Engagierte Musik von Fabian Czolbe

Musik der Jetzt-Zeit und der jeweiligen Gesellschaftskonstellation muss, wenn sie politisch sein möchte, die Gemeinschaft berühren. Dies meint nicht allein die Biotope der Ensembles, sondern insbesondere den Kontakt zum Rezipienten und darüber hinaus. Es kann für politische Musik heute nicht nur um Musik mit oder für ein soziales Umfeld gehen, nein, sie muss Stellung beziehen, kritisch sein und wenn möglich konstruktive Impulse geben.

Bereits innerhalb der Nachkriegsavantgarde sind Ansätze zu beobachten, derer sich engagierte Musik auch heute noch bedient: So reflektieren Werke etwa historische Vorgänge, übertragen die »Autorschaft« an Dirigenten und Musiker oder interagieren mit dem Hörer. Eine politische Musik muss im Zusammenspiel von Sinnlichkeit und Intellekt Bezüge zu unserem konkreten Umfeld herstellen. Erst wenn die klanglich performativen Strukturen der Musik ein Referenzsystem zu unserer sozialen, politischen Alltagswelt erkennen lassen, kann sie auf Gesellschaftsstrukturen wirken. Referenzen können bereits Titel, Texte, Bilder oder akustische Fragmente in und mit der Musik erzeugen, allerdings ist die semantische Aufladung nicht ohne Weiteres immer zielführend, wirken textuelle, visuelle oder akustische Verweisketten bisweilen plakativ. Die Ästhetisierung einer akustischen Dokumentation von Konflikten kann so etwa auch rasch ins Voyeuristische entgleiten. Die semantische Anreicherung ist zwar ein wirkungsmächtiger, zugleich aber auch fragiler Ansatz für eine künstlerische Positionsbestimmung.

Daran anschließend entfaltet zeitgenössische Musik aber durchaus subtile Formen des politischen Engagements, die bewusst über Gewohntes hinausgreifen und neue Ausdrucksmöglichkeiten erschließen. Neben dem kompositorischen Umgang mit unterschiedlichen Medien in Musik und Musiktheater können zudem Akteur*innen in Erscheinung treten, die Festivals, Konzerte, Podien oder Laborsituationen für eine diskursive Teilhabe öffnen. Heute haben es auch Kurator*innen, Festivalmacher*innen oder Institutionen in der Hand, transdisziplinäre Diskurse anzustoßen oder Künstler*innen aus Konfliktregionen zusammenzubringen. Dabei kann bereits das Format Impulse setzen, wenn die Aufführung beispielsweise an einem bestimmten Ort stattfindet oder sich die kollektive Erarbeitung der Musik in konkrete soziale Gefüge einbettet. Musik sucht damit Pfade direkt in die Gesellschaft, ohne Umwege über Konzertsäle oder die mediale Vermittlung gehen zu müssen. Vorsicht ist allerdings dann geboten, wenn Inszenierungen neuer Musik auf »populistische« Topoi rekurrieren, ohne konstruktiv zu werden. Politische Musik fordert nicht nur zum Zuhören, sondern auch zum Nachdenken und zum Handeln auf. Sie schafft Raum für Reflexion und Engagement zur Gestaltung unserer Gesellschaft.

Fabian Czolbe