Uli Aumüller, Sebastian Rausch
Sa, 09/10/2021, 17:00 Uhr
Improvisation / Klangkunst / Sound Art / Komponierte Musik

DULAB ALTAJ – Installation und Konzert zum Film


Improvisationen in Form eines musikalischen Reigens mit Ensemble Extrakte

Installation 9. und 10.10.2021, 17:00 bis 22:00, Konzert in der Installation 10.10.2021, 17:00
Wie in allen Metropolen dieser Welt leben auch in Berlin zahlreiche Musiker mit verschiedensten migrantischen Hintergründen und musikalischen Traditionen, die sie in den jeweiligen Gemeinden ihrer Heimatländer weiter pflegen. D.h. syrische Musiker spielen syrische Musik für ein Berliner Publikum mit syrischen Wurzeln, Iraner für die Iraner, Türken für die Türken, Chinesen für die Chinesen. Gelegentlich kommt es zu Überschneidungen, das Publikum mischt sich – oder auch die Musiker auf der Bühne. Dann aber ist der Syrer, der Perser, der Chinese nur zu Gast beim Idiom des anderen – gespielt wird zum Beispiel Jazz, in die der Syrer eine syrische Klangfarbe beimischt – seine eigene musikalische Tradition, die Sprache seiner musikalischen Formen bleiben unberücksichtigt.
Seit 2013 versuchen der Komponist Sandeep Bhagwati und die Kuratorin und Produzentin Elke Moltrecht daran etwas zu ändern. Ihre Überzeugung ist, dass eine neue Musik in der sozialen Realität unserer Städte nicht unbedingt aus eurozentristischen Vorstellungen entstehen wird. Im Zusammenspiel mit den anderen soll kein Musiker sein eigenes Woher verleugnen oder verbiegen, aber auch dem anderen nichts überstülpen. Die Frage lautet: Wie kann man bei allen Unterschieden der Idiome eine Musik erfinden, die vor allem auf zuhörender Zugewandtheit dem anderen Gegenüber beruht, auf Offenheit und gleichzeitiger Erdung in der eigenen Sprache? Sie versammelten eine Schar in Berlin lebender (jeweils in ihrem Genre) prominenter Musikerinnen, die aus China, Europa, Indien, Korea, Bulgarien, Syrien, Australien, den USA eingewandert waren und so unterschiedlichen Szenen wie Jazz, Folk, Techno, Blues aber auch eurologischen Konzertformen wie Barock bis Neue Musik angehören.
In unterschiedlichen Formationen gab es Projekte im Berliner Radialsystem, im Haus der Kulturen der Welt, im Martin Gropius Bau, in der MaerzMusik – in denen über geographische, historische, ethnische und soziale Strukturen hinweg gemeinsam nach einer neuen Musik in unserer neuen globalen Realität geforscht wurde.
Ende 2019 wurde aus diesem Kontext und dieser Kontinuität heraus ein Konzept für einen Film und eine Video-Konzertinstallation entwickelt mit dem Arbeitstitel: Dulab-al-Taj. Neben Elke Moltrecht und Sandeep Bhatwati haben daran die australische Komponistin Cathy Milliken, die bulgarische Musikethnologin Deniza Popova, der syrische Oud-Spieler Farhan Sabbagh und der Dokumentarfilmer Uli Aumüller mitgewirkt.
Zwölf Musiker, die „aus aller Herren Länder“ stammen, aber sich in Berlin niedergelassen haben, sollen den Ort benennen, der für sie „Heimat“ bedeutet. „Heimat“ entweder als neue Heimat, in der sie sich in Berlin wohl und zu Hause fühlen, oder „Heimat“, weil dieser Ort sie an die Heimat erinnert, die sie verlassen haben.
Dulab Melodie
An diesen Orten spielte jeder Musiker einzeln Improvisationen über ein vorgegebenes musikalisches Thema, das Farhan Sabbagh auf seiner Oud komponiert hatte. Diese Improvisationen wurden in verschiedenen Varianten aufgenommen – als Begleitung zu den Improvisationen des Vorgängers, als Gegenstimme, als Echo – und als eigenständige freie solistische Improvisation. Diese freie Improvisation wandert (wie beim „Stille-Post-Spiel“) von Musikerin zu Musiker, und wird jeweils neu interpretiert und weitergegeben. Im Schnittstudio werden diese Soli mit den Aufnahmen der Nebenstimmen gemischt und ergänzt durch „Kopien“ der originalen Ursprungsmelodie, so dass auch musikalischen Laien die kompositorische Struktur des Dulabs nachvollziehbar ist.
Was ist ein Dulab?
Der Dulab (das Rad, die Runde – oder auch: das Lied) ist eine klassische arabische Variante der europäischen Rondoform. Eine relativ kurze Melodie, die als Refrain fungiert, wird gemeinsam gespielt, um dann einem längeren Solo zu weichen. Im Unterschied zum Rondo wird der Refrain nicht einfach wiederholt und dabei nur ausgeziert, sondern jedes Mal phantasievoll variiert. Das Solo wanderte im Ensemble reihum, jede Solistin kommentiert den Vorherigen. Der Reiz des Dulab in dieser Konstellation besteht also darin, dass Melodik und Rhythmik des Refrains durch die verschiedenen Sprachen der Musikerinnen reflektiert und gefiltert werden. Resultat ist ein weiträumiges Atmen zwischen dem gemeinsamen musikalischen Ausgangspunkt, der Dulab-Melodie und den aufeinander bezogenen Solokommentaren: Diese ursprünglich arabische Musikhaltung wird nun in ein Gemisch aus analoger Live-Musik und digitaler Postproduktion projiziert, der Zuschauer erlebt und hört eine Fülle verschiedenster akustischer und visueller Heimaten, die aber über das Zuhören für jeden nachvollziehbar aufeinander bezogen sind. Es ist keine arabische Musik entstanden, auch keine europäische, keine indische oder chinesische, auch keine „Weltmusik“, aber eine, die von all diesen Vorlagen inspiriert ist.
Aus dem Film ist eine dreidimensionale audio-visuelle Rauminstallation entstanden, in der die Musiker*innen auf die Filmspuren live reagieren.
Musikalische Realisation: Cathy Milliken nach einer Dulabmelodie von Farhan Sabbagh; Film und Ton: Uli Aumüller, Sebastian Rausch//inpetto filmproduktion; Projektleitung, künstlerische Realisation: Uli Aumüller, Cathy Milliken, Elke Moltrecht.
Der Film wurde gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes/RELOAD. Die Konzertinstallation wurde gefördert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung.

  • Cathy Milliken – Musikalische Leitung

Ensemble Extrakte

Sören Birke, Maultrommel
Klaus Janek, Kontrabass
Cathy Milliken, Oboe
Deniza Popova, Stimme
Farhan Sabbagh, Oud
Gregor Schulenburg, Bassflöten
Ravi Srinivasan, Stimme, Percussion
Andi Teichmann, Live-Elektronik, Objekte
Hannes Teichmann, Live-Elektronik
Wu Wei, Sheng
Yoo Hong, Daegeum
Lucy Zhao, Pipa

12 Musiker (Ensemble Extrakte) spielten an 12 Orten in Berlin, mit denen sie Heimat verbinden, Kommentare zu einer Dulabmelodie und reichten diese weiter an den nächsten Musiker. Die Musiker*innen agieren live im dreidimensionalen Installationsraum.

http://www.inpetto-filmproduktion.de

  • Dauer: 22:00h
  • Bemerkungen zum Datum und Uhrzeit: Installation 9. und 10.10.2021, 17:00 bis 22:00, Konzert in der Installation 10.10.2021, 17:00
  • KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst
  • Am Sudhaus 3, Berlin
  • Ticketpreis: Eintritt frei, Spenden erbeten