Bericht von Ute Wassermann

Ich erlebe die Phase des Lockdowns als eine Zeit voller Gegensätze. Wie die meisten meiner Kolleg*innen bin ich massiv von Corona-bedingten Ausfällen betroffen. Aufgefangen wurde dies auf sehr unbürokratische Weise durch den Berliner Senat, danke dafür! Doch es herrscht Unklarheit über die Regularien, und leider gibt es bürokratische Hürden und schwierigere Bedingungen für diejenigen, die es nicht ins Soforthilfe-Paket II geschafft haben. Ich hoffe sehr, dass gleiche Bedingungen für alle Betroffenen geschaffen werden können. Zu Beginn der neuen Situation war ich sehr damit beschäftigt, das Chaos wegen abgesagter Projekte zu bewältigen. Viele Fragen beschäftigen mich, auch im Austausch mit meinen Kolleg*innen: wie können langfristige Effekte für die Musikszene aufgefangen werden? Die Ausfälle werden sich ja bis ins nächste Jahr hinein auswirken. Wird es möglich sein, in absehbarer Zeit wieder gemeinsam aufzutreten? Plötzlich ist vieles im Home Office möglich, doch ich vermisse es sehr, live aufzutreten und im direkten Kontakt zu Musiker*innen und Publikum zu sein. Durch den Lockdown erholt sich das gesamte Ökosystem. Mein Asthma ist verflogen! Wie können wir Klimaschutz und Vielfliegerei als Musiker*in vereinbaren? Kann diese Erfahrung uns allen helfen, Ideen zu entwickeln, um Projekte künftig grundsätzlich nachhaltiger zu organisieren?

Die erzwungene Introspektion empfinde ich als sehr anstrengend und belebend zugleich. Manche Tage scheinen sich in Kleinkram aufzulösen. Wir befinden uns in merkwürdiger Resonanz mit der ganzen Welt. Ich genieße es zu telefonieren und zu zweit spazierenzugehen. Neue Freundschaften entstehen und lang bestehende Freundschaften intensivieren sich. Jetzt erst beginne ich, mit Musiker*innen an Konzepten zum Zusammenspiel über die Distanz hinweg zu experimentieren. In meinem Zimmer entstehen kleine Klangexperimente, ohne dass ich auf ein Projekt gezielt hinarbeite. Diese kreative, unprätentiöse Freiheit in der Zeit des Verzichts gefällt mir.

Ute Wassermann 9. April 2020

Hier das Video zum Bericht: www.youtube.com/watch?v=lITKdNWc6e0