Das Miteinander von Morgen: Perspektiven für kulturschaffende Praxis

Das Miteinander von Morgen: Perspektiven für kulturschaffende Praxis | Andrea Goetzke

Die Pandemie erzwang ein Umdenken der tradierten gemeinschaftlichen Prozesse, bot für Andrea Goetzke aber auch die Gelegenheit, ihre Tätigkeit als Kuratorin und Kulturproduzentin zu überdenken. Ausgehend von drei von ihr begleiteten Projekten reflektiert sie über fokussierte Begegnungen, offene Prozesse und wie sich kulturschaffende Praxis in Zukunft langfristig gestalten ließe.

Als größere Versammlungen und damit auch Konzerte und Kulturveranstaltungen durch die Pandemie unmöglich wurden, hat mich das zum Nachdenken gebracht: Was bedeutet eigentlich kulturschaffende Praxis? Was wollen wir mit dem, was wir machen, erreichen? Und können wir das auch auf andere Art und Weise tun, wenn sich Rahmenbedingungen ändern? Ist die Performance vor einem möglichst großen Publikum auf einer Konzertbühne oder auf dem Dancefloor das, was musikalische Praxis im Kern will und ausmacht?

Viele werden diese Frage mit einem Ja beantworten und das ist ja auch in Ordnung. Aber: Aufmerksames Hören, das gemeinsame Erlebnis von Musik, ein durch Musik vermitteltes Kennenlernen untereinander, ein Nachspüren der Musik und die Reflexion über sie, ein Unterwegssein auf demselben musikalischen Vibe – wie können wir dies alles weiterhin ermöglichen? Oder wie können wir vielleicht auch einmal andere Aspekte musikalischer Praxis in den Vordergrund rücken? Mit diesen Formaten zu experimentieren, war ein interessanter Lernprozess.

Drei Beispiele gemeinschaftlicher künstlerischer Praxis

Im Folgenden möchte ich drei Projekte skizzieren, die ich während der Pandemie begleitet oder veranstaltet habe.

Im Rahmen des Programms »COLLECTIVE PRACTICES« am ACUD macht Neu haben wir mit der Musikerin Lyra Pramuk zusammengearbeitet und eine achtmonatige Ausgabe ihrer Reihe »Zusammen Zuhören« veranstaltet. Dieses Format hatte sie vor der Pandemie bereits etabliert. Wir haben in »Zusammen Zuhören« die Möglichkeit für eine kollektive musikalische Praxis gesehen, die auch im Online-Space zwischen den teilnehmenden Personen eine körperliche Verbindung schaffen kann, vermittelt durch die Musik. »Zusammen Zuhören« ist eine Musik-Listening-Gruppe, an der rund zehn Personen für drei Stunden teilnehmen. Jede Person bringt einen Song oder Track mit, der ihr etwas bedeutet. Wir hören gemeinsam die Musik, ohne zu wissen, wer den Song mitgebracht hat und um welchen Song es sich genau handelt. Danach tauschen wir uns über die Hörerfahrung aus. Ein ganz einfaches Konzept, das sowohl Erkenntnisse zu kollektiver Praxis als auch die Auseinandersetzung mit Musik ermöglichte. Es war immer wieder bemerkenswert zu erleben, wie während jeder Listening-Session die Teilnehmenden miteinander durch den Austausch über ihre verschiedenen Arten zu hören, Nuancen in der Musik und Assoziationen dazu wahrzunehmen, eine kollektive Hörpraxis entwickelt haben. Jede Session war immer wieder unterschiedlich und geprägt durch die Teilnehmenden, ihre Musikauswahl und ihre ganz eigene Art, Musik zu hören. Das Format förderte ein offenes Einlassen auf die Musik, da ja alle wussten, dass jeder Track einer Person in der Runde etwas bedeutete. So habe ich auch, selbst wenn ein Track mir spontan nicht so gefiel, immer noch ein weiteres Mal überlegt, was eine Person daran als schön oder besonders empfinden könnte.

Ebenfalls als Teil von »COLLECTIVE PRACTICES« haben wir im Sommer 2020 im Freien und mit Abstand die »Xoir«-Sessions des Musikers Colin Self veranstaltet. Auch dieses Format praktiziert Colin Self schon seit Jahren und wir haben es als weitere Form gemeinschaftlicher musikalischer Praxis beziehungsweise musikalischer Praxis, die Erkenntnisse über Gemeinschaft ermöglicht, eingeladen. Bei »Xoir« handelt es sich um offene Vocalizing-Übungen, in denen Teilnehmende über die Stimme in Austausch und Gemeinschaft treten. Neben traditionellen Chorelementen mit festgelegten Songs bietet »Xoir« ein sehr offenes Format, in dem Teilnehmende ihre eigenen Sounds und Stimmen finden und mit denen der anderen in Resonanz bringen. »Xoir« ist, in Colins Worten, als »aspirational« Vocalizing-Praxis gedacht, das heißt jedes Erfahrungsniveau mit Interesse am gemeinsamen Sound kann seinen stimmlichen Platz finden. Die Erfahrung der eigenen Stimme im Kollektiv, das Herausstechen als auch das Einfließen in einen gemeinsamen Sound bedeutete sowohl für teilnehmende Musiker*innen als auch Interessierte ohne vorherige musikalische Praxis eine Übung in kollektiver Praxis. Der Fokus auf den Prozess und den Moment anstatt der Probe für eine Aufführung, die Möglichkeit, im Miteinander ganz unterschiedlicher Stimmerfahrungsniveaus gemeinsam Musik und Sound zu machen, sowie die körperliche Relation zueinander im Raum vermittelt über die Stimme zu erleben, boten für mich interessante Erfahrungen.

In den Sommern 2020/21 habe ich zusammen mit Josephinex Hansis die Reihe »Picnic FM« im Park am ZK/U in Moabit veranstaltet. Die Idee zu »Picnic FM« war direkt aus der Pandemiesituation entstanden: Wie können wir auch mit Abstand und draußen im Park gemeinsam Musik erfahren und wie kann uns Musik auch in einer Distanzsituation im Realraum verbinden und einen gemeinsamen musikalischen Vibe schaffen? »Picnic FM« sendet live und vor Ort DJ-Sets, Performances und moderierte Radioshows im Nahbereich per FM-Transmitter. Das Publikum sitzt auf Picknickdecken verteilt im Park und hört mit Radios zu. So konnten DJs und Musiker*innen weiterhin Musik mit einem Publikum teilen und unter sicheren Bedingungen ein gemeinsames Hörerlebnis mit Begegnungen im Realraum schaffen. Die dezentralen Soundquellen, die Radios, ermöglichen auch ein Nebeneinander im Park von Teilnehmenden und regulären Parkbesuchenden, da der Sound nicht so weit über die eigene Picknickdecke hinausschallt. Durch die Verortung im öffentlichen Raum konnten Zufallsbegegnungen entstehen und der Nachbarschaft in Moabit bot sich die Gelegenheit, beim Parkbesuch neue Künstler*innen kennenzulernen.

Neben den bereits skizzierten Erfahrungen mit den einzelnen Projekten ergaben sich ein paar grundsätzliche Überlegungen.

Kleine Gruppen

Die skizzierten Projekte waren eher in der qualitativen Tiefe als in der quantitativen Breite wirksam. Formate wie »Zusammen Zuhören« funktionieren nur in einem kleinen Personenkreis und auch mit den dezentralen Soundquellen im Park ist nur ein eingeschränkter Radius mit einer begrenzten Anzahl von Radios bespielbar. Alle diese Formate konnten dank öffentlicher Förderung stattfinden. Am Markt, das heißt durch Eintrittsgelder – wo Quantität ja Dinge erst ermöglicht – wären sie nicht realisierbar oder sehr teuer und damit ganz anders gewesen. Solche kleinen Formate sind also einerseits ein luxuriöses Unterfangen, andererseits geben sie – für den Fall, dass mit Fördergeldern gearbeitet werden kann – hierfür wertvolle Ideen.

Es wird in der kulturschaffenden Arbeit oft vom Anspruch des Community-Buildings gesprochen. Inwiefern dies bei Partys oder Festivals tatsächlich passiert, ist sicher sehr unterschiedlich und von verschiedenen Faktoren abhängig. Im Falle der skizzierten kleinen Formate hatte ich den Eindruck, dass die teilnehmenden Personen im gemeinsamen Interesse wirklich füreinander sichtbar wurden. Der Austausch untereinander war nicht wie das, was nach einem Konzert am Tresen passiert, Beiwerk, sondern gehörten zur eigentlichen Darbietung, denn die jeweiligen Perspektiven und Stimmen wurden Teil der gemeinsamen künstlerischen Praxis. Teilweise sind aus den Begegnungen längerfristige Verbindungen entstanden.

An den skizzierten partizipativen Formaten nehmen Personen teil, die schon ein geschärftes und spezifisches Interesse haben und sich auch bereit für eine Teilnahme fühlen. Personen, die bei einer größeren Veranstaltung erst mal nur schauen und sich vorsichtig herantasten wollen, werden sich für solche kleineren Formate eher nicht anmelden. Und sowieso bieten sie für viel weniger Personen Platz. Das heißt die Formate erreichen wenige Leute mit großer Erkenntnis- und Erfahrungstiefe und lassen dabei aber einen großen Personenkreis außen vor.

Daher denke ich, dass sowohl eine qualitativ vertiefte Auseinandersetzung für Interessierte sowie Performances vor einem großen Publikum ihren Wert haben, zudem beides in Programmen miteinander kombinierbar ist. Meist jedoch wird Erfolg an der Größe des Publikums gemessen – doch lohnt es sich meiner Meinung nach, darüber hinaus auch in kleineren Formaten mit fokussierteren Begegnungen und partizipativer künstlerischer Praxis zu denken, wenn das Budget es möglich macht.

Offene Prozesse

Der Fokus der ersten beiden skizzierten Projekte lag eher auf dem partizipativen Prozess als auf einer Aufführung, auf die hingearbeitet wurde. Es ging eher um die gemeinsame Erfahrung und das gemeinschaftliche Machen als um die Perfektionierung eines Projekts. Die beiden ersten skizzierten Projekte öffneten die künstlerische Arbeit für die interessierten Communities und ermöglichten den Teilnehmenden, am künstlerischen Prozess teilzuhaben. Auch »Picnic FM« war eher als Versuchsanordnung denn als perfekte Inszenierung konzipiert.

Einen Fokus auf den Prozess als künstlerische Ausdrucksform zu legen, sowohl mit Interessierten aber auch im Austausch mit anderen Künstler*innen und Musiker*innen, bietet in meinen Augen viel Potenzial. Dazu fallen mir weitere Diskussionen und Beispiele ein, etwa ein Gespräch von Künstler*innen der Gruppe »ongoing projects« zu einem partizipativen Hip-Hop-Projekt mit Teenager*innen, in dem die künstlerischen Überlegungen der Jugendlichen, was sie eigentlich teilen und wie sie sich in ihren Texten, Beats und Styles darstellen möchten, im Zentrum der Arbeit stehen.

Vor einer Weile hatte ich ein Gespräch mit Kolleg*in Josephinex zu Räumen für kollaborative künstlerische Prozesse und Experimente. Wenn es um Spielstätten geht, wird dabei vorrangig an den Aufführungsort vor Publikum gedacht. Wie es jedoch zu dieser Aufführung kommt, was in Studios und Proberäumen passiert, fällt in der Musik oftmals in den Bereich des Privaten. Räume zum kollaborativen Ausprobieren und Experimentieren, die wirklich open-ended sein können, die Zweifel und eine gewisse Langsamkeit erlauben, vielleicht auch ohne eine Aufführung und konkretes Ergebnis anzustreben, die aber definitiv Teil eines künstlerischen Prozesses und Werdegangs sind, könnten auch bei Förderungen noch mehr bedacht werden.

Es gibt viel Bedarf für Auseinandersetzung und Austausch, auch in Bezug auf so viele dringende gesellschaftliche Fragen, für die der künstlerische Raum ein Experimentier- und Erfahrungsfeld bieten kann. Partizipative und prozessorientierte Formate, die Künstler*innen untereinander genauso wie mit Teilnehmenden in Austausch bringen, bieten meines Erachtens viel Potenzial, das bei Aufführungen vor Publikum nicht ausgeschöpft wird. Interessant und wegweisend finde ich solche Räume, die auf eine Verschmelzung von Prozess und Aufführung ausgelegt sind, darunter zum Beispiel das Haus der Statistik oder die Floating University.

Langfristige kulturschaffende Praxis

Im »COLLECTIVE PRACTICES« Programm haben wir insgesamt gute Erfahrung mit der Konzeption des Programms als offene Exploration gemacht. Für das achtmonatige Programm standen anfangs auch durch die Pandemiesituation nur wenige Künstler*innen und Projekte fest und wir haben das Programm organisch entwickelt. Dies ermöglichte, dass sich Künstler*innen aufeinander beziehen konnten, dass Projekte durch bereits vorhergehende informiert und inspiriert wurden. Über den begleitenden Open Call haben wir Künstler*innen wie Vidisha-Fadescha und Diana Troya kennengelernt, die das Programm fundamental geprägt haben.

Daraus ergibt sich für mich auch ein Wunsch nach mehr langfristiger Unterstützung von kulturschaffender Praxis statt der Arbeit in kurzen Projekten mit immer wieder neuen, klar umrissenen Anträgen. Die Möglichkeit zum organischen und längerfristigen Arbeiten ermöglicht vielmehr den Aufbau von Beziehungen, gemeinsame Erprobungen und kollektives Lernen, und also die Möglichkeit, etwas Ergebnisoffenes wirklich gemeinsam zu entwickeln, anstatt nur zu repräsentieren, was wir sowieso schon wissen. Und zuletzt ein Denken von musikalischer und kulturschaffender Praxis als längerfristiges und nicht immer lediglich projektorientiertes Unterfangen. So höre ich zum Beispiel oft von Musiker*innen, dass sie nur aus finanziellen Notlagen heraus unterrichten, da es ja die output-orientierten Projekte und Konzerte sind, die für die Anerkennung zählen. Ein weiter gefasstes Verständnis musikalischer Praxis könnte das Unterrichten, Teilen von Erfahrung und Kommunikation über Musik – womit ja ebenfalls Geld zu verdienen ist – nahtlos beinhalten.

Zusammengefasst ergibt sich aus meinen Überlegungen die Anregung, kulturschaffende Praxis umfassend zu denken, Variationen und Prozessen Raum zu geben, langfristig zu denken und immer wieder zu hinterfragen, was wir hier eigentlich machen und erreichen wollen – und auf welche verschiedenen Arten und Weisen wir das tun können. Das gilt sowohl in der eigenen Arbeit als aber auch für Politik und Fördereinrichtungen, die ja strukturell vieles ermöglichen können.