Vom Außermusikalischen – Stefan Drees

Vor einigen Jahren äußerte Hans-Peter Jahn die Ansicht, man werde der Musik Helmut Lachenmanns doch viel eher gerecht, wenn man ihre Realisierung von den Instrumenten auf impulsgesteuerte Klangwandler verlagere, weil durch diese – an jeder Stelle des Saales unterschiedlich weich oder scharf einstellbar sowie bis ins kleinste dynamische Detail hinein aussteuer- und programmierbar – endlich die Aufmerksamkeit vollständig auf das Hören gelenkt werden könne.

Die aus solchen Worten sprechende Ideologisierung des Hörens geht mit einer Reduzierung der Musik um wesentliche Aspekte einher: Wer wie Jahn argumentiert, neigt auch dazu, Momente wie den Prozess des Denkens und des Niederschreibens von Musik zu akzentuieren, hängt – Relikt einer männlich dominierten Auffassung vom Genie – dem Gedanken eines Ringens zwischen Geist und Material an und sieht letzten Endes das Werk in der Partitur manifestiert.

Allerdings bedürfen niedergeschriebene Notentexte eines Mediums. Spätestens dort, wo Interpret*innen mit ihrer Realisierung betraut werden, wo also das Körperliche einfließt in den Produktionsprozess, gewinnt auch das Außermusikalische an Relevanz. Es kann also gar nicht um reine Klänge gehen: Der Körper ist vielmehr ein außerhalb der Musik liegendes Anderes, das dafür sorgt, dass die Musik ihre Bindung an das Papier verliert und ihre eigentliche Erscheinungsform im Moment der Aufführung findet. Töne sind – um ein Wort Vinko Globokars zu paraphrasieren – eben nicht einfach nur Töne, sondern diejenigen, die sie produzieren, schreiben sich mit ihrem Körperwissen und den daraus resultierenden Aktionen während der Klangproduktion und Aufführung in das Ergebnis ein. Es leuchtet daher ein, dass Musik generell nicht nur aus Klang, sondern auch aus visuellen Informationen besteht, was für die Wahrnehmung den Abgleich unterschiedlicher Sinne unumgänglich macht. Und gerade diese Vieldeutigkeit des Wahrnehmungsereignisses bildet die Grundlage für ein Verständnis von Musik, die auch das Außermusikalische einschließt.

Es ist also nur ein kleiner Schritt, um den Körper über den Umweg einer Partitur oder sonstiger Aufführungsanweisungen auch zum Träger von Botschaften zu machen: Daher kann Musik (wie bei Lachenmann) von den Entstehungsbedingungen des Klangs künden, sie kann aber auch (etwa durch politische Anspielungen, Zitate oder andere Bedeutung tragende Spuren mit Verweisen auf bestimmte Kontexte begünstigt) das Spiel mit Erinnerungen und Erfahrungen in Gang bringen. Die Aufladung mit außermusikalischen Inhalten gehört daher ebenso zur Musik wie der Körper, der sie vom Papier ins Umfeld performativer Praxis katapultiert. Dies unterstreicht, dass Musik – wie alle Kunst – nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern dass sie immer auch einen wesentlichen Teil ihrer Entstehungsbedingungen und der sie umgebenden gesellschaftlichen Realität in sich aufbewahrt, bereit, diese wieder abzustrahlen und im günstigsten Fall auch kritisch zu reflektieren.