Uli Aumüller
Mo, 06/09/2021, 20:00 Uhr
Improvisation / Komponierte Musik

Dulab Altaj + Dulab Alpaloma


Improvisationen in Form eines musikalischen Reigens mit Ensemble Extrakte und Special Guests

DULAB ALTAJ
Wie in allen Metropolen dieser Welt leben auch in Berlin zahlreiche Musiker mit verschiedensten migrantischen Hintergründen und musikalischen Traditionen, die sie in den jeweiligen Gemeinden ihrer Heimatländer weiter pflegen. D.h. syrische Musiker spielen syrische Musik für ein Berliner Publikum mit syrischen Wurzeln, Iraner für die Iraner, Türken für die Türken, Chinesen für die Chinesen. Gelegentlich kommt es zu Überschneidungen, das Publikum mischt sich – oder auch die Musiker auf der Bühne. Dann aber ist der Syrer, der Perser, der Chinese nur zu Gast beim Idiom des anderen – gespielt wird zum Beispiel Jazz, in die der Syrer eine syrische Klangfarbe beimischt – seine eigene musikalische Tradition, die Sprache seiner musikalischen Formen bleiben unberücksichtigt.
Seit 2013 versuchen der Komponist Sandeep Bhagwati und die Kuratorin und Produzentin Elke Moltrecht daran etwas zu ändern. Ihre Überzeugung ist, dass eine neue Musik in der sozialen Realität unserer Städte nicht unbedingt aus eurozentristischen Vorstellungen entstehen wird. Im Zusammenspiel mit den anderen soll kein Musiker sein eigenes Woher verleugnen oder verbiegen, aber auch dem anderen nichts überstülpen. Die Frage lautet: Wie kann man bei allen Unterschieden der Idiome eine Musik erfinden, die vor allem auf zuhörender Zugewandtheit dem anderen Gegenüber beruht, auf Offenheit und gleichzeitiger Erdung in der eigenen Sprache? Sie versammelten eine Schar in Berlin lebender (jeweils in ihrem Genre) prominenter Musikerinnen, die aus China, Europa, Indien, Korea, Bulgarien, Syrien, Australien, den USA eingewandert waren und so unterschiedlichen Szenen wie Jazz, Folk, Techno, Blues aber auch eurologischen Konzertformen wie Barock bis Neue Musik angehören.
In unterschiedlichen Formationen gab es Konzerte im Berliner Radialsystem, im Haus der Kulturen der Welt, im Martin Gropius Bau – in denen über geographische, historische, ethnische und soziale Strukturen hinweg gemeinsam nach einer neuen Musik in unserer neuen globalen Realität geforscht wurde.
Ende 2019 wurde aus diesem Kontext und dieser Kontinuität heraus ein Konzept für einen Film und eine Video-Konzertinstallation entwickelt mit dem Arbeitstitel: Dulab-al-Taj. Neben Elke Moltrecht und Sandeep Bhatwati haben daran die australische Komponistin Cathy Milliken, die bulgarische Musikethnologin Deniza Popova, der syrische Oud-Spieler Farhan Sabbagh und der Dokumentarfilmer Uli Aumüller mitgewirkt.
(Erst einmal) zwölf Musiker, die „aus aller Herren Länder“ stammen, aber sich in Berlin niedergelassen haben, sollen den Ort benennen, der für sie „Heimat“ bedeutet. „Heimat“ entweder als neue Heimat, in der sie sich in Berlin wohl und zu Hause fühlen, oder „Heimat“, weil dieser Ort sie an die Heimat erinnert, die sie verlassen haben.
Dulab Melodie
An diesen Orten spielt jeder Musiker einzeln Improvisationen über ein vorgegebenes musikalisches Thema, das Farhan Sabbagh auf seiner Oud komponiert hatte. Diese Improvisationen werden in verschiedenen Varianten aufgenommen – als Begleitung zu den Improvisationen des Vorgängers, als Gegenstimme, als Echo – und als eigenständige freie solistische Improvisation. Diese freie Improvisation wandert (wie beim „Stille-Post-Spiel“) von Musikerin zu Musiker, und wird jeweils neu interpretiert und weitergegeben. Im Schnittstudio werden diese Soli mit den Aufnahmen der Nebenstimmen gemischt und ergänzt durch „Kopien“ der originalen Ursprungsmelodie, so dass auch musikalischen Laien die kompositorische Struktur des Dulabs nachvollziehbar ist.
Was ist ein Dulab?
Der Dulab (das Rad, die Runde – oder auch: das Lied) ist eine klassische arabische Variante der europäischen Rondoform. Eine relativ kurze Melodie, die als Refrain fungiert, wird gemeinsam gespielt, um dann einem längeren Solo zu weichen. Im Unterschied zum Rondo wird der Refrain nicht einfach wiederholt und dabei nur ausgeziert, sondern jedes Mal phantasievoll variiert. Das Solo wandert im Ensemble reihum, jede Solistin kommentiert den Vorherigen. Der Reiz des Dulab in dieser Konstellation besteht also darin, dass Melodik und Rhythmik des Refrains durch die verschiedenen Sprachen der Musikerinnen reflektiert und gefiltert werden. Resultat ist ein weiträumiges Atmen zwischen dem gemeinsamen musikalischen Ausgangspunkt, der Dulab-Melodie und den aufeinander bezogenen Solokommentaren: Diese ursprünglich arabische Musikhaltung wird nun in ein Gemisch aus analoger Live-Musik und digitaler Postproduktion projiziert, der Zuschauer erlebt und hört eine Fülle verschiedenster akustischer und visueller Heimaten, die aber über das Zuhören für jeden nachvollziehbar aufeinander bezogen sind. Es ist keine arabische Musik entstanden, auch keine europäische, keine indische oder chinesische, auch keine „Weltmusik“, aber eine, die von all diesen Vorlagen inspiriert ist.
Außerdem wurde jeder Musiker aufgefordert, in einem kurzen Interview zu beschreiben, warum er oder sie jeweils diesen Ort in Berlin ausgewählt hat: Das kann der eigene Proberaum oder ein Konzertsaal sein, in dem sie gerne auftreten, ein Park, ein Café, ein Buchladen, oder im Mercedes auf der Autobahn.
DULAB ALPALOMA
16 MusikerInnen mit unterschiedlichstem Background komponieren auf Grundlage einer der bekanntesten Melodien der Welt gemeinsam ein Stück – und das in Zeiten von Corona! Seien Sie über mehrere Wochen mit dabei, wie jeden Tag ein Musiker dieses musikalischen Reigens vorgestellt wird, bis dann am Ende die Melodie von La Paloma zu einer völlig neuen Komposition re-mixt wird.
Was ist der Dulab Alpaloma?
Jeder hat die Melodie von La Paloma bestimmt schon einmal gehört. Es gibt sie in den unterschiedlichsten Fassungen, mit den unterschiedlichsten Texten. Geschrieben wurde sie um das Jahr 1860 in Mexiko und hat sich seitdem über die ganze Welt verbreitet (eine CD-Ausgabe des Münchner Trikont Verlages kommt auf 140 Varianten) – eine echte Weltmusik also.
Doch wie - und warum - wird aus dieser Melodie ein Dulab? Und was ist das überhaupt, der Dulab Alpaloma, der ab Mitte April 2021 auf ARTE Concert zu sehen ist?
Das Wort Dulab stammt aus dem Arabischen und bezeichnet einen musikalischen Reigen oder ein Rondo, bei dem ein Musiker eine Melodie spielt und diese dann an den nächsten weiterreicht. Der nächste Musiker entwickelt die Melodie des ersten Musikers in freier Phantasie weiter und reicht seine Variation wiederum an den nächsten Musiker, der dann seine Fortsetzung dazu erfindet. Und so weiter und sofort. Vergleichbar ist das Ganze ein bisschen mit dem Spiel „Stille Post“: Am Ende kommt etwas ganz anderes heraus, als das, was am Anfang stand.
Wie funktioniert der Dulab Alpaloma auf ARTE Concert?
Über einen Zeitraum von drei Wochen, jeweils von Montag bis Freitag, lernen wir die Musikerinnen des Dulab Alpaloma kennen. Jeden stellen wir musikalisch vor mit seiner Version der Melodie und mit ihrer Variation, die er oder sie zu einer Variation eines anderen Musikers spielt. Manchmal hören wir den Musiker allein, manchmal mit Begleitung – zugespielt über Kopfhörer oder, wenn die Umstände es zulassen, auch im gleichen Raum aufgenommen.
Bislang sind die Kurzdokumentationen folgender Musikerinnen fertiggestellt:
Michael Schiefel
Bakr Khleifi
Silvia Ocougne
Lucy Zhao
Safi
Ravi Srinivasan
Magdalena Kozena
Carolin Widmann
Wu Wei
Gregor Schulenburg
Pierre Laurent Aimard
Klaus Janek
Sören Birke
Jocelyn B Smith
Gebrüder Teichmann
Das Besondere an unserem Dulab ist, dass die MusikerInnen aus völlig unterschiedlichen musikalischen Traditionen stammen. Von Klassik bis Jazz, von Neuer Musik bis Elektro, vor allem aber auch: aus Traditionen jenseits der europäischen Musik, z.B. aus China oder Indien. Jeder Musiker interpretiert die Melodie auf seine – das heißt: - auf eine völlig andere jeweils persönliche Art, teils auf Instrumenten, die in Europa kaum bekannt sind. Viele kennen alle Register der Improvisation, manche weniger – manches klingt für europäische Ohren nicht vertraut.
Viele der beteiligten MusikerInnen leben in Deutschland, in Berlin – haben also einen migrantischen Hintergrund. Niemand sollte sich täuschen lassen: Auch wenn etliche Namen einem vermutlich nichts sagen - es handelt sich um absolute Meister ihres Fachs. Unser Dulab Alpaloma ist nicht nur eine Wundertüte an musikalischen Sprachen und Ausdrucksweisen, sondern auch der Beweis dafür, dass unterschiedlichste Musiker miteinander etwas Neues erschaffen können, ohne dass der eine sich dem anderen musikalisch unterwerfen müsste. Was utopisch klingt, wird hier musikalisch versucht: ein nicht reibungsloses, aber am Ende harmonisches Miteinander vieler Kulturen und Völker.
Jeder Clip ist gleich aufgebaut: am Anfang spielt der Musiker die Melodie von La Paloma, allein oder mit Begleitung, am Ende die Variation bzw. Improvisation. Dazwischen ein kurzes Interview mit dem jeweiligen Musiker. Und zwar darüber, wie er oder sie zur Musik oder nach Deutschland kam, was sein Instrument ihm oder ihr bedeutet, oder über den Ort, an dem er gerade La Paloma spielt. Es handelt sich um einen Lieblingsort, den der Musiker selbst ausgesucht hat (unter den Bedingungen von Corona) – und zu dem er oder sie bisweilen eine kurze Geschichte erzählen möchte.
Unter dem Einfluss von Corona erleben wir seit einiger Zeit eine neue Situation, die besonders für Künstler, Veranstalter und Kultur im allgemeinen problematisch ist. Es ist wichtig, Künstlern eine Stimme zu geben, sie sichtbar zu machen. Prominente Musiker wie Pierre-Laurent Aimard unterstützen das Projekt, indem sie mitwirken. Doch es geht um mehr als die Musiker, die hier versammelt sind. Es geht um all die Künstler und Musiker da draußen; um die Vielfalt der Stimmen und Kulturen, die oft unbemerkt nebeneinanderher existieren - und um unser Miteinander. Kurz: Es geht um uns alle.
PS – Kann ARTE nicht richtig zählen?
Womöglich ist es dem einen oder anderen aufgefallen: Erst ist von 16 Musikern die Rede, dann hier im Text von 15. Wo ist der/die Eine geblieben? Die Erklärung ist einfach: Wenn alle 15 Musiker ihren Part gespielt haben, tritt die Nummer 16 auf den Plan. Es handelt sich um die Komponistin Cathy Milliken, die aus allen musikalischen Aufnahmen, die die Musiker eingespielt haben, am Ende ein völlig neues Stück komponiert oder re-mixt. Dann findet auch vieles Verwendung, was wir bislang gar nicht gehört haben. Herauskommen wird ein mehrstimmiger Dulab Lapaloma – eine eigene Komposition, in der nicht nur zwei, sondern 3 oder 4 Musiker gleichzeitig miteinander spielen werden, wie in ein einem kleinen Orchester. Der Kompositionsprozess dauert ca. 3 bis 4 Wochen, der fertige Dulab wird erst dann eingestellt. Wem das Warten zu lang wird, der kann natürlich noch einmal in die Mixe der Woche reinhören, die wir nach jeder Woche einstellen. (Diese 2-stimmigen Vorabmischungen enthalten jeweils die Improvisationen von 5 oder 6 Musiker*innen - und werden auf der ARTE Concert Seite zu finden sein)
Christopher Janssen, ARTE Redakteur

  • Musikalische Realisation: Cathy Milliken nach einer Dulabmelodie von Farhan Sabbagh; Film und Ton: Uli Aumüller, Sebastian Rausch//inpetto filmproduktion; Projektleitung, künstlerische Realisation: Uli Aumüller, Cathy Milliken, Elke Moltrecht: »DULAB ALTAJ« Improvisation in Form eines musikalischen Reigens für 12 Musiker*innen an 12 Orten in Berlin (2020, UA 2021)

Ensemble Extrakte

Sören Birke, Mundharmonika, Musiker
Klaus Janek, Kontrabass, Musiker
Cathy Milliken, Oboen, Musikerin
Deniza Popova, Stimme, Musikerin
Farhan Sabbagh, Oud, Musiker
Gregor Schulenburg, Querflöte, Musiker
Ravi Srinivasan, Stimme, Musiker
Andi Teichmann, Live-Elektronik, Objekte, Musiker
Hannes Teichmann, Live Elektronik, Musiker
Wu Wei, Sheng, Musiker
Yoo Hong, Daegum, Musiker
Lucy Zhao, Pipa, Musikerin

Zwölf Musiker spielen an Lieblingsorten Improvisationen zu einem musikalischen Thema (Dulab/Rondo). Diese freie Improvisation wandert (wie beim Stille-Post-Spiel) von Musikerin zu Musiker, wird jeweils neu interpretiert und weiter gegeben.

  • Regie: Uli Aumüller; Produzent: Hanne Kaisik; Kamera: Sebastian Rausch; Produktionsleitung: Elke Moltrecht; Musik: Cathy Milliken, Dietmar Wiesner; Redakteur: Christopher Janssen: »DULAB ALPALOMA« Improvisation in Form eines Reigens über die Melodie "La Paloma" von Sebastian de Yradier für 15 Musiker*innen aus Berlin (2021 UA)

Musiker*innen von Ensemble Extrakte und Special Guests

Bakr Khleifi, Oud, Musiker
Magdalena Kožená, Stimme, Musikerin
Silvia Ocougne, Gitarre, Musikerin
Safi, Gesang, Musikerin
Michael Schiefel, Stimme, Musiker
Joselyn B Smith, Gesang, Musikerin
Carolin Widmann, Geige, Musikerin
Sören Birke, Duduk, Maultrommel, Mundharmonika, Musiker
Klaus Janek, Kontrabass, Musiker
Gregor Schulenburg, Flöten, Kyotaku, Musiker
Ravi Srinivasan, Tabla, Udu, Stimme, Musiker
Andi Teichmann, Live-Elektronik, Processing, Musiker
Hannes Teichmann, Live-Elektronik, Processing, Musiker
Wu Wei, Sheng, Musiker
Lucy Zhao, Pipa, Musikerin

16 Musiker*innen mit unterschiedlichstem Background komponieren und improvisieren auf Grundlage einer der bekanntesten Melodien der Welt und reichen dieses weiter, bis am Ende die Melodie von La Paloma zu einer völlig neuen Komposition re-mixt wird.

http://www.inpetto-filmproduktion.de

  • Einführung: Uli Aumüller und Cathy Milliken
  • Dauer: 02:00h, Pausen: 21:00 Uhr
  • Kesselhaus in der Kulturbrauerei Berlin
  • Knaackstr. 97, Berlin
  • Bemerkungen zum Ort: www.kulturbrauerei.de
  • Ticketpreis: Eintritt frei
  • Kartenvorbestellung: Um Voranmeldungen/Registrierung wird gebeten: emoltrecht@web.de