biegungen im ausland – Mathias Maschat

Mein Studium der Kulturpädagogik/Kulturvermittlung/Kulturwissenschaften hatte ich 1998 aufgenommen, um beruflich eines Tages einen Beitrag zur Infrastruktur avancierter aktueller Musik zu leisten. Ein wichtiger Schritt zur Umsetzung dieser Vision begann für mich, als ich 2010 die Möglichkeit dazu bekam, die seit 2002 bestehende Konzertreihe biegungen im ausland mit zu organisieren und zu gestalten. Seither konnte ich eine große Zahl von Konzerten realisieren und viele Künstlerinnen und Künstler einladen, deren Arbeit mich begeistert. Ihnen sowie dem interessierten Publikum einen Raum und Rahmen zur Verfügung zu stellen, ist eine sehr erfüllende Tätigkeit. Und Kunst braucht Räume und Begegnung. Das erweist sich besonders deutlich, wenn diese nicht zur Verfügung stehen und die Begegnung zwischen Menschen ausbleiben muss. Auch und gerade in Improvisations-Settings ist die physische Co-Präsenz aller am Kunstprozess Beteiligten unabdingbar, lebt das musikalische Geschehen doch auch stark von situativen Gegebenheiten.

Es ist gelungen, die Rahmenbedingungen für die Reihe immer weiter zu verbessern. In den letzten Jahren kam den biegungen im ausland vor allem die spartenoffene Förderung der Berliner Senatsverwaltung zu Gute. Nun fallen für mich 10 Jahre Organisation der biegungen sowie der Beginn der uns zugesprochenen vierjährigen Förderung mit dem Ausbrechen der Corona-Krise zusammen und die mit viel Sorgfalt und Enthusiasmus anberaumten Konzerte konnten und können aktuell nicht stattfinden. Dies ist auch eine persönliche Enttäuschung, denn die langfristige Organisation ist stets von viel Vorfreude auf die tatsächlichen Ereignisse begleitet. Meist besteht ein Abend aus zwei Sets, zu deren Zusammenstellung ich mir Gedanken mache. Es hätte Highlights gegeben wie das Duo von John Rose und Alvin Curran mit dem Trio von Lothar Ohlmeier, Isambard Khroustaliov und Rudi Fischerlehner am 30. April. Oder das portugiesisch-amerikanische Humanization 4tet mit Rieko Okuda und Antti Virtaranta am 4. April. Je nachdem, wie lange die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus für Kulturorte noch aufrecht erhalten werden, muss ich nun sehen (wie alle anderen auch), welche Lösungen sich im Einzelnen anbieten. Nicht alles wird in der geplanten Form auf später zu verschieben sein. Zum Beispiel ist derzeit ungewiss, ob die schon seit weit über einem Jahr geplante Kooperation mit dem Berliner Hörspielfestival aufrecht erhalten werden kann: Zwei Live-Hörspiele bzw. Klangcomics von Natascha Gangl & Rdeča Raketa (Maja Osojnik & Matija Schellander) wären an zwei aufeinander folgenden Abenden auf dem Programm gestanden.

Anfang April hätte auch das libanesische Irtijal-Festival für experimentelle Musik stattgefunden, das in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert. Aufgrund der politischen Lage vor Ort war ohnehin nur eine reduzierte Version geplant, – nun musste das ganze Festival gestrichen werden. Eine gute Nachricht gibt es dazu aber doch zu vermelden: biegungen im ausland kooperieren mit dem Irtijal-Festival und bereiten gemeinsam eine Berlin-Edition für Anfang Dezember vor. Die Nachricht des Musikfonds über die Zusage der hierfür beantragten Fördermittel erreichte mich genau in der Zeit, für die Irtijal in Beirut geplant war. Hoffen wir, dass wir uns möglichst bald wieder begegnen können und Konzerte unsere Sinne und Begeisterung anregen.

Mathias Maschat / biegungen im ausland, 9. April 2020

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