Bericht aus dem ausland / Olivia Block

Im ausland war die Realität der Corona-Pandemie vollends um den 10. März herum angekommen. Wir freuten uns auf die bevorstehenden Premieren zweier neuer Reihen in unserem Musik- und Literaturprogramm und rationalisierten zunächst noch die Situation, so wie das vielen Veranstalter*innen wohl ähnlich ging: Schafften Desinfektionsmittel für Eintritt/Bar/Toiletten an und Einweghandschuhe für die Bar, planten, die Gästekapazität zu begrenzen. Aber letztlich ist es egal, ob bei einer Veranstaltung 1.000 Leute zusammenkommen oder an vielen Orten je einige dutzend und dementsprechend veränderten sich auch die administrativen Vorgaben.

Wenn es nicht so bitter wäre, wollte man fast lachen über so manche coronabedingte Absurdität: Die Musikerin Olivia Block etwa war am 11. März aus Chicago in Berlin angekommen, um die nächsten beiden Tage mit Jan Werner bei uns zu proben und aufzunehmen – am 14. März hätten beide ihr erstes Duokonzert gespielt. In der Nacht auf den 12. März kündigte dann aber die US-Regierung den Einreisestopp an und Block musste nach einem knappen halben Tag im Hotel, ein paar Meter ums Eck vom ausland, den erstbesten Flug zurück nach Chicago nehmen. Wir hatten uns noch nicht einmal auf einen Kaffee getroffen, denn, sagten wir noch: „Wir sehen uns ja morgen!“ –

Nun freuen wir uns auf eine kleine Videobotschaft von ihr, die sie an unserer Stelle für das „Safe and Sound“-Format von field notes aufnimmt – und auf einen Nachholtermin mit Olivia und Jan, hoffentlich noch in diesem Jahr.

Es gibt also grade gar kein richtiges ausland, denn das ausland ist für die Begegnung von Künstler_innen und Gästen da, von Ideen und Ästhetiken und für deren Entwicklung und Erprobung: Mit ganz wenigen Ausnahmen, wo wir Einzelkünstler_innen einlassen können, haben wir auch unser laufendes Proberaumangebot vorerst auf Eis gelegt – und die von Sandhya Daemgen initiierte Residency »What's That Noise?« (https://ausland.berlin/whats-noise-cancelled-postponed) mit insgesamt acht beteiligten Künstler*innen musste ebenfalls entfallen. »What's That Noise?« planen stattdessen eine Sendung bei Cashmere Radio.

Unseren ersten von der Pandemie betroffenen Abend hatten wir kurzfristig und in Teilen als Video-Livestream (https://www.facebook.com/ausland.berlin/videos/191421285609686/ ODER https://www.youtube.com/watch?v=20UIU4aSVp0) umgesetzt: Eine für alle Beteiligten doch recht ungewöhnliche Situation! Das hatte vor Ort viel Spaß gemacht und die künstlerischen Beiträge begeisterten nicht nur uns. Weitere Streamingformate planen wir aber erst einmal nicht und versuchen, so viel Programm wie möglich auf späterhin zu verschieben. Veranstaltungen verstehen wir immer auch als Anlässe, sich zu treffen und auszutauschen, und diese Dimension kann ein Streaming nie ersetzen.

Die jetzige notgedrungene Leere im ausland nutzen wir für Dinge, die im dichten laufenden Betrieb sonst oft hintanstehen müssen: Umbauten im Raum und an der Technik sowie längerfristige konzeptionelle Planungen.

Trotz aller Ausfälle hat das ausland in der gegenwärtigen Situation noch Glück im Unglück: Als Teil des Wohnhausprojekts Lychener Straße 60, die seit 2002 unsere Gastgeber*innen sind, treffen uns die Umsatzeinbußen nicht annähernd so krass wie andere Spielstätten, auf denen oft enormer Druck durch hohe Mieten lastet. Dem ehrenamtlichen Engagement, das wir in unsere Arbeit einbringen, kann die Corona-Pandemie erst einmal nichts anhaben, und wo die Arbeit durch öffentliche Kulturförderung bezahlt wird, treffen wir auf engagierte Behörden, die möglichst flexible Anpassungen für die künstlerischen Szenen erarbeitet haben, in einer auch für sie völlig neuen Situation.

Wir sorgen uns – mit Blick auf Strukturen gesagt und von den Künstler*innen hier einmal abgesehen – um Initiativen und Orte, die für den künstlerischen Dschungel Berlins groß, für den Radar der Hilfsprogramme wiederum hoffentlich nicht zu klein oder schwer einordenbar sind, um es durch die Zeit ohne Publikum zu schaffen. Oft betrifft das ja auch kleine Cafés oder Bars, die Auftrittsmöglichkeiten bieten, formal aber eher der »Gastro« und weniger der »Kultur« zugeordnet werden – ob sie nun kollektiv organisiert sind oder von einzelnen Betreiber*innen getragen werden, die damit über den Lebensunterhalt hinaus oft auch nicht viel verdienen.

In einer übergreifenden Perspektive: Oft wird von uns Kulturschaffenden und den Verbänden, in denen wir organisiert sind, gesagt, Kultur sei Lebensmittel, und dem können wir uns prinzipiell natürlich anschließen. Die aktuelle gesellschaftliche Ausnahmesituation zeigt aber, dass das allenfalls als Metapher richtig ist.

Andere kümmern sich um Herstellung und Vertrieb der echten Lebensmittel und um die öffentliche Gesundheitsvorsorge. Und auch zu diesen haben sozial und rechtlich Deklassierte, ob an den Außengrenzen der EU oder mitten in Berlin, keinerlei oder maximal erschwerten Zugang.

Es wird ersichtlich, wie eindimensional und unbeweglich das symbolische und kulturelle Kapital, wie es im künstlerisch-kulturellen Feld und dem zugehörigen Markt und Wettbewerb maßgeblich ist und das seine eigenen Konjunkturen und Spekulationsblasen kennt, tatsächlich ist.

Vielleicht finden wir Kulturschaffenden und unsere Verbände in Zukunft Wege und Formen, uns noch trennschärfer und fokussierter den progressiven menschenrechts- und sozialpolitischen Agenden anderer Akteur*innen und Organisationen anzuschließen.

ausland, April 2020
https://ausland.berlin

Hier der Video-Bericht von Olivia Block: https://www.youtube.com/watch?v=WbrNASSj7O4