Hauptstadt-Impulse – Ein Beitrag von O-Ton Kulturmagazin mit Charakter zum Monat der zeitgenössischen Musik

Mehr als tausend Künstler treten im September an 50 Berliner Spielstätten auf, um im erstmalig stattfindenden Monat der zeitgenössischen Musik das Publikum von der Faszination Neuer Musik zu überzeugen. Veranstalter ist die Initiative Neuer Musik, die eigens zu diesem Zweck die Kampagne field notes ins Leben gerufen hat.

„Wir möchten das Bewusstsein dafür schärfen, dass Kunstmusik von heute lebt, dass sie relevant ist und über ästhetischen Ausdruck Einsichten und Erkenntnisse über unsere Gegenwart vermitteln kann“, beschreibt Lisa Benjes ihre Hoffnung für ein Mammut-Projekt, das am 1. September in Berlin startet. Benjes ist Leiterin der Kampagne field notes, die im September vergangenen Jahres ihre Arbeit aufnahm, auf zwei Jahre angelegt ist und nun ihren ersten Höhepunkt im erstmalig stattfindenden Monat der zeitgenössischen Musik findet. „Die Neue oder zeitgenössische Musik wird oft als Nische wahrgenommen. Jedenfalls ist es ein weitverbreitetes Vorurteil, dass sich die Kunstsparte in ihrem Elfenbeinturm am wohlsten fühlt“, sagt die Marketingmanagerin. Kaum eine andere Stadt weltweit allerdings verfüge über eine so bunte professionelle Szene der zeitgenössischen Musik wie Berlin, erzählt Benjes. Eine Szene, die in einem Festival üblichen Ausmaßes gar nicht abzubilden sei. Und so hat sich der Monat zeitgenössischer Musik auch gleich das Musikfest der Berliner Festspiele, Kontakte der Akademie der Künste, das Internationale Klangkunstfestival und die Pyramidale „einverleibt“. Damit kommt der Festspielmonat auf rund 1.000 Musiker in 50 Spielstätten. Eindrucksvolle Zahlen. Wenn am 1. September das Ensemble Mosaik mit Progetto Positano, einem Porträtkonzert von Johan Svensson und Michael Beil, im Heimathafen Neukölln zur Eröffnung des Festivals antritt, wird sich zeigen, ob es field notes gelungen ist, mittels gedrucktem Magazin und Internetaktivitäten potenzielle Besucher so weit begeistert zu haben, dass sie das Angebot in ausreichender Zahl annehmen.

Hinter jeder Kampagne steht ein Auftraggeber. So auch bei field notes. Hier ist es aber nicht, wie zu vermuten wäre, eine jener staatlich finanzierten Institutionen, in deren Aufgabengebiet eigentlich auch die Vermittlung Neuer Musik liegt. „Staatlich geförderte Institutionen wie Konzerthäuser, Opern und Theater kommen ihrer Verantwortung, zeitgenössische Produktionen zu fördern, nur viel zu selten und in viel zu geringem Rahmen nach. Es fehlt den Häusern oft an Mut, ihr Publikum herauszufordern und damit längerfristig an Neues heranzuführen“, stellt Benjes fest. Keine neue Entwicklung. Und so wurde field notes von der Initiative Neue Musik Berlin (inm) ins Leben gerufen, die sich bereits seit 1991 für die zeitgenössische Musik in der Bundeshauptstadt engagiert. „Beides sollte Aufgabe der inm sein: die Präsenz Neuer Musik sowohl in freien wie auch etablierten Spielstätten zu stärken“, verdeutlicht Sebastian Elikowski-Winkler den Anspruch der Initiative, deren Vorstandsvorsitzender der Komponist ist. Die inm versteht sich als Interessenvertretung der Berliner Szene gegenüber Politik und Verwaltung. Sie ist basisdemokratisch organisiert, die meisten Akteure sind Mitglieder der inm und bestimmen auf diese Weise die Kulturpolitik aktiv mit. Berührungsängste kennt Elikowski-Winkler nicht. Erst recht nicht, wenn damit die Gewinnung neuer Besuchergruppen verbunden sein könnte. „In freien Spielstätten werden durch andere Arbeitsweisen eben auch andere Programme gemacht, die sich deutlich von denen großer Häuser unterscheiden. Warum sollte man darauf verzichten? Auch ist die Zuschauerstruktur sicherlich deutlich verschieden, beide ‚Zuhörerschichten‘ für die inm zu erschließen, ist die Aufgabe“, erklärt der Musiker, der darin auch eine „Demokratisierung des Konzertlebens“ sieht. Vielfalt erleben Auch auf anderer Ebene gibt es gerade im Bereich der Neuen Musik Tendenzen der Demokratisierung. „In der Freien Szene wird viel selbstverständlicher experimentiert, und das Publikum hat seinerseits zu schätzen gelernt, Teil des kreativen Prozesses zu sein. Unabhängige Gruppen haben es durch ihre lose Struktur viel leichter, auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren oder diese selbst anzustoßen. Ihre charakteristische Flexibilität, Kreativität, künstlerische Offenheit, aber auch die Bereitschaft zu Scheitern ermöglicht es, Neues zu schaffen“, schwärmt Lisa Benjes. Als Beweis führt sie das Programm des Monats der zeitgenössischen Musik an. Bunt ist es und vielfältig. Zwischen Konzerten, Performances, öffentlichen Proben, Workshops, Klanginstallationen und Diskursveranstaltungen können die Besucher wählen und so die unterschiedlichsten künstlerischen Positionen kennenlernen. Zum Abschluss wird ausgerechnet die Wahlmöglichkeit noch einmal schwierig werden. Denn während Zafraan und Phoenix16 in der Christophorus-Kirche Friedrichshagen das Werk des Lyrikers Johannes Bobrowski in den Fokus stellen, zeigen Ensemble KNM Berlin & friends nahezu zeitgleich im Radialsystem V Die Welt nach Tiepolo. Dann werden Gruppen wie Orchestra MusicAeterna oder das Ensemble Musikfabrik ihr Verständnis von Neuer Musik bereits gezeigt haben. In dieser geballten Form und Länge ist der Monat der zeitgenössischen Musik nicht nur für Berlin einzigartig. Eine gute Gelegenheit also auch für Nicht-Berliner, sich einen Überblick über die Szene der Hauptstadt zu verschaffen und neue Hörerlebnisse zu wagen.

Michael S. Zerban, O-Ton

o-ton.online

Download des Artikels