflogen, auch als Ensemble. Unsere Anfangszeiten waren sehr spektakulär, aber unsere eigentliche Qualität als Ensemble musste sich erst in der Dauer verwirklichen. 15 Jahre als Gemeinschaft bestehen zu bleiben, hat viel damit zu tun, dass man an die Dauer einer Zugehörigkeit glaubt. Das ist auch die Utopie, die in den Duos drinsteckt. Es geht nicht darum, zwei Menschen zusammenzubringen, die sich besonders mögen oder miteinander flowen. Auch Badiou sagt, dass nur der Unterschied eine Liebesbegegnung initiieren kann. Ich fand es schön, dass er die romantische Idee der Verschmelzung verneint, bei der es eben nicht um zwei, sondern um lediglich eine Idee geht. Wir haben Duos zusammengestellt, die sich auf den ersten Blick nicht viel zu sagen hätten, aber dann Schritt für Schritt ihre Welt kreierten und zusammenfanden.

Das Stichwort der Utopie ist spannend: Das Projekt hat gewisse politische Implikationen.

Boram: Das hat es, ohne das aber an die große Glocke zu hängen. Es war bei der Zusammenstellung wichtig, Konstellationen zu erstellen, in denen das Politische eine Rolle spielen kann und nicht nur die Emotion im Vordergrund steht. Die politischen Implikationen, die in der Praxis der künstlerischen Partner*innen thematisiert werden, muss aber genauso wie der theoretische Anstoß in der Produktion nicht unbedingt explizit sichtbar werden. Bei der Aufführung soll bitte niemand an Badiou denken! (lacht) Die Frage lautete eher: Wie kann eine Liebeskonstruktion zwischen Klang und Bewegung, zwischen Musik und Tanz aussehen? Denn in dem Fall ist der Unterschied von Anfang an da, der muss gar nicht erst gesucht werden. Mit Badiou ließe sich sagen: Wir feiern den Unterschied und nicht die Gleichheit. Doch wie kann man das andere zulassen, ohne sich selbst zu verlieren? Obwohl wir uns als Gemeinschaft verstehen? So können mehrere Stücke eine Utopie der Gemeinschaft trotz Andersheit formulieren.

Inwiefern spielt das Publikum dabei eine Rolle?

Boram: Eine richtige Interaktion ist derzeit leider nicht möglich. Trotzdem wird es zwei verschiedene Arten von Bühnensituation geben und damit auch zwei verschiedene Weisen, sich den Duos nähern zu können.