»Ich mache keine Music for Airports, sondern Musik für TXL!« Gespräch mit Emeka Ogboh

Emeka Ogboh steht auf einem Minigolfplatz in Neukölln und fühlt sich »super«, wie er sagt, aber auch erschöpft. Gerade ist er von einer beruflichen Reise nach Berlin zurückgekehrt und muss bald schon wieder das nächste Projekt in Angriff nehmen. Jetzt aber ist er zuerst auf eine Hochzeit geladen, die Sonne scheint und die Straßen der Stadt sind so voll wie schon seit Monaten nicht mehr. Berlin brummt. Dem nigerianischen Künst- ler aber ist das immer noch zu leise, denn als Inspiration für seine künstlerische Arbeit greift er wesentlich häufiger auf Aufnahmen der Klangkulisse einer anderen Stadt zurück: der 14-Millionen-Metropole Lagos.

Das nächste anstehende Projekt allerdings stellt eine Verbindung zwischen beiden Städten her. Im Rahmen des Festivals sonambiente berlin txl hat Ogboh eine Klanginstallation konzipiert, die die zahllosen Lautsprecherdes stillgelegten Flughafens Berlin-Tegel ein letztes Mal mit Ansagen füllen.

Obwohl die Szene für elektronische Musik in der Stadt einen großen Einfluss auf dich hatte, hast du auch einmal gesagt, dass dir in deiner Anfangszeit in Berlin das Einschlafen schwerfiel – es war hier einfach zu leise für dich.

(lacht) Dasselbe würde dir vermutlich auch passieren, wenn du nach Lagos gingest! Du bist schließlich an die Ruhe hier gewöhnt. Ich komme aus einer lauten Umgebung. Von Lagos nach Berlin zu ziehen, kam einem Wechsel von 1.000 dB zu 100 dB gleich und das hat sich auf meinen Schlaf ausgewirkt. Ich bin es wohl ein- fach gewohnt, dass ständig etwas zu hören ist und es sieht ganz so aus, als bräuchte ich das zum Einschlafen. Weil es das aber nicht gab, musste ich einen Ersatz finden. Eine Lösung war es, Musik oder die Soundscapes laufen zu lassen, die ich in Lagos aufgenommen habe.

Lagos hast du als »Komponistin« bezeichnet. Handelt es sich bei Berlin ebenfalls um eine? Wie nimmst du den Soundscape der Stadt wahr?

Je mehr Zeit ich Berlin verbrachte, desto weniger hat es mich interessiert, die Stadt aufzunehmen, weil es wirklich nichts gibt, das sich aufnehmen ließe, zumindest im Vergleich mit Lagos. (lacht) Das hat viel damit zu tun, wie eine Stadt verwaltet wird, denke ich. In Lagos stellt eine Kirche oder Moschee ihre Laut- sprecher draußen auf und bombardiert die Leute mit Predigten, oder Menschen schmeißen eine Party und spielen die ganze Nacht lang Musik. Sound wird dort nicht auf dieselbe Art reguliert, wie das in Berlin der Fall ist, weshalb du die Komposition, die Zusammensetzung der Stadt hörst, was wiederum darauf zurück- geht, wie die Stadt geplant wurde und wie sie verwaltet wird.

In Berlin gibt es Lärmvorschriften. Du kannst nicht einfach ohne Weiteres deine Autohupe verwenden oder in der Öffentlichkeit laut Musik hören! Es scheint eine gewisse Aversion gegen laute Geräusche und Lärm zu geben. Die einzigen lauten Geräusche, die du hörst, sind der »government sound«, der Lärm der Sirenen, mit dem du konfrontiert wirst. Aber ja, jede Stadt ist eine Komponistin, nur kann ich im Falle von Berlin wenig mit ihrer Komposition anfangen! (lacht) Der Soundscape von Lagos ist typisch für viele Hauptstädte im Globalen Süden und all das lässt sich auf die Stadtplanung zurückführen.

Womit wir beim eigentlichen Thema angekommen wären: Deine Arbeit für das Festival sonambiente nimmt ein Gebäude in den Fokus, das viele als Meisterwerk architektonischer Planung betrachten, den Flughafen Tegel (TXL). Im Vorgespräch zu unserem Interview hast du erwähnt, dass du eine sehr persönliche Beziehung zu ihm hast.

Ich reise viel, weshalb zwei Flughäfen für mich wirklich wichtig sind, und zwar die der Städte, in denen ich lebe: Berlin TXL und Lagos MMA. TXL gehört zu den Orten, an denen ich sehr viel Zeit verbracht habe. Selbst wenn es günstiger war, den Flieger von Schönefeld aus zu nehmen, gefiel mir der Flughafen immer besser. Mal ehrlich, es war einer der bequemsten Flughäfen der Welt! Total entspannt. Ich war so oft dort, ich kenne dort jeden Winkel.

Wie gehst du die Arbeit in konzeptioneller Hinsicht an?

Für mich handelt es sich um ein nostalgisches Projekt. Als wir vor ein paar Wochen für einen Rundgang TXL besucht haben, war ich ein bisschen schockiert. Ich kenne diesen Flughafen und habe ihn ganz anders wahrgenommen, doch als ich dort ankam, war er wie ausgestorben. Das hat mich ziemlich getroffen. Die Flughafenansagen, das Gemurmel und Geschnatter der Besucher*innen fehlten. Zugleich aber taten sich viele Verbindungen und Gefühle der Vertrautheit auf ... Das Gebäude ist noch da, einige der Schilder und Displays sind noch da, obwohl sie ausgeschaltet wurden. Als ich mich durch die Räume bewegte, fing mein Gehirn an, die Klänge wieder aufleben zu lassen. So wie in einem Film, wenn jemand einen bestimmten Ort aufsucht und dort ein Déjà-vu erlebt, eine Art Nachstellung der Ereignisse, von draußen angefangen: die Busse und Taxen, die vor dem Gebäude halten und aus denen die Fahrgäste aussteigen, Autos, mit denen geliebte Menschen zum Flughafen gebracht werden. Dann geht es durch die Drehtüren und du wirst von der Atmosphäre des Ortes geschluckt. Das Geräusch von Schritten, Menschen zerren ihr Gepäck durch die Gegend und bewegen sich von hier nach dort, die Klänge von Trolleys, Gruppen von Steward*essen auf dem Weg zu ihrem Flieger, wortkarge Polizeistreifen, Ansagen über die Lautsprecheranlage, einsilbige Telefongespräche, die Schlangen vor der Sicherheitskontrolle, anlaufende Gepäckbänder ... Also werde ich in der Komposition mit Themen der Erinnerung, der Ortszeit und Nostalgie arbeiten. Es handelt sich um eine elektroakustische Komposition, die elektronische Musik mit Feldaufnahmen und aufgenommenen Ansagen kombiniert. Uns stehen ein Archiv von Klangaufzeichnungen aus und um den Flughafen herum sowie die Ansagen in deutscher und englischer Sprache zur Verfügung.

Das ist der Ausgangspunkt und die Inspiration für das, was ich als Komposition für TXL zusammenbringen werde.

Dazu kannst Du auf die vielen Durchsagelautsprecher zurückgreifen. Was wirst du mit denen machen?

Wenn ich an Musik für Installationen arbeite, versuche ich ein immersives Erlebnis zu schaffen, indem ich mit einem mehrkanaligem Audio-Setup arbeite und verschiedene Lautsprecher auf unterschiedlichen Höhen und an verschiedenen Stellen eines Raums anbringe. Die Möglichkeit habe ich in TXL nicht. Klar, es sind sehr viele Lautsprecher, doch kann ich nicht indi- viduell mit ihnen arbeiten und sie sind an der Decke fixiert. Meine Komposition werde ich also über die Lautsprecher in bestimmten Gates des Flughafens abspielen.

Es gibt eine musikalische Tradition, die sich dezidiert mit Flug- häfen und anderen Nicht-Orten auseinandersetzt. Brian Enos Ambient 1: Music for Airports ist ikonisch geworden und hat viele Repliken nach sich gezogen, zuletzt etwa Chino Amobis im Jahr 2016 veröffentlichtes Album Airport Music for Black Folk. Waren diese Tradition und der dazugehörige Diskurs etwas, das dich interessiert hat?

Brian Eno hat Music for Airports gemacht, um die Menschen zu beruhigen und ihren Verstand zu stimulieren, während sie sich im Flughafen befinden. Ich mache aber keine Music for Airports, sondern Musik für TXL! Und das nicht etwa im Stile eines Brian Eno, weil es mir nicht darum geht, jemanden zu besänftigen. Ich versuche, Erinnerungen an TXL zu wecken, indem ich Feldauf- nahmen, Aufzeichnungen von Ansagen und Musik kombiniere, um die Gespenster dieses Flughafens wiederzuerwecken. In technischer Hinsicht ähnelt das schon eher dem, was Chino Amobi getan hat. Mir gefällt es, wie Chino Aufnahmen von Stimmen und Körpergeräuschen mit Musik kombiniert hat. In die Richtung bewege ich mich auch, auch wenn ich mich auf die Herauf- beschwörung von Nostalgie fokussiere. Chino hat sich gegen Brian Eno positioniert und herausgestellt, dass es ein Privileg ist, einen Flughafen als Umfeld der Ruhe wahrnehmen zu können, weil er sich dem aus der Perspektive eines Schwarzen Körpers näherte.

Bei der Eröffnung wirst du auch auflegen, was du regelmäßig bei Vernissagen tust. Worin besteht die Verbindung zu deiner künstlerischen Praxis?

Ich liebe Musik! Wenn uns etwas zusammenbringt, dann sie. Mir gefällt es, die Leute zum Tanzen zu bringen und ihnen ein gutes Gefühl zu verschaffen und das gelingt mir durch die Musik, die ich spiele. Es wird zum Teil der Eröffnung und lässt das Publikum die Ausstellung anders erfahren. Die verlassen sie mit einem guten Gefühl. Dass eine Verbindung zu meiner künstlerischen Praxis besteht, würde ich nicht unbedingt sagen. Vielmehr bin das eher ich als Person, der die Leute in Bewegung versetzen und ihnen eine gute Zeit garantieren will. Das ist aber ein Knochenjob, dazu braucht es viel Hingabe. Ich würde niemals ein Vollzeit-DJ sein wollen! Es freut mich, es gelegentlich zu machen, vor allem nach diesem langen Lockdown. Es ist also nicht Teil meiner Praxis, sondern eine Ergänzung dazu. Es hilft mir auch, zur Ruhe zu kommen, denn der ganze Vorgang der Planung und Organisation einer Ausstellung ist manchmal stressig.