Interview mit der Klangwekstatt Berlin

Die Klangwerkstatt Berlin widmet sich vom 1. bis 18. November 2018 aktueller Musik über Genre- und Generationengrenzen hinweg. In 20 Konzerten präsentiert das Festival mehr als 20 Ur- und deutsche Erstaufführungen, Musiktheater sowie ein Podiumsgespräch über spartenübergreifende Praxis der Neuen Musik. Vorab sprachen wir mit dem künstlerischen Leiter und Komponisten Stefan Streich über Schwerpunkte und Ausrichtung der diesjährigen Festivalausgabe.

field notes: Was hat euch dazu bewogen, das Thema »Grenze« zum titelgebenden, übergreifenden Sujet der diesjährigen Festivalausgabe zu machen?

Stefan Streich: Die Musik der letzten Jahre überschreitet zunehmend Genregrenzen zur bildenden und szenischen Kunst. Außerdem sind Grenzerweiterung bzw. -überschreitung immanente Eigenschaften der Neuen Musik: materiell durch neue Klänge und Spieltechniken, technisch durch Elektronik, formal durch Auflösung definierter Abläufe oder Vermischung tradierter Formen der Kunst- und Popmusik. Schließlich assoziiert man mit dem Wort »Grenze« seit einiger Zeit nahezu reflexartig politisch brisante Themen wie Flucht und Vertreibung, Abschottung der reichen Länder vor Flüchtenden aus armen Ländern bei gleichzeitiger Manifestierung postkolonialer Besitzverhältnisse.

field notes: Das Thema ist also zum einen zentral für das Selbstverständnis der Neuen Musik; zum anderen zeichnen sich gesellschaftliche und politische Entwicklungen ab, die eine Auseinandersetzung mit dem Thema »Grenze« notwendig machen. Inwiefern kann die »Grenze« – betrachtet vor dem Hintergrund der Neuen Musik – auch Rückschlüsse oder Hilfestellungen in Bezug auf die gegenwärtigen Problem- und Fragestellungen leisten?

Stefan Streich: Die Setzung eines Themas fokussiert in gewisser Weise das Hören. Selbstverständlich könnten die meisten Stücke auch anders gehört werden. Durch das Thema erweitert sich automatisch die Assoziationskette: Ein sich öffnendes Stück verweist in diesem Kontext neben seinem So-Sein auch auf das Öffnen, Zulassen und die Bereicherung über die Musik hinaus und meint eben auch das Leben und die Gesellschaft.

field notes: Die Klangwerkstatt Berlin ist bekannt dafür, jungen Ensembles und Solist*innen eine Plattform zu bieten. Auch die Vermittlungsarbeit erfährt für gewöhnlich besondere Aufmerksamkeit. Ist das auch in diesem Jahr so?

Stefan Streich: Den Begriff »Vermittlung« habe wir über die Jahre vermieden. Musik muss nicht vermittelt werden. Sie ist selbst ein vermittelndes Medium. Einen pädagogischen Ansatz praktiziert die Klangwerkstatt von Anfang an, es ist hier seit bald 30 Jahren Normalität und inzwischen sind mehrere Musik- (-schül-)er*innengenerationen damit ganz selbstverständlich FESTIVALS 12 FESTIVALS groß geworden. Wie in jedem Jahr gibt es zahlreiche Kinder- und Jugendkonzerte, Instrumental- und Kompositionsstudent*innen und Profis.

field notes: Letztes Jahr wurde die Klangwerkstatt Berlin das erste Mal nach 28 Jahren nicht gefördert und sozusagen in die Grenzen der Projektförderung verwiesen. Hat das die Arbeit des diesjährigen Festivals stark beeinflusst? Was bedeutet das Fehlen der Planungssicherheit für eure Arbeit?

Stefan Streich: Wo soll ich da anfangen? Sinnvollerweise braucht ein Festival wie die Klangwerkstatt Berlin einen Vorlauf von wenigstens ein bis zwei Jahren. Eine jährliche Projektförderung, auf die wir bisher angewiesen waren, betrachtet das Festival jedes Jahr erneut als Einzelprojekt. Planungssicherheit gibt es damit natürlich nicht, Kontinuität ist kaum möglich. Wir haben nun das Glück, durch den Musikfonds und vor allem durch die im letzten Jahr neu geschaffene Festivalförderung der Berliner Senatsverwaltung finanziert zu werden. Darüber haben wir im Moment eine zweijährige Finanzierungszusage und hoffen, ab 2020 in einen vierjährigen Turnus kommen zu können.

field notes: Und nun die abschließende Frage: Gibt es ein Konzert, auf das man sich besonders freuen kann oder etwa einen persönlichen Favoriten? Nein, beim besten Willen kann ich da kein Konzert herausstellen. Die Konzerte sind alle so besonders. Sie öffnen jedes auf seine Weise Türen. Sie machen Herz, Hirn und Ohren groß. Was soll ich da also empfehlen? Alles!

Das vollständige Programm befindet sich im Konzertkalender des field notes Magazins ab Seite 19 und unter www.klangwerkstatt-berlin.de.