Bericht vom ensemble mosaik

Video: https://youtu.be/wwWvN7qOMTM

Ensemble Statement

Die Coronakrise wirkt sich ja auf wirklich alle aus, das ist der anästhesierende Trost, der aber nicht darüber hinweg täuschen kann, dass das, was gerade in einem freien Ensemble wie unserem passiert, eine Aneinanderreihung von Absagen und anderen Frustrationen ist. Wir können in Berlin von Glück reden, dass es die Basisförderung freier Ensembles gibt, die zwar längst nicht für alle reicht, aber sich in unserem speziellen Fall, ensemble mosaik, gerade als arschrettend erweist. Dennoch ist es ein zum Wahnsinn treibender Amputationsvorgang, wenn ein Projekt nach dem nächsten in Staub versinkt, vor unseren Augen, bevor wir es noch erreichen. Wir, auch wir, hatten jetzt dank Corona unsere erste Ensemblesitzung im Zoomformat, was wir dazu benutzten, um uns klarzuwerden, dass unser Konsens im Liveformat besteht. Immerhin dazu war es gut, auch zum Besprechen vieler organisatorischer Dinge. Normalerweise finden solche Besprechungen begleitend zu Projektrealisationen statt, jetzt stand sie in der Wüste leerer Terminkalender. Wir behelfen uns, was die musikalische Arbeit angeht, mit Ersatz, indem wir uns gegenseitig kleine Audioschnipsel zuschicken. Aus dem Zoomformat haben wir ein 49-sekündiges Filmchen gemacht, in dem man die Musiker*innen in ihren jeweiligen Séparées sitzen sieht, in Küchen, Wohnzimmern, Arbeitszimmern. Synchrone Ereignisse sind zufällig. Keiner weiß, wann und ob und in welcher Form die nächsten Konzerte stattfinden werden. Im Moment löst sich jedes anvisierte Ziel wieder in Luft auf, als ob auch hier ein Distanzierungsgebot herrschen würde. Die Situation ist finanziell belastend, tatsächlich werden die Solo-Selbständigen ja in die Grundsicherung geschickt und das fühlt sich anders an als eine Künstlernothilfe es getan hätte. Man kann immer etwas anderes finden, womit man sich beschäftigen kann, und das kann ja auch unbestreitbar heilsam sein. Aber für ein komplexes Gebilde wie ein freies Ensemble gibt es im Moment keine gesellschaftliche Verwendung, das ist die nüchterne Erkenntnis.

Ernst Surberg Text I

Die Coronakrise hat unser ensemble mosaik lahmgelegt wie ein Stromausfall. Eine Unterbrechung des Kreislaufs, aber von einer solchen Dauer, eben nicht nur für Minuten oder Stunden, sondern Wochen und Monate, dass die Vorstellung vom Wiedereinschalten der Spannung etwas beängstigendes hat, weil man nicht genau weiß, ob es nicht irgendwo einen schlafenden Kurzschluss gibt, oder eine Stereoanlage, die dann plötzlich losbrüllt oder ein Wasserkessel ohne Wasser auf einer eingeschalteten Herdplatte, oder ein aufgedrehter Wasserhahn ohne Abfluss, alles Dinge, die außer Funktion komplett harmlos sind, von denen man nichts mitkriegt solange eh alles runtergefahren ist. Aber wehe, der Einschaltknopf wird irgendwo gedrückt. Kreischende Feedbacks… Am meisten hatte mich schockiert, als die Gottesdienste verboten wurden. Das musste ja die Gläubigen hart treffen, aber ich fand noch härter alle die anderen, die praktisch nie zur Kirche gingen, aber immer die Möglichkeit dazu hatten. Jetzt nicht mehr. Desillusioniert fühlt sich an, dass jetzt Autohäuser wieder öffnen dürfen, aber Konzerte in weiter Ferne liegen. Muss sich denn jemand ganz schnell ein Auto kaufen? Was entlarvt sich da, in der Lockerung, für eine Rangfolge der Systemrelevanz? Welche Lobby ist am nahesten dran an der Politik, sitzt ihr seit Jahrzehnten auf dem Schoß? Solange wir alle gleich behandelt wurden, hat es sich besser angefühlt, gemeinsam in dieser außerordentlichen Krise zu sein. Aber nun mag ich es selbst nicht an mir, dass mir der Argwohn schon wieder zur Gewohnheit wird. Der ganze Höher-Schneller-Weiter-Zwang und -Drang hat mal ein fettes Pausenzeichen kassiert. Ein unglaublicher Vorgang, die ganze schwimmende Insel mit einem Ruck zum Stehen gebracht. Nach dem ersten Schleudertrauma das unheimliche Gefühl: das kann nicht gutgehen, da braut sich eine Katastrophe zusammen, von der wir jetzt noch gar keine Ahnung haben. Der Götterzorn des Kapitals. Nicht ungestraft stoppt jemand den Zug, auch wenn er gerade auf dem Weg in den Abgrund war. Musikalisch geht der Weg für mich gerade ins Digitale. Und das nicht etwa wegen der besseren Kommunizierbarkeit, nein, für die Einsamkeit. Die digitale Einsamkeit ist erträglicher weil unergründlicher als die schnöde analoge.

Ernst Surberg Text II

Sinnkrisen entstehen bei mir wie bei vielen anderen auch gern aus dem inneren Trotz gegen alle Fremdbestimmung. Dieses ständige Sich-bewegen-, Antworten-wissen-müssen. Und ich, anstelle diesen Zwang zu hinterfragen, bohrte in meinen Krisen nur den panischen Fragen nach: wohin gehen? Was bringt mich weiter? Die Angst vor Stillstand war größer als der Zweifel am Sinn dieses Tuns um der Bewegung willen. Nun ist die einzigartige Situation entstanden, dass niemand etwas von mir will, was eigentlich gar nicht einzigartig ist, denn sie trat schon ein, öfter als mir lieb war, nein, das Einzigartige jetzt ist, dass ich mir nicht selbst die Schuld daran geben kann. Es geht ja allen so! Das Besondere ist für alle gleichermaßen (zwar mehr oder weniger, aber egal jetzt) eingetreten und damit bin ich besonders befreit. Es ist erschreckend, oder besser: wäre immer für mich erschreckend gewesen, mich in so einer Situation zu finden und auch noch einzurichten, alle Alarmglocken würden da geschrillt haben! Aber jetzt ist das anders, ich kann diese Ausklammerung akzeptieren als allgemeine Bedingung, und habe keine Angst etwas zu verpassen oder abgehängt zu werden. Wir haben nachgeschaut und nachgerechnet und festgestellt: wir kommen über die Runden. Der finanzielle Horizont ist enger, aber dafür ist jeder Tag ein offenes, unbeschriebenes Blatt. Zeit ist das gewonnene Geschenk dieser Tage. Und Hinwendung auf das Nahe.

19. April 2020