Kirsten Reese: Opposite Editorial / field notes #10

Liebe Leser*innen,

das Jahr beginnt mit Ultraschall Berlin, eines der großen Festivals zeitgenössischer Musik. Die nur fünf Festivaltage sind randvoll mit Konzerten in unterschiedlichen Formaten, umrahmt mit Orchesterkonzerten des Deutschen Symphonie-Orchesters. Nicht zu übersehen ist die hohe Dichte an Aufführungen weiblicher Komponistinnen: Bei den beiden großen Orchesterkonzerten ist die Genderbeteiligung paritätisch und auch der Rest des Programms erklingt erfreulich durchmischt. Solange dies keine Selbstverständlichkeit ist, sollte man (und Frau) nicht müde werden, diese Beobachtung herauszustellen. Ich freue mich natürlich als Komponistin darüber, vor allem aber als gemeinschaftlich Musikhörende, als Publikum. Denn welch trauriges, verstaubtes und unpolitisches Bild der zeitgenössischen Musik vermittelt sich, wenn wieder einmal oder immer noch Programme mit ausschließlich oder größtenteils männlichen Komponisten angeboten werden?

Aber auch abgesehen davon bietet die diesjährige Ultraschall-Ausgabe ein vielfältiges Programm! Besonders freue ich mich auf das Solo-Recital von Séverine Ballon und ihren Soloauftritt im letzten Orchesterkonzert; auf das Konzert des Trios aus Sebastian Berweck, Silke Lange und Martin Lorenz, die als Synthesizer-Formation sozusagen die historische Aufführungspraxis elektronischer Musikinstrumente in Angriff nehmen; und die Aufführung von Enno Poppes »Rundfunk«, bei der das ensemble mosaik ebenfalls ausschließlich verschiedene Synthesizer und Keyboards spielt. Die komplexe Komposition wurde bereits bei verschiedenen Festivals aufgeführt und so ist zu erwarten, dass die Interpretation des Ensembles, das Musizieren über den langen Bogen der Komposition hinweg von Auftritt zu Auftritt immer dynamischer und intensiver wird – ein selten gewagtes, selten erfahrbares, besonderes Erlebnis der Live-Interpretation elektronischer komponierter Musik!

Und dann erlaube ich mir noch einen Hinweis in eigener Sache: Der Audiowalk »Berlin Rosenthaler Platz« des Schriftstellers David Wagner und mir wurde beim beim BAM! Festival uraufgeführt und ist seitdem begehbar. Der Live-Operngesang der Uraufführung vermischt sich nun über Kopfhörer mit der alltäglichen Geschäftigkeit des Ortes. Der Walk ist wahrhaft »immersiv«, indem er über die künstlerische und technische Überlagerung von Hören, Gehen und Beobachten an den abgegangenen Orten vielfältige Erinnerungsschichten und unerwartete Wahrnehmungen abruft. An sonnigen Herbsttagen oder bei schlechtem Wetter – am Rosenthaler Platz ist immer was los.

Viel Vergnügen bei der Lektüre wünscht

Kirsten Reese