Ein Interview mit Mark Barden über seine interaktive Komposition / field notes #19

Zum 200jährigen Bestehen des Konzerthaus Berlin erarbeiteten der Komponist Mark Barden und der Visual Artist Julian Bonequi zusammen eine interaktive Komposition. Dabei konnten sie auf die Ressourcen der seit 2016 bestehenden Kooperation des Konzerthaus Berlin und der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin für innovative Vermittlungskonzepte für klassische Musik im digitalen Raum zurückgreifen. Ihr Gemeinschaftswerk »ˈʊmˌvɛltn̩ « bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Neuer Musik, visueller Kunst und Virtual Reality. Augen und Ohren sind in dieser virtuellen Realität gleichberechtigt: Nutzende bahnen sich per VR-Brille individuell mitkomponierend einen Weg durch einen phantastischen Kosmos der Pflanzenwesen und Klänge, in der keine Aktion ohne Reaktion bleibt. Wie anschlussfähig das Projekt an aktuelle Debatten zum Umgang mit unserem Planeten ist und wie es mit dem Konzerthausorchester Berlin umgesetzt wurde, erzählt Komponist Mark Barden Annette Zerpner hier im Interview.

Was erwartet Nutzer*innen, die die VR-Brille aufsetzen, um das interaktive Kompositionsprojekt »ˈʊmˌvɛltn̩ « zu erforschen?
Mark Barden: Meine Klänge sind an Pflanzen und Objekte eines virtuellen »Gartens« gekoppelt, mit denen die Nutzer*innen in Kontakt treten. Sie können diese von Zeichnungen des Zoologen Ernst Haeckel inspirierten Wesen in 3D dann verändern. Die Steuerung und das Zusammenspiel im Raum haben Visual Artist Julian Bonequi und ein Entwicklerteam der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin verwirklicht. Julian hat den Kern des Projekts sehr schön zusammengefasst: Man erlebt die Partitur auf haptische Weise. Wie in einem Wachtraum ist alles möglich: Wenn Du Dich mit offenen Augen näherst, wenn Du etwas berührst, ohne es zu zerstören, wirst Du etwas hören.

Wenn man Deine Klänge für das Projekt hört, fragt man sich oft, wer oder was sie erzeugt. Vieles klingt synthetisch, wurde aber tatsächlich komplett von Mitgliedern des Konzerthausorchesters Berlin auf ihren Instrumenten erzeugt. So bekommen Deine Klangflächen auch etwas Verunsicherndes, Irritierendes – genau wie der visuelle Teil des Projekts mit seinen nicht eindeutig zu definierenden Schimären.
Wenn man bestimmte Klänge als unangenehm empfindet, hat man im virtuellen Garten nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Verantwortung, sie für sich zu verändern oder auszuschalten. Jeder ist Komponist*in einer eigenen Welt. Dadurch stellen sich grundlegende Fragen zur Identität eines Musikstücks, die mich als Komponist natürlich beschäftigen: Wenn ich ermögliche, dass für eine Person etwas sehr Ruhiges entsteht, für eine andere dagegen etwas Chaotisches – ist es dann noch dasselbe Stück, das beide hören? Worin besteht dessen Essenz, und wie kann man sie aus verschiedenen »Blick«-Winkeln zeigen, ohne dass es willkürlich wird?

Du gibst einen größeren Teil der Kontrolle über Dein Werk ans »Publikum« ab, als es Komponist*innen normalerweise tun.
Großartige Musik in einem Konzertsaal zu hören, ist eine tolle Sache. Aber es bleibt eine passive Erfahrung. Wir nehmen die gespielte Musik zwar individuell unterschiedlich wahr, haben dann aber keine Steuerungsmöglichkeiten, sie unseren Wünschen entsprechend zu modifizieren. Ich möchte den Nutzenden nicht nur meine Klänge näherbringen, sondern ihnen auch etwas Macht geben, eine Entscheidungsfreiheit. Wie weit sie das annehmen, wird sicher sehr unterschiedlich sein.

Es gibt also unendlich viele Wege und damit Klangstrecken durch die Installation?
Theoretisch ja. Wir haben so viel Material, dass man leicht eine Installation von zwei Stunden daraus machen könnte. Natürlich sind meine Klänge kuratiert, sie sind ausgesucht, auf eine Art spezifisch, aber die Verhältnisse sind offen. Sie werden von den Nutzenden bestimmt.

Für die Klänge der Schlagwerker wurden zahlreiche Alltagsdinge wie verschiedene Sorten Reis, Bohnen, Fruchtsaft, Latexhandschuhe und elektrische Zahnbürsten beschafft. Für das Solocello hast Du beispielsweise eine eingespannte CD oder Klebemasse auf dem Griffbrett gefordert. Wie haben die Orchestermitglieder darauf reagiert?
Diese Situation ist immer spannend: Wird ein Orchester mich als Komponisten ernst nehmen und meinen Weg mitgehen? Die Mitglieder des Konzerthausorchesters sind auf meine Ideen sehr engagiert eingegangen. Und es hat ihnen offensichtlich auch Spaß gemacht, einmal im positiven Sinne kindlich und ausprobierend an Klänge heranzugehen.