BERTA BERLIN

2020 hat in Berlin wohl kaum jemand mehr Live-Konzerten beigewohnt als Beat Halberschmidt. Mit Jean-Paul Mendelsohn gründete er Ende 2019 die Videoplattform berta.berlin und ihr erstes Jahr verlief wesentlich bewegter als erwartet. Mit einem Archiv von über einhundert Videokonzerten hat sich berta.berlin schnell zur Quelle für einen interessanten und vielfältigen Querschnitt durch einen großen Teil von Berlins Musikszene entwickelt. Zugleich nahm sie in der besonderen Situation des letzten Jahres gleichzeitig die Funktion einer Art Rettungsleine für viele Musiker*innen an.

Das Grundkonzept von berta.berlin ist es, spannende Live-Performances digital zugänglich zu machen und die Vielfalt und Qualität der Berliner Szene darzustellen. Gleichzeitig gibt es mittlerweile auch Videos, die bei Fortsetzung des Status Quo schon bald auf tragische Weise die Bedeutung eines archäologischen Dokuments von gewissen Spielorten gewinnen könnten. Was unterscheidet die Videos von berta.berlin von der Flut der Live-Streams des vergangenen Jahres und gibt ihnen ihre besondere Qualität? Die beiden Macher sind davon überzeugt, dass das Digitale letztendlich kein adäquater Ersatz für das Live-Erlebnis sein kann. Doch ihre Überlegungen, dieses authentisch und für ein Erfahren am Bildschirm sinnvoll abzubilden, lassen das Konzept aufgehen.

Pate bei der Umsetzung standen Tiny Desk Concerts von NPR, die sich vor allem durch den großartigen Sound von Josh Rogosin hervortun und mit ihrer visuellen Nähe zu den Künstler*innen eine eigene Ästhetik zu den bis dahin üblichen Konzertvideos entwickelt haben. berta.berlin vereint hochwertige Tonaufnahmen mit Bildern von nur einer Kamera. Dadurch sind Zuschauer einerseits näher an der*dem Performer*in und andererseits gibt es eine größere Ruhe im Konzerterlebnis. Statt vieler Edits und Cuts dominiert der ruhige aber sich ständig bewegende Blick nur eines Augenpaares.

Überzeugt von dem Ein-Kamera-Prinzip hatte Halberschmidt der Mitschnitt eines Konzerts seiner eigenen Band Mokete Mokete im Sommer 2019. Beim Start des Showcase-Reihe LIVING IN A BOX aus dem Club GRETCHEN steckte dann eine der Kamerafrauen in Frankreich fest, die andere war in Quarantäne – so musste er selbst ran.

Gleichzeitig macht dieses Prinzip durch wegfallende Edit-Arbeiten auch die schnelle Verarbeitung von der vorhandenen Fülle von Konzertvideos erst möglich. Am Ende leben aber sowohl die Qualität von Ton als auch Bild davon, dass Halberschmidt Musiker und als solcher in vielen Bereichen aktiv ist: Jazz, Impro, Pop und Tanz bei Lychee Lassi, Mokete Mokete, Marteria und Marsimoto.

Diese vielseitigen Interessen machen sich im breitgefächerten Portfolio der Videos bemerkbar. Hier stehen unter anderem nebeneinander: Ein Impro-Konzert im West Germany von Jermyn/Gropper/Eldh/Black, Solos von Els Vandeweyer, Kalle Kalima, Johanna Borchert und Julia Reidy, SPOILER im Sowieso, Richard Koch in den Glindower Alpen, Dell/Lillinger/Westergaard zu Hause, Berlin Lobster im Club GRETCHEN, Greg Cohen und Eldar Tsalikov im Donau 115, Real Geizt im Lido und Cäthe auf dem Parkplatz des Club GRETCHEN, »Drops and Seeds« im Radialsystem, Derya Yıldırım im Club GRETCHEN und die Nakibembe Xylophone Troupe im Festsaal Kreuzberg.

Dass Konzerte nicht nur aufgenommen und live gefilmt, sondern in Partnerschaft mit dem Club GRETCHEN auch selber kuratiert und veranstaltet wurden, war ursprünglich nicht geplant, wurde aber durch den ersten Lockdown ausgelöst. LIVING IN A BOX wurde für viele eine Alternative zu mittelmäßigen Livestreams und bietet einen Blick auf weitergeführte künstlerische Arbeit und Recherche, die auch noch in Zukunft valide sein und mehr als nur ein Relikt aus einem katastrophalen Jahr darstellen werden.

Ob das Konzept des Projektes aufgeht, wird für Halberschmidt und Mendelsohn erst nach dem dritten Jahr und nach dann voraussichtlich knapp 500 Konzertvideos feststehen. Zahlreiche Kooperationen, um noch mehr und vor allem ein neues Publikum zu erreichen, oder um im digitalen Kulturraum neue Verdienstmöglichkeiten für Künstler*innen zu schaffen, sind in Arbeit. Bis dahin sieht es so aus, als wenn die Berliner Szene erstmal die Video-Plattform bekommen hat, die sie verdient – sie hätte zu keinem besseren Zeitpunkt ankommen können.

Hier findet ihr eine für field notes kuratierte Auswahl-Playlist von berta.berlin-Videos.