Neue Perspektiven für die Orgel

Auch nach Ende des »Jahres der Orgel« wird das Instrument konstant wiederentdeckt, erweitert und bisweilen sogar in fremde Kontexte eingebettet. Ob der Organist Thomas Noll, das Duo gamut inc. oder Phillip Sollmann und Konrad Sprenger mit ihrem »Modular Organ System«: Sie alle schaffen mit ihrem Werk neue Perspektiven auf ein Instru- ment mit langer Geschichte – und offensichtlich aufregender Zukunft.

2021 war das »Jahr der Orgel« und rückblickend wirkt das fast wie eine ironische Volte des Schicksals – war doch während der ersten Monate Live-Musik im Realraum fast ausschließlich in Kirchen und damit auf den dort zu findenden Pfeifeninstrumenten zu erleben. Doch mit der graduellen Rückkehr des Kulturlebens mehrten sich auch die Veranstaltungen, welche die Orgel ins Zentrum stellten. Auftritte von Maximilian Schnaus, Anna- Victoria Baltrusch, die Reihe »Orgel, Orgel, Orgel, Orgel, Orgel«, das Festival AGGREGATE oder Performances von Sarah Davachi im Rahmen von Kontraklang sowie zuletzt der schwedischen Komponistin Anna von Hausswolff im Kiezsalon in der Kaiser- Wilhelm-Gedächtniskirche: In unterschiedlichen Kontexten und auf verschiedene Arten wurde ein Instrument mit langer Ge- schichte immer wieder neu entdeckt und erfahrbar gemacht.

Die Faszination für das Instrument hat weder 2021 begonnen noch endet sie mit den zwölf der Orgel gewidmeten Monaten. Allein im vergangenen Jahrzehnt entdeckte eine Reihe von Komponist*innen, Musiker*innen und Klangkünstler*innen verschiedener Genres das Instrument für sich. Der Noise- und Experimental-Künstler Tim Hecker landete im Jahr 2011 mit seinem primär auf Orgelaufnahmen basierendem Album »Rave- death, 1972« einen internationalen Überraschungserfolg und auch von Hausswolff brachte in den Folgejahren einem Pop- Publikum die Qualitäten des Instruments näher. Währenddessen bildete sich um Komponist*innen wie Kali Malone oder der mittlerweile von Stockholm nach Berlin übergesiedelten Ellen Arkbro in Schweden eine Szene für eine Art von minimalistischer Klangforschung, die die Orgel ins Zentrum ihres Schaffens stellte. Zuletzt zog der Japaner FUJI||||||||||TA mit seinem selbst- gebauten Instrument weltweit viel Aufmerksamkeit auf sich.

Der Organist Thomas Noll ist einer der vielseitigsten und zugleich unkonventionellsten seines Fachs. Sein Repertoire umfasst genauso klassische Werke wie zeitgenössische Kompositionen und wenn er die eigentlich für Cembalo komponierten, vielleicht noch als Klavierinterpretationen geduldeten »Goldbergvariationen« auf die Orgel übertragen möchte, dann tut er das auch.

Noll lebt seit Anfang der neunziger Jahre in Berlin. »Damals dachte ich: Mit der Orgel ist alles möglich. Wobei sich genau das aber nicht auf das klassische Repertoire bezog«, erinnert er sich. »Diesem Instrument kann man eine bestimmte Sprache und Kosmologie abgewinnen, es bietet eine ganze Menge Erlebniswert.« Deshalb verschreibt er sich auch zunehmend der Vermittlungsarbeit und möchte Komponist*innen für das Instrument gewinnen. Schwierig ist es lediglich, aus dem ersten Funken der Begeisterung ein nachhaltiges Feuer zu entfachen: Oft fehlt das Geld, um nach einer erstmaligen Zusammenarbeit größere Projekte weiterzuverfolgen. Noll ist zwar durchaus der Meinung, dass es auch in der klassischen Orgelmusik noch allerhand Ungewöhnliches und Aufregendes zu entdecken gibt, regt aber auch immer wieder Versuche an, die Orgel kompositorisch, ästhetisch oder gar technisch neu zu entdecken. Nicht immer stößt das auf Gegenliebe oder gar Verständnis.

»In der Organist*innenszene wird sich bisweilen gegen Versuche mit Elektronik gewehrt und stattdessen darauf beharrt, es doch so zu halten, wie es immer war«, berichtet er. »Dabei ist die Orgel über ihre Geschichte hinweg ein Innovationsschiff gewesen! Und aktuell sind klangliche Innovationen wieder auf dem Weg.« Mit der »Nikolai-Musik am Freitag« in Berlin-Mitte stellt er deswegen bei seinen Auftritten zeitgenössische Musik in den Mittelpunkt, etwas, woran es ihm übrigens im »Jahr der Orgel« mit Blick auf die Programme gefehlt habe, wie er betont. »Ich habe die Orgel jenseits des Klischees erlebt und möchte das auch anderen Menschen ermöglichen«, lautet also wie noch vor dreißig Jahren die Losung Nolls.
Spricht Noll über die Orgel, dann von einem Instrument, das für ihn ebenso autonom wie säkular ist. »Sie hat ihre rituellen Aufgaben, aber das ist nur ein Teil ihrer langen Geschichte«, sagt er und räumt zugleich ein: »Die Kirchen sind in Sachen Orgel Ermöglicherinnen, beanspruchen aber auch Nutzungs- und Deutungshoheit.« Doch finden selbst in Kirchen mittlerweile Orgelabende unter anderen Voraussetzungen statt. »Während der Konzerte stellt sich oft etwas sehr Kontemplatives und Ritualistisches ein, das aber nicht zwangsläufig religiös konnotiert sein muss«, erzählt Marion Wörle über die Veranstaltungen, die sie unter dem Namen AGGREGATE gemeinsam mit ihrem Partner Maciej Śledziecki in Kirchen und Konzerthäusern überall auf der Welt ausrichtet. »Ein ähnlicher Zustand aber setzt schon ein und vielleicht lässt sich das als das Neudefinition des Rituals in diesem Raum bezeichnen.«

Die Computermusikerin und der Komponist haben sich unter dem Namen gamut inc. schon vor langem »retro-futuristischer Maschinenmusik und Musiktheater« verschrieben, wie es auf der Homepage des Duos heißt. Als sie vor über einem Jahrzehnt erstmals mit den Möglichkeiten computergesteuerter Pfeifenorgeln konfrontiert wurden, schien das wie eine Fügung des Schicksals. »Wir machen schon seit langem automatisierte Musik und für uns stellte die Orgel eine echte Entdeckung dar: die ultimative Musikmaschine! Das Miteinander von Instrument und Elektronik ergibt eine fantastische Symbiose.« Nach langer Recherche entdeckten Wörle und Śledziecki immer mehr Instrumente, die für ihr Projekt infrage kamen und, also elektronisch steuerbar waren. AGGREGATE war geboren, eine quasi welt- umspannende Veranstaltungsreihe, die im Jahr 2021 in unter anderem Amsterdam, Stavanger, Düsseldorf und natürlich auch Berlin Halt machte und welche die beiden 2022 nach einer geplanten Residency in Kyoto unter anderem nach Paris und Gent führen wird.
Der Ansatz von AGGREGATE ist ein dezidiert offener. »Wir wollen mit unseren Veranstaltungen denjenigen Leuten einen Zugang zur Orgel bieten, die zuvor gar keinen hatten. Diese Instrumente sind normalerweise unter Verschluss, nur Organist*innen oder Kirchenmusiker*innen haben Zugang dazu«, erklärt Wörle. In der Reihe präsentieren deshalb überwiegend, aber nicht ausschließlich Künstler*innen und Komponist*innen aus der Com- puter- und elektronischen Musik neue Werke für die »Hyperorgel« von gamut inc.

Das Publikum der bisherigen AGGREGATE- Veranstaltungen sei über die Jahre hinweg dementsprechend gemischt gewesen und auch die Kirchen selbst hätten den vermeintlich ikonoklastischen Ansatz gewürdigt: »Wir standen nie vor verschlossenen Türen, stattdessen gingen sie immer weiter auf«, lautet das Resümee. Wie schon Noll konstatiert aber auch Wörle, dass die Entwicklungen der vergangenen Jahre noch vor wenigen Jahrzehnten so nicht denkbar gewesen wären. »In den achtziger Jahren wäre es nicht in dem Maß möglich gewesen, sich diese Räume neu zu erschließen«, gibt sie zu.

Wo sie und ihr Partner allerdings noch weitgehend mit den dort vorhandenen Instrumenten bestehende Räume umcodiert und ästhetisch unter anderen Vorzeichen neu auflädt, gehen andere noch einen Schritt weiter. Phillip Sollmann und Konrad Sprenger (bürgerlich: Jörg Hiller) präsentierten noch Ende August 2021 bei AGGREGATE ein Werk in der Berliner Auen- kirche, widmen sich aber bereits seit Jahren schon ihrem eigenen »Modular Organ System«. Sollmann näherte sich über seine Beschäftigung mit Sirenen dem Schaffen Sprengers an. »Er hat schon vor 20 Jahren mit stimmbaren Orgelpfeifen experimentiert. Ich erinnere mich noch an eine Konstruktion mit Motoren an Orgelpfeifen, aber das hat alles nicht so richtig geklappt«, sagt Sollmann rückblickend. »Vor etwa fünf Jahren haben wir uns darüber unterhalten und uns dazu entschieden, eine Orgel zu kaufen! Wir haben uns diverse Pfeifen und Gebläse gebraucht gekauft und damit experimentiert.« Das so entstandene »Modular Organ System« wurde im Jahr 2017 in der Kestner Gesellschaft in Hannover erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

Doch worum handelt es sich eigentlich? Keineswegs um eine Pfeifenorgel im traditionellen Sinne, wie allein ein Blick auf die bisweilen futuristisch anmutenden, scheinbar wahllos im Raum verteilten Schläuche sofort beweist. »Uns interessiert die traditionelle Orgel nicht unbedingt, wir haben uns nur die Technik angeeignet und auf Möglichkeiten befragt, wie sie anders anzugehen wäre, auch hinsichtlich Materialien und Formen«, erklärt Sollmann den dahinterstehenden Gedanken. In ihrem Ansatz nutzen sie die Eigenarten und akustischen Gegebenheiten des jeweiligen Orts. »Abhängig von der Größe, der Qualität und anderen Parametern des Raums finden sich darin verschiedene Objekte, die durch unterschiedliche Resonatorenformen verstärkt werden und einen gerichteten Klang haben.« Eine begehbare Orgel also, auch das ist eher ungewöhnlich. Wobei der Fokus weniger auf der Partizipation, sondern der Rezeption durch das Publikum liegt, wie Sollmann betont. »Die Besucher*innen können an den Objekten nichts ändern, aber aktives Hören ist der zentrale Aspekt unserer Arbeit. Ich würde nicht sagen, dass wir Musik machen. Vielmehr handelt es sich um Klang, der im Raum steht und nur in seiner Gänze erfahrbar ist, wenn sich das Publikum durch ihn hindurch bewegt.«

Nach einem guten Dutzend Aufführungen und Installationen bringen Sollmann und Sprenger nun im Rahmen des CTM in Kollaboration mit singuhr – projekte berlin dieses Prinzip in die Betonhalle des silent green und lassen zwischen dem 19. und 30. Januar auch andere ihr Instrument bedienen. »Eine Tastatur gibt es nicht, auch wenn alles computergesteuert ist. Die Möglichkeit, perkussiver oder rhythmischer drauf zu spielen, besteht aber«, so Sollmann. »Theoretisch können alle damit machen, was sie wollen. Manche komponieren, aber wir wünschen uns auch einen Dialog.« In den eintreten können dann der Komponist Arnold Dreyblatt, selbst vor langer Zeit kurzzeitig im Orgelbau aktiv, das neu gegründete mikrotonale Blechbläsertrio Brass Abacus bestehend aus Robin Hayward, M.O. Abbott und Henrik Nørstebø, die Komponistin Ellen Arkbro, der Schlagzeuger Will Guthrie sowie die Organistin Kali Malone und der Gitarrist Stephen O’Malley. So wird der »gewaltige tonale Raum«, von dem Sollmann hinsichtlich des »Modular Organ System« schwärmt, noch um weitere Positionen ergänzt und die nicht auf Narration ausgerichteten mehrstündigen Erlebnisse um andere Elemente erweitert.

Was heißt das also für die Orgel, nachdem das ihr gewidmete Jahr verstrichen ist? Nur das Beste, offensichtlich. Die Bemühungen von Thomas Noll, dem Duo gamut inc. und dem Doppel- gespann Sollmann-Sprenger richten sich auf unterschiedliche Arten darauf, das Instrument mit all seinen möglichen Erweiterungen und sogar alternativen Bauweisen neu erfahrbar zu machen – ob nun für unterschiedliche Komponist*innen oder Pub- lika. Die Faszination Orgel, sie wird so sicherlich noch lange anhalten.