Vierseitig

Rezension von Konstantin Parnian. Aus unserem Praxisseminar »Schreiben über neue Musik« 2019

Mit vier Kompositionen aus jüngster Zeit begründete das Sonar Quartett in den intimen Räumlichkeiten der Berliner Kabarett Anstalt am 10. September 2019 das neue Format »Sonar Quartett & Friends«. Die Reihe Unerhörte Musik – einige Monate vor dem Berliner Mauerfall am BKA-Theater ins Leben gerufen – bietet seit nunmehr dreißig Jahren in bisher über 1200 Konzerten eine wöchentliche Bühne für zeitgenössische Musik. Jeden Dienstag gibt es die Möglichkeit, in schummrigem Licht bei einem Getränk und in einer Atmosphäre, die eher an Varieté als an Konzertsaal erinnert, Kompositionen der letzten Jahre und Erstaufführungen von etablierten Ensembles sowie Newcomern zu erleben.

Klangzentrum

Abgewandt sitzen die vier Musizierenden im Halbkreis auf der nur leicht erhöhten Bühne – in sich versunken, versunken im Klang. Sachte und langsam schälen sich die Tonschichten aus den Körpern ihrer Instrumente, zirkulieren, wabern, vibrieren im Raum. Das Konzept von »Lunik 1«, einer Eigenkomposition des Sonar Quartetts aus dem letzten Jahr, erfordert Konzentration: Lange Liegetöne lösen sich in den einzelnen Stimmen nur ganz allmählich gegenseitig ab, unmerklich und doch so präsent. Das Ergebnis liegt in der Kontemplation: Als verharre die Zeit, ohne dabei zu erstarren, als Kreise alles in sich, gleich dem Tonkreis der ›Teufelsmühle‹. Ein ständiges bei sich selbst sein und zugleich bei den anderen, verlangt das Werk von Ausführenden wie Publikum gleichermaßen: Wegdriften und Sammeln, eine meditative Auflösung im Klang.

First Friend

Der Gast des Abends, die Sopranistin Juliet Fraser, betritt für den zweiten Programmpunkt die Bühne. Heinz Holligers »Increschantüm« aus dem Jahr 2014 verarbeitet den Tod seiner Frau und verwendet hierfür die rätoromanische Lyrik der Dichterin Luisa Famos. »Heimweh« heißt der Titel übersetzt; und Assoziationen dieser Sehnsucht spiegelt auch die Musik. Suchend irrt die einzelne Stimme durch das verschwommene Streichergewirr aus dem sich immer wieder Konturen hervorheben und wieder abtauchen. Fraser führt die Gesangslinie minutiös sowohl mit, als auch gegen die Instrumentalstimmen. Die sensible Tongebung und Artikulation verleiht den fremden Worten der Vallader Mundart Eindringlichkeit und Gefühl.

Akustische Infragestellung

Auch zuvor waren die Instrumente mikrofoniert, nun treten technische Mittel mit in den Vordergrund. Karen Power hat »here not here« für Streichquartett und quadrophonisches Band geschrieben, ein Konglomerat zahlreicher Schallelemente. Die irische Komponistin verhandelt in ihren Werken oft die Musikalität der alltäglichen Umwelt, indem sie etwa, wie auch hier, Aufnahmen von Naturphänomenen verarbeitet. In Kombination mit dem Streichquartett stellt sie Klanglichkeit fundamental in Frage, wenn das Tönen der Instrumente kaum mehr vom Rauschen, Zwitschern und Zirpen der Bandaufnahme zu differenzieren ist. Schon der Ansatz, konservierte Naturgeräusche abspielen zu lassen, verweist auf eine Paradoxie, die sich auch im Titel widerspiegelt: da und doch nicht da. Durch das Gehör können sich unzählige Assoziationen eröffnen, die trotz ihrer fehlenden Materialisierung als Gedanke in diesem Moment doch existieren.

Stürmischer Abschluss

Gleich einem Feuerwerk entladen sich die vier Instrumente im letzten Stück des Abends. Die Spielenden zeigen mit kraftstrotzender Virtuosität, dass sie nicht nur in den langen Bögen zusammenfinden, sondern auch rasende Tempi beherrschen. Wie Raketen schnellen und wirbeln Figurationen durch die Lagen und betonen entgegen der dekonstruktivistischen Ansätze zuvor wieder voll und ganz den Streicherklang, treiben ihn zugleich ins Extreme. Mit dem Titel »moving accents and other stories« macht Michael Wertmüller auf das narrative Potenzial von Agogik und musikalischer Artikulation aufmerksam. Ob man auf zeitgenössische Musik noch Goethes berühmten Ausspruch anwenden kann, das Musizieren eines Streichquartetts gleiche einem Gespräch vier vernünftiger Leute, ist fraglich. Doch eines ist klar: erzählt wird mit dieser Musik noch immer Vieles. Vielleicht abwechslungsreicher denn je.