Bericht von Christina Ertl-Shirley

Für mich bedeutet der »Lockdown« nicht, dass jetzt Ruhe herrscht oder ich mehr Zeit hätte – eher im Gegenteil: Projekte müssen verschoben und umstrukturiert werden, sowohl finanziell als auch künstlerisch.

Zum Beispiel musste ich eine Recherchereise im April streichen. Einige künstlerische Vorhaben wurden auch abgesagt oder es ist noch nicht klar, ob sie verschoben werden können. Manche Spielorte haben schon angekündigt, dass sie nur auf 2021 ausweichen können und auch dann ist nicht klar, wie dann mit Fördermittel für 2020 umgegangen wird. Ich sehe aber auch, dass Fördergeber laufend ihre Richtlinien ändern, auch um uns entgegenzukommen. Die Situation ist für alle neu und wir müssen zur Zeit alle offen sein und von Moment zu Moment reagieren.

Ich telefoniere sehr viel mit anderen Freiberufler*innen über die jetzige Situation und wie wir auch in Zukunft mit möglichen Einschränkungen umgehen können und auch ab wann diese zu sehr in unsere Grundrechte eingreifen. Insgesamt spür ich einen großen Zusammenhalt und Austausch in der Szene, ja auch eine Politisierung. Wir diskutieren auch Entwicklungen neuer Formate.

Manchmal seh und hör ich bei den Livestreams von Wohnzimmer-Konzerten zu, aber letzten Endes ist es wirklich nicht die Form, in der ich Musik erleben will. Vor allem dürfen wir bei all den digitalen Möglichkeiten auch nicht vergessen uns zu informieren, was das für den Datenschutz bedeutet.

Am liebsten verfolge ich im Moment Gespräche mit Philosophinnen: Ich habe das Gefühl, ich brauche den Input, um neue Perspektiven auf die Corona-Situation zu bekommen. Beim Zuhören betrachte ich die zahlreichen Flyer von abgesagten Konzerten, die sich neben meinem Schreibtisch stapeln und überlege, was ich daraus kreieren kann: Dass ich mich letztes Jahr intensiv mit dem Falten von Papier beschäftigt hab, muss doch hier irgendwie einzusetzen sein. Die Flyer einfach so in den Müll zu werfen, bring ich nicht über’s Herz.

Christina Ertl-Shirley 3. April 2020, Berlin